< Zehn Jahre Sommerakademie: "gut, besser, brillant"

Ausgelüftet am Text arbeiten ...


Karen Nölle: Gründerin der Sommerakademie

Die Sommerakademie auf Sylt feierte in diesem Jahr ein besonderes Jubiläum, denn vor zehn Jahren entwickelte Karen Nölle das außergewöhnliche Seminarkonzept von gemeinsamer „Text- und Körperarbeit am Meer“: ein viertägiger intensiver Austausch unter „Expertinnen des Wortes“– verbunden mit zwei bis drei Sequenzen Körperarbeit am Tag und abendlichen Vorleserunden am Strand.

 

Ausgelüftet am Text arbeiten oder der Geruch nach Nölle

Interview mit Karen Nölle, Initiatorin der Sommerakademie der BücherFrauen

Grit Ellen Sellin: Liebe Karen, wir sitzen jetzt hier im Strandkorb auf Sylt in der Nähe der Heimvolkshochschule Klappholttal. Das Wetter ist schön, Wind und Meer rauschen, und doch treibt uns beide nicht der Urlaub hierher, sondern die Sommerakademie der Bücherfrauen unter dem Titel „Text- und Körperarbeit“. Dieses Mal findet die Sommerakademie zum zehnten Mal statt. Wie kam es dazu und vor allem zu diesem Ort, der doch ganz andere Assoziationen erweckt?

Karen Nölle: Angefangen hat das Ganze als Privatinitiative. Ich hatte mit Mitte Vierzig den Eindruck, dass es schön wäre, Erfahrungen weiterzugeben und dass es wichtig wäre, Lektorinnen, Autorinnen und Übersetzerinnen an einen Tisch zu bringen, damit sie über die Qualität ihrer Arbeit sprechen und über die Unterschiedlichkeit ihrer Rollen. Und das habe ich ein paar Jahre gemacht, bin von Stadt zu Stadt gefahren, oft für die BücherFrauen, und habe mit der Zeit gemerkt, dass wir am Ende der Seminare immer vollkommen erschöpft waren; ich bin mit Kopfschmerzen nach Hause gefahren. Da dachte ich, tolles Thema, schwierige Form. Es wäre gut, neue Ideen zu entwickeln. Ich verfiel auf die Komponenten schöner Ort und Körperarbeit. Wir haben am Anfang mit Qi Gong probiert, inzwischen ist es Pilates geworden.

GES: Die vier Tage jedes Jahr Ende Juni bestehen aus Text- und Körperarbeit. So wird etwa anderthalb Stunden an Texten gearbeitet, dann schließt sich Körperarbeit an. Wie strukturierst du die Inhalte der einzelnen Sektionen?

Karen Nölle: Für mich richtet sich das Seminar daran aus, dass sich professionelle Textarbeiterinnen treffen. Es sind Frauen mit viel Erfahrung, ob sie nun jung oder alt sind. In der Regel sind sie zwischen Mitte Dreißig und Mitte Sechzig. Einmal hatten wir sogar eine 79-jährige dabei, die schon 200 Bücher übersetzt hatte. Diese Frauen werden abgeholt, dort, wo sie Probleme haben. Ich biete jedes Jahr ein Oberthema, einen roten Faden an. In dieser Sommerakademie ist es „Das gelungene Lektorat“. Die Frauen bringen Texte mit. Es sind Texte, in denen sie nicht vorführen, wie toll sie etwas können, sondern Texte, die ihnen Probleme bereitet haben, über die sie gern sprechen möchten. Für mich ist das Zentrale, dass wir an dem arbeiten, was uns zu Hause Schwierigkeiten bereitet, im Büro, im Verlag, dass es hier im geschützten Raum in der Gruppe besprochen und weitergedacht werden kann.

GES: Lässt sich von einer Art weiblichen Fokus der Textarbeit sprechen, eine bestimmte Ehrlichkeit, wie mit dem Text umgegangen wird?

Karen Nölle: Ich hoffe sehr, dass wir eine besondere Ehrlichkeit erreichen, vielleicht  hilft die Umgebung dabei. Wir sitzen hier ja nicht im Nadelstreifen, das würde nicht zum Strand, nicht zu Klappholttal passen, sondern wir sind so angezogen, wie wir uns nach dem Schwimmen im Meer am Morgen kleiden. Das macht schon etwas aus. Die Frisuren sind winddurchpustet, Schminke lohnt sich nicht, insofern entsteht eine gewisse Natürlichkeit fast von selbst: Das ist das Element, das mir sehr wichtig ist: Früher musste ich sehr viel Arbeit hineinstecken, um diese Natürlichkeit herzustellen, den Mut zu verbreiten, sich in der Gruppe auszutauschen. Denn es kostet auch Mut, Probleme zu
präsentieren.
 
