Regula Venske: Laudatio auf Nina George, Bücherfrau des Jahres 2017


Liebe Nina,

liebe BücherFrauen,

liebe Damen und Herren, lieber Jens –

auf dem 83. Kongress von PEN International, der Ende September im ukrainischen Lwiw, dem ehemaligen Lemberg, stattfand, wurde neben vielen Resolutionen, etwa zu Themen wie der Todesstrafe, Blasphemie oder der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in etlichen Ländern auch das Women‘s Manifesto verabschiedet. Der PEN macht sich darin für eine Reihe international anerkannter Grundsätze stark und fordert Sicherheit und Bildung für Frauen, Gleichberechtigung vor dem Gesetz, Zugang zur gesamten Bandbreite gesellschaftlicher, politischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Rechte, volle Teilhabe an der Gesellschaft und allen Formen der Öffentlichkeit, Gleichheit auch im Sinne gleicher Bezahlung für Autorinnen und Journalistinnen und natürlich insgesamt das Ende geschlechterbasierter Diskriminierung und der Gewalt gegen Frauen. Selbstverständlichkeiten also, eigentlich.

Warum ich das erwähne? Nun, zum einen, weil eine der Beraterinnen und Co-Autorinnen dieses Manifests Nina George ist, die zu ehren – und der zu danken – wir uns hier versammelt haben. Als Beirätin des deutschen PEN engagiert sich Nina u. a. auch im Women Writers Committee des internationalen PEN.

Zum anderen erwähne ich dieses Women’s Manifesto, weil die darin geforderten „Selbstverständlichkeiten“ in so vielen Teilen der Welt eben leider alles andere als selbstverständlich sind und wir sie immer wieder und immer noch einklagen müssen. Der internationale PEN wurde 1921 gegründet. Aber erst vor 2 Jahren, 2015, wurde mit Jennifer Clement die erste Frau zur Präsidentin dieser bald hundertjährigen Schriftstellervereinigung gewählt. Und im strengen Sinne können wir Frauen bei der Hundertjahrfeier, die 2021 in Oxford steigen soll, noch gar nicht mitfeiern. Frauen wurden nämlich erst im Jahr 1928 zur Mitgliedschaft im noblen Männerclub zugelassen, auf Mitinitiative des deutschen PEN, was uns immerhin freut.

Es war die Zeit, als Virginia Woolf ihren berühmten Essay, „A Room of One’s Own“, „Ein Zimmer für sich allein“, verfasste; die englische Ausgabe erschien 1929 in London. „Warum trinken Männer Wein und Frauen Wasser?“, fragt sie darin, nachdem sie erst bei einer opulenten Lunch-Party an einem Männercollege zu Gast war und dann ein frugales Mahl an einem Frauencollege teilte. „Warum trinken Männer Wein und Frauen Wasser? Warum war das eine Geschlecht so reich und das andere so arm? Welche Auswirkung hat Armut auf Literatur? Welche Bedingungen sind notwendig, um Kunstwerke zu schaffen? Man braucht Antworten! Keine Fragen.“

So weit Virginia Woolf, in einer Übersetzung von Hille Darjes.

Eine Antwort auf die von Woolf gestellten Fragen war die Gründung des Netzwerkes BücherFrauen e. V. im Jahr 1990. Ich kann mich gut daran erinnern, ich war nämlich damals – 1989/90 – kurzzeitig Referentin für berufliche Bildung im Medienbereich bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh und betreute u. a. Seminare für „Führungsaufgaben in Buchverlagen“, in Bibliotheken oder auch Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen. Bei einer Diskussion über Auswahlkriterien hinsichtlich der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Seminare schlug einer der Beisitzer vor, Männern, die beim Bund „gedient“ hatten, einen Sonderpunkt zu geben, da sie einen Dienst für die Allgemeinheit geleistet hätten. Müsste es nicht auch einen Sonderpunkt geben für Frauen, die Kinder großziehen oder großgezogen haben, schlug ich vor, anstatt diese Frauen aufgrund ihres „Karriereknicks“ auszusortieren? „Diese Bewerberin hat ein behindertes Kind, sie wird nie eine Führungsaufgabe wahrnehmen können“, hatte es in einer anderen Gesprächsrunde geheißen – und übrigens war es eine Frau, die so argumentierte.

Das ist noch nicht soo lange her, und wenn wir heute, indem wir Dich ehren, auch einen kleinen Blick zurückwerfen, liebe Nina, so können wir den Prozess der Emanzipation hierzulande, wie er Deine Lebensspanne bislang begleitet hat, vielleicht auf die Formel bringen: „Viel zu langsam viel erreicht“ – Barbara Sichtermann hat hierzu kürzlich ein lesenswertes Resümee vorgelegt.

Etwa im Jahr 1990, als die Bücherfrauen sich gründeten, da muss es gewesen ein, dass eine aufgeweckte, hochintelligente junge Frau in Ostwestfalen sich verdutzt die Augen rieb über die Zumutungen, die sie um sich herum in der Welt wahrnahm. Sodann, stelle ich mir vor, klatschte sie in die Hände und krempelte die Ärmel hoch. Und dann legte sie los mit ihrem Lebenstempo, ihrem Lebensmut und ihrem Lebensprogramm.

