Hamburg: LiteraturBrunch 2017 – drei Romane und ihre Autorinnen auf Wahrheitssuche


V.l. Moderatorin Christine Gräbe, Nellja Veremej, Corinna T. Sievers und Paula Fürstenberg

»Drei Arten, sich der Wahrheit zu nähern – poetisch, zielsicher, schonungslos« – unter diesem Motto stand der LiteraturBrunch 2017, für den die Tangotanzschule La Yumba in der Nähe der Reeperbahn den gewohnten festlich-bunten Rahmen bot. Die Veranstaltung der Hamburger BücherFrauen ist in der Hansestadt längst zur Institution geworden ist, und so fanden sich am Sonntagmorgen, den 19. Februar, um 10 Uhr an die 90 Besucher_innen ein. Henning Schaub-Kreiselmeier und seine Mitarbeiter_innen hatten binnen zwei Stunden für sie ein üppiges Büfett gezaubert.

Auf das Frühstück und eine beschwingte Einführung von Moderatorin Christine Gräbe folgten die Lesungen aus Büchern, die unterschiedlicher kaum sein können: Paula Fürstenberg las den Anfang aus ihrem Debütroman Familie der geflügelten Tiger. Was mit der Mutter der Ich-Erzählerin in der Badewanne, einer Igelin im Waschbecken und einer ominösen Nachricht des Vaters auf dem Anrufbeantworter beginnt, wächst sich zu einer Suche nach der Wahrheit über dessen plötzliches Verschwinden 1989 aus. Kurz vor dem Fall der Mauer, als seine Tochter gerade zwei Jahre alt war, ist Jens aus der DDR in den Westen gegangen. Todkrank, wie er inzwischen ist, kann er seiner Tochter, einer angehenden Straßenbahnfahrerin, selbst kaum noch Auskunft geben, aber sie lernt an seinem Krankenbett »neue« Verwandte kennen, die ganz unterschiedliche Versionen zu seinem damaligen Verschwinden erzählen.

Corinna T. Sievers las ebenfalls den Anfang ihres Romans. Sie schickte dem Textauszug die Bitte voraus, nicht den Fehler zu begehen, sie mit ihrer Hauptfigur zu verwechseln. Im Mittelpunkt von Die Halbwertszeit der Liebe steht Margarete, Mitte vierzig, geschieden, von Beruf plastische Chirurgin mit dem Spezialgebiet Penisverlängerung. Sie empfindet nichts beim Sex und hält sich für körperlich abstoßend, beschließt aber trotzdem oder gerade deshalb, sich zu verlieben, und zwar in Hans Heinrich, einen älteren, übergewichtigen, als Koryphäe geltenden Kollegen, dem sie auf einem Medizinerkongress vorgestellt wird. Margarete behält ihren klinischen, auf die Körperlichkeit fokussierten Blick bei und gerät mit Hans Heinrich in eine Konstellation, die zu mehreren Todesfällen führt.

Nellja Veremej führte mit ihrer Lesung in die beiden Zeitebenen von Nach dem Sturm ein. Der Roman spielt zu Beginn des 18. Jahrhunderts und in der Gegenwart in Gradow, einem Festungsort an der Grenze des ehemaligen Habsburgerreiches. Die Hauptfiguren sind bei Veremej männlich: in der Vergangenheit der Flüchtlingsjunge Damir, der mit sechs Jahren abgerissen und verängstigt in die Stadt kommt, dort aber einen rasanten Aufstieg erlebt, und in der Gegenwart Ivo, der in der Festung ein Restaurant führt. In seiner Ehe kriselt es, seine beiden Kinder Boris und Ana sind nicht so geraten, wie er es sich gewünscht hätte, und dann verliebt er sich auch noch in Mira, die Freundin seines Sohnes, die in Gradow im Museum arbeitet. So unterschiedlich die Romane, so unterschiedlich auch die drei Autorinnen und ihre Lebens- und Schreibumstände, wie sich in der – souverän von Christine Gräbe moderierten – Podiumsdiskussion herausstellte.

Nellja Veremej, geboren in der Sowjetunion, seit 1994 in Deutschland lebend, hat Russische Philologie studiert, schreibt aber nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Deutsch, und zwar, wie sie erzählte, ganz direkt und nicht über den Umweg einer Übersetzung aus dem Russischen. Dass sie dabei hochpoetische, ungewöhnliche Bilder findet, belege ihr Roman auf jeder Seite, meinte die Moderatorin, dass sie dabei in ihrer Wortwahl anfangs nicht immer richtig liege, berichtete die Autorin mit großer Offenheit: So habe sie wiederholt das Wort »zaghaft« in ihrem Roman verwendet, bis sie darüber aufgeklärt wurde, dass es mit »zack zack«, wie sie dachte, nichts zu tun hat – wie gut, dass es Lektorinnen und Lektoren gibt.

Paula Fürstenberg hat an einem Literaturinstitut in der Schweiz studiert; es habe ihr gut getan, sich dort mit anderen Schreibenden auszutauschen und den Luxus zu haben, sich ohne schlechtes Gewissen allein dem Schreiben zu widmen. Ganz anders Corinna T. Sievers, die Kieferorthopädin mit eigener Praxis am Zürichsee ist. In ihrem Beruf, in dem sie viel mit Kindern zu tun habe, könne sie sich die sarkastische Haltung, die aus ihren Romanen spricht, nicht erlauben, hier sei sie unverstellt empathisch und müsse es auch sein. Ihren nächsten, noch radikaleren Roman werde sie wohl unter Pseudonym veröffentlichen müssen. Bitte zumindest uns BücherFrauen verraten, wie es lautet, damit das Buch uns nicht entgeht, liebe Frau Sievers!

Bei aller Verschiedenheit verstanden sich die drei Gäste unseres LiteraturBrunches offenbar auf Anhieb und reagierten mit großer Neugier aufeinander. Und auch eine Gemeinsamkeit konnte Christine Gräbe aus den drei Autorinnen herauskitzeln: Nicht nur Nellja Veremej schreibt in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache ist, auch Paula Fürstenberg hat darin Erfahrung, schließlich ist an dem Schweizer Literaturinstitut neben Deutsch auch Französisch Unterrichtssprache. In der fremden Sprache sei es ihr leichter gefallen, über explizit sexuelle Themen zu schreiben, meinte sie.

Die Vorbereitungsgruppe des LiteraturBrunches empfiehlt alle drei Bücher auf Wärmste; hier noch einmal die Daten:
Paula Fürstenberg, Familie der geflügelten Tiger, erschienen 2016 bei Kiepenheuer & Witsch
Corinna T. Sievers, Die Halbwertszeit der Liebe, erschienen 2016 in der Frankfurter Verlagsanstalt
Nellja Veremej, Nach dem Sturm, erschienen 2016 bei Jung und Jung.

Text: Brigitte Beier

Foto: Peter Schöffer


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