Nina George fordert: Werden Sie präzise!


Nina Georges Dankesrede zur Ehrung BücherFrau des Jahres 2017 auf der Frankfurter Buchmesse am 12. Oktober 2017

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Regula Venske, liebe Stephanie Hanel, liebe Autorinnen und Autoren, liebe BücherFrauen:

Vor 120 Jahren hielten es Buchhändler für unerträglich, dass sie den geistigen Feinstoff Literatur auf einmal Seite an Seite mit den, Zitat: „dummen Frauenzimmern“ verkaufen sollten. Nur weil die plötzlich von Porzellanmalerei auf Nietzsche umsatteln wollten! Die verschreckten Buchhändler-Gesellen argumentierten mit der Frage der Schicklichkeit, Zitat:

„Sollen achtbare Frauen gezwungen werden, einem jungen Lebemann die neuesten Pikanterien vorzulegen?“

"Aus Princip"

Im Börsenblatt von 1895 findet sich ein Verleger, der Frauen als Buchhändlerinnen ablehnt, wegen ihrer, Zitat: „intellektuellen Defizite“. Ein anderer  beschwerte sich, eine Sortimenterin besäße wegen ihrer Muskelkraft vom Bücherkistenräumen zu wenig „Anmutiges“. Ein dritter Verleger weigerte sich, Werke von Autorinnen zu drucken, „aus Princip“, weil Frauen nun mal nicht Schöpfen und Zeugen, sondern nur Aufnehmen und Transferieren. Männer, ja, die schufen Geist, aber Frauen, die schufen eben … tja … Gedöns.

Als es nicht mehr zu vermeiden war, dass die Weibsbilder mittun, war der lauteste Aufschrei der Buchhandelsgesellen 1905, dass Frauen wenigstens bitte nicht Chefinnen werden dürften, das sei einem Mann wirklich nicht zuzumuten.

Das ist 112 Jahre her. Heute sind fünf Prozent der höchsten Entscheidungspositionen der Buchbranche mit Frauen besetzt; im mittleren Management des Buchhandels und der Verlage zu knapp 20 Prozent.

Man könnte fast meinen, wir kommen voran

– Kommen wir voran?
Autoren gewinnen fünf Mal häufiger als Autorinnen renommierte Literaturpreise, die mit Geld, Ehre und intellektueller Schmeichel-Garnitur verknüpft sind. Autoren werden dreimal häufiger als Autorinnen in den Feuilletons besprochen. Autoren werden drei- bis fünfmal häufiger in Verlagshäusern mit „Anspruch“ im Hardcover veröffentlicht.

Auf den zur Buchmesse inflationären Listen diverser Zeitschriften, Blogs, Sender, Radiostationen, von sechs, 10, 100 besten der besten Must-Reads der Saison, verirren sich im Schnitt zu einem Viertel weibliche Namen, gerne auch mal keiner oder nur einer, und wenn, dann ist diese Autorin vorzugsweise tot. Werke von Autoren sind sechsmal häufiger im Lehrkanon des Deutschunterrichts und des Germanistikstudiums vertreten als von Autorinnen. Kinder und junge Erwachsene wuchsen und wachsen mit der Botschaft auf, es seien Männer, die etwas zu sagen haben, und deren Perspektiven auf die Welt Priorität besäßen.

Wer jetzt übrigens glaubt, daran sei die Überzahl der Entscheider-Herren in den Redaktionen, Jurys, Universitäten und Programmleitungen der Verlage Schuld: Leider nein. Das wäre zu einfach, und einfach ist in der Frauenfrage des kulturellen Lebens gar nichts.

Es geht nicht um Schuld

Im Übrigen geht es gar nicht um Schuld. Es geht nicht um: Frauen gegen Männer. Es geht nicht um die Frage: Wer hat das Wichtigere besser zu sagen? – Sondern um Strukturen, Gewohnheiten, Sozialisation.

