„1968 – Was war, was blieb, was kommt von den Frauen?“


Podiumsdisskussion_lbm_2018

Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse 2018: Ein Erlebnisbericht von Annalena Weber

Das Jahr 1968 hat für viele Menschen unterschiedlichste Bedeutungen. Für die Podiumsdiskussion „1968 – Was war, was blieb, was kommt von den Frauen?“ im Rahmen der diesjährigen Leipziger Buchmesse sprachen drei Frauen über Ihren Blick auf dieses Jahr und seine Folgen: Regine Elsässer, Mitbegründerin des Frauenbuchladens Xanthippe in Mannheim, Übersetzerin und Bücherfrau des Jahres 2014; Maria Hummitzsch, ebenfalls Übersetzerin und zweite Vorstandsvorsitzende des VdÜ, sowie Alena Wagnerová-Köhler, deutsch-tschechische Publizistin, Soziologin und Autorin. Die Diskussion leitete die Organisationsberaterin und Coach Dr. Eva Douma.

Die 68er hatten auf ganz unterschiedliche Art Einfluss auf jeder dieser Frauen. Für Alena Wagnerová sind sie verwoben mit dem Prager Frühling, einer Zeit des Kampfes und der Hoffnung auf mehr Demokratie und Freiheit, aber auch mit den anrollenden sowjetischen Panzern, die diese Hoffnung im Keim ersticken wollten. Für sie persönlich änderte sich vieles, als sie ihren Mann kennenlernte und legal nach Deutschland reisen durfte. Plötzlich wurde sie nur noch als Frau des Buchhändlers wahrgenommen. Außerdem war für sie, die aus einem sozialistischen Staat kam, die Situation der westdeutschen Frau eher eine Rolle rückwärts.

Regine Elsässer studierte in Köln und erlebte dort die ersten aufkeimenden Studentenproteste. Anfang der 70er, als die Frauenbewegung sich Gehör verschaffte, kam sie gerade aus Finnland zurück, wurde aktiver Teil der Bewegung und konnte in der Auf- und Umbruchstimmung dieser Zeit gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen vieles mitgestalten.

Für Maria Hummitzsch, 1968 selbst noch nicht geboren, ist dieses Jahr stark verschlagwortet und eher mit den USA und dem dortigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen verknüpft. In Ostdeutschland aufgewachsen, waren die 68er im Elternhaus selten Thema. Ihre Mutter arbeitete als alleinerziehende Landärztin immer sehr viel, sie war finanziell unabhängig und für die Tochter ein starkes Vorbild. Der Bruch der Generationen war hier also nicht so präsent. Dass Leben und Karriere verknüpft werden konnte, hatte ihre Mutter schon vorgemacht.

Dies war zum Beispiel für Elsässer ganz anders, da die Frauengeneration ihrer Mutter eher Hausfrauen waren. Im Zuge des Kampfes für mehr Rechte hat die Töchtergeneration viel erreicht. Allerdings steht vieles, was damals erkämpft wurde, heute wieder zur Debatte. Die Frauenbewegung ist, gibt Wagnerová zu, eben immer eine Wellenbewegung. Manche Entwicklungen sind so radikal, dass sie im Laufe der Jahre an Vehemenz verlieren. Die Wellentäler unterschreiten allerdings gewisse Grenzen nicht mehr, wirft Elsässer ein. So ist das Wahlrecht für Frauen heutzutage nicht mehr wegzudenken, und auch die gegenderte Sprache ist in vielen wichtigen Bereichen Gang und Gäbe geworden.

Was bedeutet also Gleichberechtigung heute? Für Hummitzsch heißt es die eigenen Rechte in die Hand zu nehmen und einzufordern, die eigene Position selbstbewusst vertreten zu können. Wagnerová betont hingegen das weiterhin bestehende Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Immer noch leben wir in einer Männergesellschaft und solange der Status der Frau durch den Mann definiert wird, sie weiterhin als Sexobjekt wahrgenommen wird, wird sich an der jetzigen Situation nichts ändern. Elsässer wirft dagegen ein, dass es in der #MeToo-Debatte nicht etwa um Sex ginge, sondern um Macht. Wagnerová ergänzt: Wenn man von der Frau als Sexobjekt spricht, dann geht es um den Missbrauch der Sexualität, also durchaus um Machtstrukturen. Und diese Strukturen gälte es aufzulösen. Man bzw frau müsse die Gleichberechtigung des Unterschiedlichen anstreben.

Wird es also in Zukunft nicht mehr um die Frauenfrage, sondern um die Rechte des Menschen allgemein gehen? Sicher sind Fragen wie die Vereinbarkeit von Lebensentwürfen mehr in den Vordergrund gerückt, antwortet Hummitzsch. Heutzutage haben wir viel mehr Privilegien, als die Generationen unserer Eltern. Von den Folgen der Bewegung in den 70ern profitieren wir noch heute, die Position der Frau ist dadurch sehr viel besser, daher hat sich der Fokus verschoben. Für Elsässer hingegen sind die feministischen Themen noch lange nicht zu Ende diskutiert. Es wurde viel erreicht, aber es gibt auch noch vieles, für das gekämpft werden muss. Die Frauenfrage ist und bleibt wichtig, antwortet sie auf die Frage, welche Aspekte die neue Frauenbewegung angehen solle. Der Dreh- und Angelpunkt bleibt die Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Zwar machen viele Frauen Karriere und sind erfolgreich in ihrem Beruf, entscheiden sich aber gegen Kinder. Das ist ein großes Problem, das auch die neuen Frauenbewegungen angehen müssen. Die Frauenfrage ist, fasst Wagnerová zusammen, eine der kompliziertesten überhaupt, da sie alle Bereiche des Lebens berührt.

Und welche Rolle spielen Buchhandlungen in dieser und noch kommender Bewegungen? Wagnerová betont die Bedeutung kleiner Buchläden, die Qualität einer persönlichen Empfehlung, Elsässer den wertvollen Effekt der Entschleunigung. Zur Wichtigkeit des Buches sind sich ausnahmsweise alle einig. Es ist und bleibt ein nicht wegzudenkendes, mächtiges und einflussreiches Medium den eigenen Ideen und Zielen Gehör zu verschaffen.

Am Ende der Diskussion hat auch das Publikum die Möglichkeiten sich zu äußern. Eine Zuhörerin bekräftigt, dass es beim Thema Gleichberechtigung immer und hauptsächlich um Macht geht und ging. Eine andere betont das Ungleichgewicht der Forderungen: Durchweg ginge es um die Chancen und Möglichkeiten der Frauen ihre Position zu verbessern, aber was würden denn die Männer beitragen? Das Schlusswort gibt eine Zuhörerin, die einwirft, dass die Jugendlichen heutzutage emanzipatorisch auf einem ganz anderen Level anfangen würden. Das macht doch Hoffnung.

Das Jahresthema „50 Jahre 68er – Was bleibt“ wird 2018 unter den Bücherfrauen und in den Medien stark diskutiert.

Weitere Beiträge dazu finde Sie auf unserer Webseite „50 Jahre 68er – Was bleibt“

Außerdem erschien letzte Woche in der Zeit ein Artikel der Bücherfrau Prof. Birgit Dankert über die Jugendliteratur in den 68ern:

Revolte fürs Kinderzimmer: Zeitartikel von Birgit Dankert  (kostenlose Registrierung nötig).


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