Nina George. Allein schon der Name klingt wie gut ausgedacht – und ist aber echt. Und erst die Frau, die ihn trägt! Wäre Nina George eine Romanfigur – ich hätte sie nicht erfinden können. Und ich bezweifle, dass ein anderer Autor dazu in der Lage gewesen wäre. Aber selbst wenn: Sein Lektor hätte sie ihm nicht abgenommen. Das Publikum hätte sie uns nicht geglaubt. Sicher, meine Agentin hätte aus tiefstem Herzen geseufzt und sich das Haar aus der Stirn gestrichen. „Alles schön und prima“, hätte sie gesagt. „Der Name passt. Aber die Frau ist zu gut, um wahr zu sein. Die können wir nicht verkaufen.“

Und dann hätte meine – fiktive – Agentin zur nächsten Zigarette gegriffen. Und ich hätte ihr, so stelle ich mir vor, von meiner Romanfigur vorgeschwärmt.

„Seit 1993, da war sie keine 20 Jahre alt, schreibt sie. Romane, Reportagen, Kurzgeschichten, Essays und Kolumnen. Und sie ist nicht nur höchst produktiv – sie ist auch noch erfolgreich dabei. 63 Wochen lang stand ihr Roman Das Lavendelzimmer auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Er erschien in 35 Sprachen – vielleicht sind es inzwischen auch mehr – und eroberte auch international die Top Ten der Bestsellerlisten, so die New York Times-Bestsellerliste sowie die Charts in England, Australien, Polen, Israel, Griechenland und Italien. 20th Century Fox hat sich die Filmrechte gesichert. Und auch ihr Roman Die Mondspielerin zieht bereits nach, er ist bislang in ein Dutzend Sprachen übersetzt; in diesem Sommer war sie damit in den USA auf Lesereise. Via Facebook hat sie uns sehr anschaulich und interessant an dieser Reise durch ,Not Trump’s Land‘ teilnehmen lassen. Mein persönliches Lieblingsbuch aber ist ihr Roman Das Traumbuch, in dem ...“

„Wer ist ‚uns‘?“, unterbricht mich meine Agentin. Und dann will sie mich belehren. Eine dermaßen erfolgreiche Frau – das gehe nicht. Keine andere Frau wolle das lesen. Und Männer schon gar nicht.

„Aber nein, keineswegs“, ich kann sie beruhigen. „Okay, vereinzelt mag es noch ein paar griesgrämige, misogyne Gnatterköppe geben, die mental im vorigen Jahrhundert stehengeblieben sind, und arme Lieschen, die nicht wissen, ob sie grün oder gelb vor Neid werden sollen. Aber die sind nicht unsere Zielgruppe, ihre Missgunst muss uns doch nicht scheren. Bei den meisten Menschen ist sie total beliebt. Und nicht nur be-liebt – es gibt viele, Männer wie Frauen, die sie aufrichtig lieben. Und übrigens ist sie ja nicht ‚nur‘ Schriftstellerin. Sie ist auch Bundesvorstandsmitglied des VS, also des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, wo sie den Schwerpunkt Urheberrecht und Digitales vertritt. Für dieses Engagement lieben wir sie auch im PEN, denn Hand aufs Herz – auch wenn wir um den Zusammenhang von Autorenrechten und der europäischen Aufklärung wissen – wer hat schon Lust, sich mit dieser ungeliebten Materie, mit E-Lending und Schrankenregelungen und all diesen widerwärtigen Prozent-Punkten hinter dem Komma zu befassen, noch dazu oft auf Englisch oder Französisch? Den meisten Autorinnen und Autoren kommt das alles doch sowieso spanisch vor.“

Meine Agentin nickt, sie kennt die Abrechnungen meiner Verlage, aber sie weiß diskret zu schweigen und das rechne ich ihr hoch an. Schnell fahre ich fort:

„Und als wären PEN und VS nicht genug, ist sie auch noch Mitglied des Verwaltungsrats der VG Wort (BG1) und Vorstandsmitglied des internationalen Three Seas Writers’ and Translators’ Council TSWTC.

Und es ist ja nicht so, als würde sie sich nach Ämtern drängen und hätte nichts Besseres zu tun. Oder als ob ihr das alles irgendwie in den Schoß gefallen wäre. Sie hat sich die Themen beharrlich und kontinuierlich erarbeitet. 2011 gründete Nina George die Initiative ‚JA zum Urheberrecht‘, 2014 folgte die Informationsplattform ‚Fairer Buchmarkt‘, und 2016 schlossen sich auf ihre Initiative hin neun Verbände zum ‚Netzwerk Autorenrechte‘ zusammen, um sich gemeinsam für die Interessen der Autorinnen und Autoren zu engagieren. Inzwischen gehören diesem Netzwerk sogar elf Verbände an.“

Meine Agentin drückt ihren Zigarettenstummel aus und zündet sich schon die nächste an. „Gleich wirst du mir sagen, dass George darüber hinaus auch noch Mitglied im Syndikat, bei den Mörderischen Schwestern, den BücherFrauen, dem Phantastiknetzwerk PAN und noch einigen anderen schreibenden Zünften ist“, murmelt sie.