Als meine Großmutter Anneliese 1987 meinen Berufswunsch vernahm, rief sie verzweifelt:

„Aber, Kind, Schriftstellerin?! So findest du doch nie einen Mann!“

Sie zählte auf, welche Autorinnen sich umgebracht hatten: Kopf in den Gasofen (Sylvia Plath), Steine in die Taschen (Virginia Woolf), Vergiftung im Wald (Karin Boye). Ob ein junger Mann sich das so je hatte anhören müssen? Haben Oma Walser oder Mama Grass gesagt: „Martin! Günter! Was willst du werden, Buchautor? Nix da! So findest du bestimmt keine Frau und wirst nur depressiv, du wirst jetzt Bürokaufmann!“

Nein. Vermutlich haben die Herren gehört: „Was, Schreiben willst du?! Wie willst du denn da eine Familie ernähren?“ Untertitel: Werde bloß keiner von den Männern, die weniger verdienen als eine Frau.

Sozialisation und Persönlichkeitskäfige funktionieren in alle Richtungen

Wie oft hörte ich von männlichen Kollegen, dass sie gerne mal eine Liebesgeschichte schreiben würden – allein: der Verlag, das Feuilleton, der innere Zauderer ließe sie nicht? Wie oft hörte ich von Verlegerinnen: Wir würden gerne andere Kinderbücher machen, jenseits der Gender-Stereotypen! Allein: Die Eltern kaufen ihren Kindern ungern Bücher, in denen Jungs weinen und Mädchen den Drachen töten.

Das Netzwerk BücherFrauen

Das Netzwerk der BücherFrauen, heute mit über 900 Mitgliedern tätig – Buchhändlerinnen, Verlegerinnen, Autorinnen, Grafikerinnen, Mediengestalterinnen, Marketingexpertinnen, Agentinnen, Übersetzerinnen – arbeitet seit 27 Jahren kontinuierlich an den Antworten der Frauenfrage in der Buchbranche – das gehört neben branchenspezifischen Themen wie Strukturwandel, Digitalisierung oder Urheberrecht zu den Women in Publishing.

Im Prinzip habe ich jedoch erst bei meiner Aufnahme als Mitglied im Mai 2013 begriffen, dass die Hindernisse und Zusammenstöße mit Sexismus oder Ignoranz in meinem persönlichen Berufsalltag, als Journalistin, als Schriftstellerin, als Speakerin, weniger mit meiner Kompetenz oder persönlichem Pech zu tun haben – sondern mit meinem Geschlecht. Mit Strukturen, mit Vorurteilen, mit schlechten Gewohnheiten.

Wir können etwas ändern

Und ich habe mit und von den BücherFrauen gelernt, dass wir das ändern können.
Bücher sind Grundnahrungsmittel einer selbstdenkenden Gesellschaft. Bücher sind emotionale, moralische und kulturelle Erzieher. Mit meinem Dank an die BücherFrauen – das schlüssigste Branchennetzwerk dieser Zeit –, zur Ehrung als BücherFrau des Jahres 2017, appelliere ich gleichsam an Sie, die Verleger und Verlegerinnen, an die Jurys, an Redaktionen, an die Kanonisten der Lehrinhalte, und an Autoren und Autorinnen, sich das Credo der Diversität auf Ihr gesamtes Schaffen zu legen.

Werden Sie präzise.

Sparen Sie nichts und niemanden in Ihrer Literatur, in der Vermittlung von Literaturinhalten, aus; hüten Sie sich davor, bequem zu werden. Ihr Auftrag als Büchermenschen lautet nicht: Verkaufe so viel wie möglich und riskiere dabei so wenig wie nötig. Ihr Auftrag lautet: Erzähle Geschichten. Erzähle von der Welt. Von der ganzen Welt.

Das Bekenntnis zur Diversität ist das Gegengift zur Angst vor dem Anderen; die genaue Wiedergabe, Rezeption und Vermittlung einer vielfältigen Welt das wesentlichste Instrument gegen Anti-Pluralismus, Rechtspopulismus, Misogynie und Xenophobie. Diversität ist das dringendste gesellschaftliche Konzept, was wir derzeit benötigen.
Dankeschön. Auch für die Blumen.


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