Akademie
Die Sylt-Sommerakademie 2009
Feinkörnige Textarbeit, Wind und Weite des Büchermachens und der konzentrierte Stand im Sand:
Aus allen Teilen Deutschlands reisten Ende Juni 15 Bücherfrauen weit in den Norden zur Sommerakademie nach Sylt. In diesem Jahr leiteten die Literaturagentin Susan Bindermann und die Sachbuchagentin Heike Wilhelmi sehr sachkundig und inspirierend das Seminar.
Lag bislang der Fokus der Sylter Seminare auf Textarbeit, erweiterten die beiden in diesem Jahr die Inhalte um berufspraktische Arbeitsfelder der Buchbranche und alltagsrelevante Softskills: die fachgerechte Erstellung von Exposés und Gutachten sowie souveränes Verhandeln im interaktiven Rollenspiel wurden zusammen erarbeitet und die Auswirkungen und Chancen des E-Publishing diskutiert.
Die Seminareinheiten zur Textarbeit widmeten sich Themen wie: die unterschiedlichen Herangehens- und Erzählarten des Genre Sachbuch am Beispiel von Büchern zum Thema »Glück«; der Frage, was gute Roman- und Kapitelanfänge ausmacht; gebrütet wurde über schwer übersetzbaren Textpassagen und versucht, diese ökonomisch bestmöglich zu redigieren; Texte wurden auf ihre verschiedenen Erzählformen abgeklopft – mit einem Exkurs in die Erzähltheorie – sowie das spezielle Genre des Regionalkrimis beleuchtet. Dank der verschiedenen Genre-Ausrichtungen der beiden Seminarleiterinnen – Sachbuch und Belletristik – zog sich die Frage nach den Unterschieden und den Besonderheiten der Textgattungen durch viele Diskussionen hindurch.
Nach bewährtem Sylter Seminarkonzept brachten viele Teilnehmerinnen Texte aus ihrem jeweiligen Arbeitskontext oder der eigenen Produktion mit und diese wurden in die Seminardramaturgie eingeflochten. Sowohl die Themensetzung als auch die Diskussionen profitierten von den unterschiedlichen Blickwinkeln der Gruppe, die sich in diesem Jahr aus Übersetzerinnen, selbstständigen und angestellten Lektorinnen, Agentinnen, einer Verlegerin, einer Autorin und einer Gestalterin von Lesungen zusammensetzte.
Wesentlicher Bestandteil des Seminars und Garant für Frische und Durchhaltevermögen waren die von Sabeth Yu angeleiteten Qigong-Einheiten. Die Mischung aus Geist- und Körperarbeit, die thematische Vielfältigkeit und gleichzeitig detaillierte Textarbeit machten den besonderen Reiz des Seminars aus. Dazu kamen die zahlreichen Gelegenheiten, sich über die Seminarinhalte hinaus während des Essens, beim Strandspaziergang oder abendlichen Kneipenbesuch über berufliche Fragen auszutauschen.
Doch es lässt sich nicht von der Sommerakademie berichten, ohne auf diesen besonderen Ort einzugehen: dieses abgelegene Klappholttal inmitten einer kargen sandigen Heide-Mondlandschaft, mit kleinen in die Dünen geduckten Hütten, dem weiten einsamen Strand, dem Duft der Heckenrosen, den glutroten Sonnenuntergängen, der Glocke, die alle zum Essen zusammenruft, und dem Geist der Lebensreformbewegung, der hier immer noch ein wenig zu wehen scheint. Handy-Empfang gibt es – bei der richtigen Windrichtung – eventuell auf dem Kamm der einen Düne. Und da es so sommerlich warm war, lauschten alle in großer Strandkorb-Runde, vom Lachen geschüttelt, dem selbstgeschriebenen Text von Karen bis nach Mitternacht – mit einem nie restlos verschwindenden Lichtstreifen am Horizont.
PS: Zum Abschluss noch ein paar Zahlen und Fakten: Mindestens 1,5 Dünen trägt der durchschnittliche Besucher der Sommerakademie mit in seine Heimatregion – Tag für Tag rieselt es über Wochen aus Hosentaschen, Rucksäcken, Büchern und – selbst gewaschenen – Socken.
Maren Wetcke Juli 2009
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