„Genau“, bestätige ich. „2016 schloss sich auf ihre Initiative hin außerdem das ‚Kompetenzteam Buch‘ zusammen: Vertreterinnen diverser Verbände, darunter BücherFrauen, Börsenverein und PEN/VS erarbeiteten Analysen und Forderungskataloge für den Runden Tisch der Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu Gleichstellungsmaßnahmen von Frauen in Kultur und Medien. Nebenbei war sie auch noch Jurorin in der Jury für den in diesem Jahr erstmals verliehenen Deutschen Selfpublishing-Preis und mischt in der Hauptjury des Europäischen Preises für Kriminalliteratur, des sogenannten Ripper Awards für 2018/19 mit, einer hochkarätigen Jury, der Autorinnen und Autoren aus sechs verschiedenen Ländern angehören.“

„So ein Arbeitspensum klingt unglaubwürdig“, sagt meine Agentin, die selbst einen langen Arbeitstag schiebt. „Wenn das ein Mann wäre, wäre das ein ziemlicher Nerd.“

„Aber zum Glück ist sie eine Frau“, antworte ich. „Und du hast ja gehört, sie ist kein Loner, sondern, im Gegenteil, sozial engagiert, gut vernetzt und bei alledem auch noch menschlich sympathisch. Wie sich ja echte Größe immer in einer authentischen Persönlichkeit zeigt. Zu wahrer Größe, das wusste schon Pippi Langstrumpf, gehört Großzügigkeit. Nina George verkörpert sie wie keine zweite.“

„Ja ja“, sagt meine Agentin. „Klar. Sie ist charmant, witzig, klug ...“

„Hochbegabt“, werfe ich ein. „Eine Synästhetikerin.“

„... und dann kocht sie auch noch hervorragend und kann Tango tanzen? Träum weiter“, sagt meine Agentin.

„Ja, genau“, sage ich. „Außerdem kann sie wunderschön singen, auch vor Publikum, ich kann es bezeugen. Sie hat Sex Appeal und ist trotzdem verheiratet. Und sie geht sehr liebevoll nicht nur mit Freundinnen und Freunden um, sondern auch mit Fremden.“

„Merkst du nicht“, sagt meine Agentin, „dass du viel zu dick aufträgst? So toll kann überhaupt niemand sein. Sie müsste einen kleinen Makel haben, eine klitzekleine Schwäche nur. Wenn sie eine klitzekleine Schwäche hätte, dann wäre deine Romanfigur erst richtig perfekt.“

Ich überlege, ob mir eine klitzekleine Schwäche einfällt. Mmmhh, das ist gar nicht so leicht. Endlich fällt mir etwas ein.

„Kann sein, dass sie ... ein klitzekleines bisschen abergläubisch ist“, sage ich, aber nur ganz leise. „Ich hab ihr mal eine Juister Brötchensäge geschenkt, da geriet sie in eine Krise. Man dürfe keine Messer verschenken, das würde die Freundschaft zerschneiden. Um möglichen Schaden von uns abzuwenden, hat sie mir die Brötchensäge für ein paar Cent abgekauft. Beim nächsten Besuch wollte ich den Fauxpas wiedergutmachen und brachte ihr aus Mallorca einen Sparschuh mit, also ein Sparschwein in Form eines eleganten Damenschuhs, der meiner Meinung nach gut in ihr Bücherregal passte. Aber man darf auch keine Schuhe verschenken, sonst läuft die Freundschaft davon. Wusstest du das? Nun, Göttinseidank hat unsere Freundschaft trotzdem gehalten.“

„Wahnsinn“, sagt meine Agentin und schaut einem Rauchkringel nach. „Das ist echt eine süße kleine Macke. Ja, ich gebe zu, das macht sie perfekt. Aber jetzt soll sie auch noch den Preis der BücherFrauen erhalten? Du übertreibst wirklich maßlos. Noch keine Autorin hat diese Auszeichnung je bekommen.“

„Glaube mir“, sage ich. „Wir stoßen gleich darauf an. Aber nicht wie die Frauen zu Virginia Woolfs Zeiten mit Wasser.“

„Wahnsinn.“ Meine Agentin seufzt. „Eine Selfmade-Frau, wie sie nicht im Buche steht und wie es nur wenige gibt. Ich wünschte, ich würde sie kennen. Eines aber sage ich dir: Solche Frauen findest du nicht in der Literatur. Eine solche Heldin schreibt nur das Leben.“

Danke, liebe Nina, für Dein großartiges Engagement, mit dem Du vielen Frauen, jung und alt, ein Vorbild bist. Danke für die Fragen, die Du stellst, für die Antworten, die Du findest, für Dein Engagement, Deine Solidarität und fürs Nichtlockerlassen.

Und Dank ans Leben, das unsere Lebenswege sich hat kreuzen lassen. Gracias a la vida – und alles Liebe und viel Erfolg weiterhin!

Frankfurt, 12. Oktober 2017

 

Fotos: Heidi Wendelstein

 

 


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