Christiane Höhmann: Letztes Licht (Roman)

Alles könnte so schön sein: Richard und Almut haben sich nach der Rente ihren Traum erfüllt und ein Haus in der Toskana gekauft. Dort verbringen sie nun ihren Lebensabend, genießen das mediterrane Klima, die italienische Lebensweise und den schönen Ausblick auf das Mittelmeer. Sie wohnen am Rande eines Pinienwaldes, ein schmaler Weg führt von ihrem Hause hinunter in eine kleine Bucht, wo sie gerne schwimmen gehen.

Doch so idyllisch sich die Beschreibung dieser überschaubaren Welt anhört, ist sie nicht. Denn Richard und Almut wurden verlassen. Indra, ihre Tochter, ist verschwunden. Drei Tage vor ihrem 18. Geburtstag, an einem gewöhnlichen Samstagmorgen, stellt das Ehepaar fest, dass ihre Tochter nicht, wie erwartet, zu Hause ist. Auch ihr Handy, Pass und Sparbuch fehlen.

Freunde werden befragt, die Polizei wird benachrichtigt, Nachforschungen werden angestellt. Nachdem die Eltern die Hoffnung an eine Entführung aufgeben müssen, bleibt nur noch die nackte Wahrheit: Indra ist freiwillig gegangen. Mit ihr sind auch ihre Freunde Titus und Martin verschwunden. Und schnell wird klar, dass sich die drei über die Türkei auf den Weg nach Syrien gemacht haben, um sich dem IS anzuschließen.

Die Autorin, Christine Höhmann, erzählt die Geschichte aus der Perspektive des Vaters. Dieser erzählt in Rückblenden vom Leben der Familie und vom Verschwinden seines einzigen Kindes. Es wird deutlich, dass das Zusammenleben zwischen Indra und ihren Eltern kein einfaches war. Indra scheint von klein auf ein eigenständiges Mädchen zu sein, das immer wieder gegen die elterliche Fürsorge aufbegehrt und das darauf bedacht ist, auf eigenen Füßen zu stehen.

Richards Rückblicke auf die Vergangenheit wechseln sich mit Beschreibungen seines gegenwärtigen Lebens ab. Und auch hier täuscht die Idylle: denn Almut ist ebenfalls im Begriff, Richard zu verlassen. Dies passiert jedoch nicht durch einen bewussten Akt der Trennung, sondern durch ihre Krankheit – Almut ist an Demenz erkrankt und entzieht sich mehr und mehr dem Leben, auch dem gemeinsamen.

Die Leserinnen und Leser begleiten Richard auf seinem Weg der Aufarbeitung dieser Verluste. Der Erzählton ist dabei distanziert, beinahe kühl. Damit gelingt es der Autorin, Indras Akt des Weggehens, erträglicher zu machen. Warum sich jedoch eine junge Frau, die gegenüber ihren Eltern stets selbstbestimmt aufgetreten ist, in die Arme eines autoritären Terrorregimes flüchtet, wird nicht deutlich. Überhaupt bleibt das Verhältnis zwischen Tochter und Eltern schemenhaft. Der Vater berichtet darüber wie ein außenstehender Beobachter. Das mag daran liegen, dass er beruflich viel unterwegs war und somit die Mutter den familiären Bezugspunkt für die Tochter darstellte. Dennoch
mutet seine Distanz zuweilen befremdlich an. Besonders Konflikte zwischen Indra und ihren Eltern werden beschrieben, Schilderungen von familiärer Nähe und Zuneigung sind dagegen selten.

An der Ungewissheit, ob Indra noch am Leben ist, zerbrechen Mutter und Vater fast. Die Demenzerkrankung Almuts erscheint geradezu eine Flucht aus dieser Verzweiflung. Richard dagegen begehrt gegen die Vereinnahmung durch die Lücke, die Indra hinterlassen hat, auf und versucht, sein gegenwärtiges Leben so gut wie möglich zu genießen.

Der Autorin gelingt das feinfühlige Porträt eines Elternpaares, das sich mit dem Verlust des eigenen Kindes auseinandersetzen muss. Der sachliche Ton, in dem die Erzählung verfasst ist, hilft dabei, das Unfassbare des Geschehens zu ertragen. Auch die atmosphärischen Landschaftsbeschreibungen der neuen toskanischen Heimat, in die sich Richard und Almut zurückgezogen haben, spiegeln den Versuch Richards wider, das Geschehene hinter sich zu lassen und nach vorne zu schauen. Der Versuch, Indra loszulassen, gelingt ihm jedoch nur bedingt.

Gegen Ende entwickelt die Geschichte noch einmal eine besondere Dynamik, die dazu führt, dass einige Fragen, die beim Lesen aufgekommen sind, beantwortet werden. Ob Richard und Almut mit Indras Verschwinden Frieden schließen können, oder ob sie Indra gar wiederfinden, soll an dieser Stelle jedoch nicht verraten werden.

Christiane Höhmann: Letztes Licht
kalliope paperbacks, 2020
Klappenbroschur, 212 Seiten; 15,00 €
ISBN 978-3-9820327-4-0

Eine Empfehlung von Inka Bankwitz; inka.bankwitz [at] klueba.de.

nullFoto: Sabine Arndt

Inka Bankwitz arbeitet als Redaktionsassistentin in der Pressestelle der Universität Heidelberg. Davor war sie 16 Jahre lang im Lektorat eine juristischen Fachverlages tätig. Von 2015 bis 2020 war sie zudem Regionalsprecherin der BücherFrauen Rhein-Neckar.

Transparenzhinweis: Die Autorin empfiehlt das Buch aus Eigeninteresse und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

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