GES: Es nehmen Autorinnen, Lektorinnen, Übersetzerinnen, Layouterinnen, auch Agentinnen an den Seminaren teil, egal ob frei oder festangestellt.

Karen Nölle: Es ist eine Mischung von Frauen, die an verschiedenen Stellen in der Abfolge der Textproduktion und Textakquise arbeiten, und es macht Spaß, die Aufgaben und die Verantwortungen auseinander zu dröseln.

GES: Welche Schwerpunkte werden in den jährlichen Seminaren gesetzt?

Karen Nölle: Wir haben Themen zur Dynamisierung von Texten behandelt, dann haben wir über Verknappung gesprochen. In diesem Jahr kümmern wir uns um die Frage, wie viel muss man im Lektorat machen, wie wenig kann man machen, wenn man an den richtigen Stellen ansetzt. Wir haben schon einmal systematisch versucht, die unterschiedliche Verantwortung von Übersetzung und Lektorat zu definieren. Wir hatten Texte von Lektorinnen, an denen sie genau gezeigt haben, wie und warum sie eingegriffen haben und wie sie sich bemüht haben, das bearbeitete Werk dem Original möglichst ähnlich zu machen. Das sind spannende Einblicke in die Werkstatt von Kolleginnen und wunderbare Anregungen für die eigene Feinarbeit.

GES: Es ist die Arbeit an einem Satz, einem Satzteil, einem Wort, wofür uns oft die Zeit fehlt. Und heißt es nicht auch, in die Tiefe eines Textes einzutauchen bringt eine ganz besondere Erfahrung?

Karen Nölle: Das ist auch Luxus. Wir kümmern uns um einzelne Wörter und Wendungen, wofür wir sonst nicht die Zeit haben. In einer Ausdehnung, die sonst gar nicht möglich ist. Das ist Luxus, aber es wirkt auch nach. Dinge, über die wir geredet und gestritten haben – wir sind ja nicht immer einer Meinung und wir kommen auch gar nicht immer bei einer oder gar der perfekten Lösung an –, arbeiten in uns weiter. Mir geht es immer eher um Lösungsansätze und -wege als Rezepte und Regeln. Der Fokus, den wir finden, die Aufmerksamkeit oder die Möglichkeit, Schwerpunkte zu setzen und einzelne Dinge aufzufächern, all das befähigt uns, besser an Texten zu arbeiten, auch wenn man am Schreibtisch im Büro nicht jeden Satz so drehen und wenden kann.

GES: Das Besondere ist nicht nur Sylt, die Freiheit des Meeres und der Landschaft, es ist auch die Freiheit, sich die Zeit zu nehmen in Texte einzutauchen.

Karen Nölle: Und mit echten Fragen kommen zu können. Ich finde es toll, dass die Frauen mit einem Problembewusstsein kommen, sie kommen nicht, um etwas Bestimmtes dazuzulernen, die vier Schritte zum sauberen Text oder dergleichen, sondern sie kommen hierher, weil ihnen irgendetwas nicht so gelingt, wie sie es gern möchten, und sie wittern weitere Möglichkeiten hinter der nächsten Ecke. Dadurch entsteht ein Wille weiterzugehen, sich zu öffnen, Neues hineinzulassen. Das macht die Atmosphäre so wunderbar, und das macht auch die Wirkung so nachhaltig.

GES: In den vergangenen zehn Jahren ist etwas entstanden, dass du nun teilweise weiterbegleiten wirst. Was ist dein Wunsch für die nächsten Textseminare der Sommerakademie?

Karen Nölle: Meine einstige Privatinitiative habe ich gern als Sommerakademie in die Akademie der BücherFrauen eingegliedert. Und ich fände es ein Unding, wenn diese Sommerakademie von einer Person geprägt wäre. Es ist gut, dass es jetzt die Gelegenheit geben wird, mit anderen Leiterinnen zu arbeiten. Dass sich auf diese Weise eine Vielfalt von Formen ergibt. Wie es jetzt geplant ist, wird es in den nächsten zwei Jahren andere Leiterinnen geben. In drei Jahren würde ich gern noch einmal wiederkommen, wenn ich erfrischt bin und neue Ideen habe. Ich bin gespannt, wie sich die Erwartungen an die Text- und Körperarbeit am Meer bis dahin entwickeln!

Interview und Fotos: Grit Ellen Sellin

 


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