#fbm17: Französische Verhältnisse – Verlegerinnen erzählen. Podiumsdiskussion


Was bedeutet es, Verlegerin in Frankreich zu sein? Gibt es für Frauen Unterschiede in der französischen und deutschen Verlagsbranche? Darüber sprach die BücherFrau Meiken Endruweit am 12. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse mit drei Verlegerinnen aus Frankreich, dem diesjährigen Ehrengastland.

Meiken Endruweit (Moderatorin; freie Lektorin, Übersetzerin und Texterin, Berlin) begrüßt im Namen der BücherFrauen die drei französischen Verlegerinnen und stellt diese »außergewöhnlichen Frauen« kurz vor:

Hedwige Pasquet (Verlagsleiterin der Éditions Gallimard Jeunesse, Paris) studierte Jura und BWL, gründete einen Kindergarten in Trinidad und Tobago und arbeitete dann in Frankreich beim Verlag Gallimard, zunächst im Lektorat für Reiseführer und später im Jugendbuchverlag Gallimard Jeunesse.

Claire Stavaux (Verlagsinhaberin und -leiterin von L’ARCHE Éditeur, Paris) hat vor Kurzem den Verlag für Theaterstücke L’ARCHE Éditeur von Rudolf Rach gekauft. Sie ist in der Theaterfestival-Stadt Avignon aufgewachsen, was ihre Begeisterung für das Theater weckte. In Frankreich studierte sie Germanistik sowie in Berlin ein Jahr lang Theaterwissenschaften. Sie arbeitete zunächst als Übersetzerin, bevor sie bei L’ARCHE Éditeur als Praktikantin anfing, dann als Lektorin tätig war und schließlich den Verlag übernahm.

Joëlle Losfeld (Verlagsinhaberin der Éditions Joëlle Losfeld, Paris) gründete 1992 ihren eigenen Verlag, den sie auch leitet. Verlegerische Schwerpunkte sind die Werke von Autoren aus Frankreich und dem Maghreb sowie Übersetzungen aus dem Englischen. Seit 2003 gehört der Verlag zu Gallimard, aber er ist weiterhin frei in der Programmgestaltung.

Barbara Wiebking (Übersetzerin, Berlin) vermittelt während der zweisprachigen Podiumsdiskussion zwischen Französisch und Deutsch.

Hedwige Pasquet, Claire Stavaux, Joëlle Losfeld, Barbara Wiebking und Meiken Endruweit (v. l.)


Wie ist die Stellung von Frauen in französischen Verlagen?

Meiken Endruweit eröffnet die Podiumsdiskussion mit der Frage, wie normal es in Frankreich sei, dass Frauen in Verlagen Führungspositionen innehaben.

Laut Claire Stavaux seien Frauen in Führungspositionen in französischen Verlagen tatsächlich selten. Meistens begännen Frauen ihre Verlagslaufbahn als Assistentin und blieben dann auf niedrigeren Positionen hängen. Die Aufstiegschancen für Frauen seien geringer als die für Männer. Als sie den Verlag gekauft habe, habe man ihr gesagt, das sei »mutig für eine junge Frau«.

Hedwige Pasquet bezeichnet sich als »Dinosaurier« der Verlagsbranche. Bei Gallimard Jeunesse arbeiteten viele Frauen in interessanten, verantwortungsvollen Positionen mit Einfluss. Je höher die Stellung jedoch sei, desto mehr Männer und weniger Frauen gebe es. Ein anderes Problem ergebe sich daraus, dass sich die Ausbildung verändert habe: Früher seien Verlagsmitarbeiter mit unterschiedlichster Vorbildung in den Verlagen selbst geschult worden. Heute gebe es viele Ausbildungen speziell für Verlagsberufe und somit zu viele Bewerber für zu wenig Stellen im Verlag. Auch gebe es nur eine begrenzte Zahl an Stellen mit höherer Verantwortung, deren Inhaber zumeist nicht woandershin wechselten, weshalb die Mitarbeiter nicht aufsteigen könnten.

