Gabriele Tergit: Vom Frühling und von der Einsamkeit (Reportagen)

Fast hundert Jahre alt sind die Gerichtsreportagen, die Gabriele Tergit zwischen 1924 und 1933 in Berliner Zeitungen veröffentlichte – aber viele wirken beklemmend aktuell: Junge Nazis machen Hetzjagd auf zwei Chinesen, die Polizei kommt dazu und nimmt die Chinesen fest. Frauen leiden unter dem § 218, eine Heiratsschwindlerin, die vier ältere Herren um ihre Ersparnisse erleichtert hat, wird viel strenger bestraft als die Männer ihrer Zunft, weil eine Frau in ihrem Alter (54!) ja wohl nicht mehr mit Männern anzubandeln hat, ein als Gutachter geladener Sexualwissenschaftler erklärt die Angeklagte für nicht zurechnungsfähig, da sie gerade in den Wechseljahren war. Der Sexualwissenschaftler hieß Magnus Hirschfeld, und das ist nun wirklich ernüchternd. Aber auch Gabriele Tergit, die mit scharfem Blick und sprachlichem Witz die Szenen im Gerichtssaal beschreibt, gibt manchmal befremdende Urteile ab: Ein Mann, der gern Frauenkleider trägt und so gewandet auf offener Straße in Berlin Würstchen verzehrt, wird deshalb vor Gericht gestellt, aber freigesprochen. Richtig so, findet Tergit, denn er kann ja nichts für seine Veranlagung, dennoch muss die Gesellschaft sich vor ihm schützen. Was am Tun des Würstchenessers so bedrohlich ist und auf welche Weise die Gesellschaft sich schützen sollte, verrät sie nicht. Was sicher auch für eine Gerichtsreportage zu viel verlangt wäre, aber an solchen Stellen haben wir dann doch die Hoffnung, dass sich seit damals ein paar Dinge zum Guten geändert haben. Auch gab es damals nur Richter und Staatsanwälte, ab und zu mal eine Verteidigerin, sonst waren die Berliner Gerichte eine reine Männerwelt – hier hofft Tergit auf baldige Verbesserung. Dass Frauen vor den Männergerichten kaum Chancen auf faire Behandlung hatten, zeigt das Beispiel des an sich ja progressiven Magnus Hirschfeld – und Tergit lässt es nicht an Beispielen für die frauenfeindliche Justiz ihrer Zeit fehlen. Den Ansatz zu einer Veränderung sieht sie darin, dass neuerdings (1931) viele junge Paare im Zuschauerraum sitzen und die Verhandlungen verfolgen. Der Wandel hält sich indes noch sehr in Grenzen: „Der junge Mann erklärt die Vorgänge dem Mädchen, nicht umgekehrt.“

Gabriele Tergit: Vom Frühling und von der Einsamkeit. Reportagen aus den Gerichten
Schöffling & Co, 2020
368 Seiten. Gebunden. Lesebändchen.
ISBN: 978-3-89561-494-1, 28,00 €

Eine Empfehlung von Gabriele Haefs ghaefs(at)aol.com

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Dr. Gabriele Haefs arbeitet als freie Übersetzerin und Autorin. Ihr Buch "111 Gründe, Wales zu lieben“  erschien im Mai 2019 im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf.
Foto: Miguel Ferraz

Transparenzhinweis: Die Autorin empfiehlt das Buch aus Eigeninteresse und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

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