Nun hab dich doch nicht so

#aufschrei-Aktivistin und Feministin Anne Wizorek auf der BücherFrauen-Jahrestagung 2015. Foto: Heidi Wendelstein

Anzügliche Kommentare, ungerechte Bezahlung, peinliche Klischees in Werbung: Sexismus gegen Frauen hat viele Gesichter. Auf der 25. Jahrestagung der BücherFrauen e.V. auf der Comburg in Schwäbisch-Hall sprach die Feministin und #aufschrei-Aktivistin Anne Wizorek vor dem Branchennetzwerk darüber, warum nach der Netz-Wut nun Taten, Debatten und weibliche Solidarität gefragt sind. Von Nina George

Schwäbisch Hall, 15.11.2015 I
Ich zähle Frauen. Neulich zum Beispiel: Die Buchpräsentation des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani: vier Männer auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin, null Frauen. Der Büchner-Preis der Akademie für Sprache und Dichtung ging vierundfünfzigmal an Männer, neun Mal an Frauen. Die Quote des Nobel­preises für Literatur: 98 Männer, 14 Frauen. Literaturbeilagen der Feuille­tons: Auf fünfzehn Männerromane kommen im Schnitt 1,5 vorgestellte Werke von Frauen.

Frauen sind die Fußnote der geistigen Führungsschicht. Dass sie außerdem rund 22 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen in derselben Position, nur zu 5,4 % in den DAX-Vorständen vorkommen, häufiger sexuell belästigt, über ihr Äußeres definiert und bei Beschwerden darüber als Quotilde, Hysterikerin oder Mädchen, das keinen Spaß versteht, bezeichnet werden, macht mich maßlos wütend. Wenn ein Feminismuskritiker (oder eine –in) auch noch fragt, ob das nötig sei, so eine „männerdiskriminierende “ (Zitat Veronica Ferres) Quote von 30 Prozent Frauenanteil in Managements, wie sie das Gesetz seit 1.5.2015 eigentlich vorsieht, verweise ich bei meinem Hang zum Jähzorn und rustikalen Erwiderungen lieber auf Anne Wizorek.

Anne Wizorek (34), im Internet und in Berlin beheimatet, zündete den Funken, der 2013 die Debatte über den Sexismus gegen Frauen in Deutschland zum Brennen brachte: Unter dem von ihr geprägten Hashtag #aufschrei sammelten sich vom 25. bis zum 31. Januar 57.000 Tweets. Die #Aufschrei-Debatte schob eine Tatsache ins gesellschaftliche Bewusstsein, die so schmerzhaft wie absurd ist: Die Gleichberechtigung – und Gleichbehandlung – ist die Ausnahme. Nicht die Regel.

Zur 25. Jahrestagung der BücherFrauen – alles Frauen, null Männer – berichtete Wizorek, zwei Jahre nach dem Wut-Sturm in Netz, über Zahlen und Zusammenhänge. So etwa: Die Ungleichbehandlung beginnt bereits beim Taschengeld. Zwischen 9 bis 13 Euro mehr erhalten Jungs im Gegensatz zu gleichaltrigen Mädchen (KidsVA 2011). „Werdende Eltern gehen als Paare von 2015 in den Kreißsaal und kommen als Familie aus den Fünfzigern wieder raus“, kommentierte eine BücherFrau das Phänomen. Professorinnen bekommen tausend Euro weniger im Monat als ihre männlichen Kollegen. Redakteurinnen erhalten 88 Cent von dem Euro, den ihre Kollegen verdienen. Am fairsten geht es bei den Hausmeisterinnen zu: Hier verdienen Frauen „nur“ 3 % weniger als ihre männlichen Feudel-Herren. Auf gleicherlohn.de sammelt Wizorek weitere Belege über den „pay gap“.

„Vorurteile plus Macht macht Diskriminierung“, sieht die junge Kollegin als ein Grund: „Männern wird Kompetenz ohne Nachfrage zugesprochen, Frauen dagegen abgesprochen. Wenn ein Mann inkompetent ist, gilt er als Einzelfall. Wenn eine Frau scheitert, wird das ganze Geschlecht abgewertet“. Kennen wir ja: Frauen, Einparken, Mathe, Führungs­kompetenz und so. Überhaupt, die Frage der Kompetenz: „Kompetenz ist tradionell keine Maßgabe, um eine Position zu besetzen!“, wies Wizorek nach, „es ist ein Mythos, dass Jobvergabe auf Fähigkeiten beruht – es ist homosoziale Kooptation.“ Was so viel heißt wie: Gleich und gleich gesellt sich gern. Männer nehmen lieber Männer in ihre gehobene Mitte auf. Und dann auch lieber einen durchschnittlich begabten Kerl als eine Frau, die sogar mit Kind (hu!) mehr wegrockt als der Herr Kollege. Da ticken auch Buchverlage kaum anders als Thyssen, VW oder Deutsche Bank.

„Macht, Geld und Einfluss geht an weiße Männer – warum lässt das eine Gesellschaft zu?“ fragt Wizorek zum Abschluss.

Ich zähle Frauen übrigens auch in der Reinigungsprodukte-Werbung. Die gute Nachricht: Da können wir uns über Unterrepräsentation nun wirklich nicht beschweren.

 

Mehr zum Thema:

www. gleicherlohn.de

www.ninageorge.de

www.annewizorek.de

 

Preis € (D) 14,99 | ISBN: 978-3-596-03066-8

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