Joëlle Losfeld gibt Hedwige Pasquet recht in ihrer Einschätzung. Sie selbst habe sich nicht bewerben müssen, da sie ja einen eigenen Verlag gegründet habe. Sie empfehle jungen Menschen in der Branche, einen eigenen Verlag zu gründen, weil es viel Freude bereite, unabhängig zu sein. Natürlich gebe es auch weniger spannende Themen, wie die Finanzierung über Banken und den Vertrieb; sie interessiere es in erster Linie, Bücher zu veröffentlichen, nicht ein Unternehmen zu führen. Sie hebt hervor, dass in Frankreich in den 1990ern Jahren um die 15 Verlage von Frauen gegründet wurden.

Auf die Frage, wie stark die Hierarchien in französischen Verlagen seien, antwortet Hedwige Pasquet, dass es keine große Hierarchie gebe. Herzstück und Reichtum der Verlagshäuser seien die Autoren; Aufgabe der Verleger sei es, deren Werk bekannt zu machen und zur Geltung zu bringen. Für jeden Bereich (Kinderbuch, Sachbuch, Belletristik, Comic etc.) gebe es bei Gallimard Jeunesse zwar einen Verantwortlichen, aber die Hierarchie sei wenig ausgeprägt. Die Verleger erledigten schließlich nicht alles selbst: Die zahlreichen Mitarbeiter in den Bereichen Marketing und Vertrieb, Herstellung, Rechte, Finanzen, Illustration etc. arbeiteten in flachen Hierarchien zusammen daran, schöne Bücher für die Leser zu verlegen.

Hatten die Verlegerinnen Vorbilder?

Auf die Frage, ob sie ein starkes Vorbild habe, antwortet Claire Stavaux, ihr Vorbild sei die Verlegerin Jacqueline Chambon. Obwohl Claire Stavaux keine Übersetzungserfahrung hatte, habe Jacqueline Chambon ihr nach dem Studium eine Chance gegeben, ihr eine Übersetzung übertragen und die Übersetzung sogar persönlich gegengelesen. Jacqueline Chambon sei eine »grande dame« der Verlagsbranche, die mutige Entscheidungen getroffen habe, wie zum Beispiel die, Elfriede Jelinek ins Französische übersetzen zu lassen.

Joëlle Losfeld erklärt, sie habe so viele Vorbilder, dass sie sie gar nicht alle aufzählen könne. Ihr Vater sei zwar Verleger gewesen, aber zunächst kein Vorbild für sie. Sie bewundere viele Verleger dieses und des vergangenen Jahrhunderts ob ihrer Leidenschaft, insbesondere im Bereich Fiktion. Sie begeistere sich für alle, die im Verlagsbereich mit Herzblut arbeiteten, und bewundere also auch Hedwige Pasquet und Claire Stavaux.

Hedwige Pasquet erzählt, sie hätten die großen Verleger beeindruckt, egal ob Mann oder Frau. Sie schätze sich glücklich, dass Pierre Marchand, der Gründer von Gallimard Jeunesse, sie ausgebildet habe. Sie bewundere an großen Verlegern Talente, die man nicht erlernen könne: Intuition, Spürsinn, Leidenschaft und kämpferischen Einsatz, um Bücher bekannt zu machen. So habe man sich bei Gallimard Jeunesse zum Beispiel für Harry Potter auf Grundlage des Manuskripts entschieden, ohne zu wissen, welch großen Erfolg das Buch später haben würde. Und der Autor Philip Pullman habe mit seiner Trilogie À la croisée des mondes einen starken Anstieg an Literatur, die sich speziell an junge Erwachsene richte, bewirkt.


Gibt es so etwas wie die BücherFrauen in Frankreich?

