#fbm17: Unbewusste Prägung: Die Verantwortung von Publizierenden


Iris Bohnet, Valeska Henze, Zoë Beck, Daniela Seel (v. l.)

Auf die ungleichen Arbeits- und Karrierebedingungen für Frauen und Männer in der Buchbranche wurde in den letzten Jahren in Studien der BücherFrauen und des Kulturrats aufmerksam gemacht, ohne dass dies viel geändert hat. Verantwortlich dafür sind unter anderem unbewusste Prägungen, die unser Handeln und Denken, unsere Werte und Ideale bestimmen und damit die Strukturen und Prozesse unserer Arbeits- und Lebenswelt formen. Die Diskussion darüber fand am 11. Oktober 2017 im ORBANISM SPACE statt, dem offiziellen Digitaltreffpunkt der Frankfurter Buchmesse.

Das Panel

Dr. Valeska Henze lud als Moderatorin im Namen der BücherFrauen e. V. dazu ein, das Thema »Gendergerechtigkeit im Publishing« mit Iris Bohnet (Verhaltensökonomin und Professorin für Public Policy an der Harvard Kennedy School in Cambridge), Zoë Beck (Autorin und Verlegerin von CulturBooks) und Daniela Seel (Autorin und Verlegerin von KOOKbooks) aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten.

Worüber wurde debattiert?

Wie können Frauen sichtbarer werden? Wie können sie besser bezahlt werden? Wie wird frau im Job besser befördert? Die waren einige der Einstiegsfragen, die Dr. Valeska Henze ihren drei Panel-Teilnehmerinnen stellte.

Das Bohren dicker Betonwände  

Die BücherFrauen haben seit über 25 Jahren in den verschiedenen Regionalgruppen ein breit gefächertes Angebot an Weiterbildungen sowie Mentoring-Programmen. Trotzdem machen wir die Erfahrung, dass die Prozesse sehr langsam voranschreiten und zwischendurch immer wieder stagnieren. Dabei stoßen wir auf Barrieren. Die »gläserne Decke« bleibt starr. Der Durchbruch von qualifizierten Frauen in der Buchbranche gestaltet sich als eine zähe Entwicklung. Um hier voranzukommen, bedarf es des Engagements auch weiterer Teile der Buchbranche.

What works?

Mit welchen Tools kann angesetzt werden, um die Zahl von Frauen in Führungspositionen wie auch die allgemeine Entlohnung einer »Gleichstellung« näher zu bringen? Iris Bohnet erläuterte anhand einer ganzen Reihe konkreter Beispiele, wie unbewusste Prägungen sich in unsere vermeintlich rationalen Entscheidungen einschleichen. Ihr erstes Beispiel ist das sogenannte Heidi/Howard-Dilemma. Beide machen einen guten Job. Doch Frauen fallen stärker in die Sympathie-Kompetenz-Falle. An dieser Geschichte erläutert sie, dass unbewusste Vorurteile allgegenwärtig sind, Vorurteile aus den Köpfen zu vertreiben sehr schwer ist und es anschaulicher Beispiele bedarf, um ein neues Verhaltensdesign zu erlernen und langfristig zu verändern.

 

Mit welchen Stereotypen ist man konfrontiert – welche verzerrten Wahrnehmungen erlebst du?

Zoë Beck geht darauf ein, dass im Genre der Kriminalromane frau mit quasi einer Aufteilung konfrontiert wird, was Frauen und was Männer lesen und mit welchen Erwartungen an weibliche und männliche Autor*innen herangetreten wird. Sie erklärt, dass von Autorinnen »Frauen-Spannung« erwartet wird. Diesen Erwartungen entspreche sie nicht und bekomme daher den Vorwurf zu hören, »zu männlich« zu schreiben. Diese Stereotype bestehen sowohl in den Köpfen der Verlagsmitarbeiter*innen als auch bei den Leser*innen. Das hat dann Auswirkung zum Beispiel auf die Gestaltung des Covers. Zoë Beck schätzt, dass die Bücher von Autorinnen häufig nicht so ernst genommen werden wie die ihrer Kollegen. Auch bei Preisen und Auszeichnungen besteht hier eine Diskrepanz.

Sie schlägt vor, um die Strukturen in der Buchbranche zu verändern, das Beispiel von Iris Bohnet aufzugreifen. »Spielen hinter dem Vorhang« war das ausschlaggebende Moment, um die Anzahl der weiblichen Musikerinnen in großen Orchestern von einer verschwindend geringen Menge zu gut 50 Prozent wachsen zu lassen.

 

Bestehen in der Lyrik die gleichen Genderstereotype?

Daniela Seel stellte fest: »Es ist deutlich besser geworden. Gerade wenn man es noch vergleicht mit den Zeiten von Ingeborg Bachmann. Diese wirklich katastrophale Sexualisierung, Mythologisierung, die da passiert ist und ja bis heute noch fortgeschrieben wird. Das hat sich sehr stark gewandelt und es ist wahrscheinlich im Lyrikbereich besser als in anderen Bereichen des Literaturbetriebs. Es gibt sehr starke Dichterinnen, die auch als solche angesehen werden und prämiert werden.« Es gebe aber auch hier die Geschlechterdifferenzen; Stipendien und höher dotierte Preise gingen auch hier mehrheitlich an Lyriker. Auch die Prozesse der Kanonisierung seien überwiegend auf Männer zugeschnitten. Die familienfeindlichen Kriterien der Aufenthaltsstipendien seien ein Punkt, der dringend angegangen werden müsse.

In ihrem Verlag KOOKbooks bestehe eine 50-%-Quote für Autorinnen. Dies sei keine Frage der Qualität, denn es gebe viele Autorinnen, die nur meistens nicht so häufig verlegt würden. Daniela Seel schildert am Beispiel von Monika Rinck, wie diese sich am Anfang gegen den Vorwurf des Intellektualismus durchgesetzt hat und heute nicht nur ein Standing hat, sondern auch Anerkennung erhält und ein Vorbild ist. Der Lyrikbereich, mutmaßt sie, ist geprägt von Independent-Verlagen, und da gibt es keine gegenderten Cover. Wobei zu der Frage auch Daniela Seel feststellt: »Es gibt noch wahnsinnig viel Luft nach oben.«

 

Chancengleichheit eine Chance geben

Iris Bohnet erläutert in ihrem Schlusswort, dass die Quote die Sichtbarkeit von Frauen vergrößert. Es reicht nicht, eine Frau zu sehen, denn diese könnte für die Ausnahme gehalten werden. »Sehen heißt glauben und wenn wir keine Frauen sehen, können wir es uns nicht vorstellen. […] Wir alle hier, die auch schreiben, haben auch so ein bisschen die Verantwortung, die Bilder in unseren Köpfen umzuverändern und der Chancengleichheit eine Chance zu geben.«

Text und Fotos: Yvonne de Andrés

Zum Live-Mitschnitt der Diskussion


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