Meiken Endruweit fragt in die Runde, ob es in Frankreich einen den deutschen BücherFrauen entsprechenden Verband gebe beziehungsweise ob sich die Verlegerinnen eine derartige Organisation wünschten.

Claire Stavaux kennt keine derartige Organisation in Frankreich und würde sich für die Gründung einer solchen auch nicht einsetzen. Sie möchte, dass sich Frauen in der Verlagsbranche dank ihres Engagements und ihrer Arbeit durchsetzen, nicht weil sie Mitglied in einer Frauenvereinigung sind. Sie denke, in ein paar Jahren werde die Geschlechtszugehörigkeit keine Rolle mehr spielen.

Hedwige Pasquet bringt das Thema Kinderbetreuung ins Spiel und möchte wissen, ob es denn in Deutschland Kinderkrippen gebe und ab welchem Alter die Kinder dort aufgenommen würden. Meiken Endruweit räumt ein, dass in Deutschland Theorie und Wirklichkeit auseinanderklafften. Zum Beispiel sei es in Berlin schwierig, für Kinder unter drei Jahren einen Krippenplatz zu finden. In ganz Deutschland sei die Versorgung mit Krippenplätzen mangelhaft. Zudem gebe es zwar in Berlin Ganztagsschulen, wo die Kinder bis 16 Uhr betreut seien, aber in anderen deutschen Bundesländern kämen die Schülerinnen und Schüler bereits mittags von der Schule heim.

Hedwige Pasquet verweist darauf, dass man in Frankreich sein Baby ab dem zweiten Lebensmonat einer Kinderkrippe anvertrauen könne und Nachmittagsunterricht an den Schulen Standard sei. Damit gebe es in Frankreich keinen Karrierebruch für Frauen nach der Geburt eines Kindes mehr. Das erleichtere die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Heute sehe sie zudem zwei weitere positive Entwicklungen: Für Männer sei es normal, eine Elternzeit von acht bis fünfzehn Tagen zu nehmen. Und heutzutage werde nach einer Scheidung in Frankreich die Kinderbetreuung gleichberechtigt auf Vater und Mutter verteilt. Sie sei dagegen, dass Frauen aufgrund einer Verbandsmitgliedschaft oder von Quoten einen Job bekämen. Was zähle, seien allein die Arbeitsleistung und die Persönlichkeit.


Meiken Endruweit hakt nach, ob die anwesenden Verlegerinnen in Netzwerken organisiert seien.

Claire Stavaux kennt keine Verbände für Verleger. Natürlich träfen sich Menschen aus dem Verlagsbereich auf beruflicher Ebene in Grüppchen, aber unorganisiert. Sie sei früher Mitglied im französischen Verband literarischer Übersetzer gewesen, aber das habe ihr in beruflicher Hinsicht keine Vorteile verschafft. Andere Übersetzer habe sie eher auf freundschaftlicher Ebene getroffen. Dank ihrer Mitgliedschaft im Verband sei ihr jedoch bewusst geworden, wie unterschiedlich die Arbeitsbedingungen für Übersetzer seien. Auch heute noch verteidige sie die Urheberschaftsrolle von Übersetzern.

Hedwige Pasquet erklärt, sie kenne keine Netzwerke im Verlagsbereich, eher in anderen Berufssparten. Sie würde auch nicht einer Organisation beitreten wollen. Autoren, Illustratoren und Verlegern sei Unabhängigkeit wichtig.

Joëlle Losfeld ergänzt, sie kenne eine Gruppe unabhängiger Verleger, die sich gegenseitig mit Rat zu beispielsweise juristischen Themen unterstützten.

Meiken Endruweit bedankt sich herzlich bei allen Beteiligten und beschließt die Diskussion mit dem Hinweis darauf, dass nun die Ehrung der BücherFrau des Jahres am gleichen Ort folge.


Text: Florence du Prel, Stuttgart 

Fotos: Heidi Wendelstein


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