Stuttgart: Am Sonntag ist das Badehaus geschlossen


Foto der Lehrerin Fräulein Gaiser, die über die Frauenarbeitsschule berichtet.

Die Lehrerin Fräulein Gaiser berichtet über die Frauenarbeitsschule.

»Das Ziel des Sommerausflugs der Stuttgarter BücherFrauen ist in diesem Jahr Herrenberg im Gäu. Dort empfängt uns am Sonntag, 19. August 2018 die Historikerin und Webbeauftragte der Regionalgruppe Dr. Claudia Nowak-Walz. Gemeinsam mit ihr werden wir auf Frauenspuren durch die Altstadt wandeln und dabei einiges über die Frauengeschichte des Ortes erfahren.«

15 Frauen folgten dieser Einladung, BücherFrauen und Frauen aus Herrenberg. Nach der Begrüßung auf dem Bahnhofsvorplatz durch die Städtesprecherin Ulrike Dörr, die das Netzwerk der BücherFrauen kurz vorstellte, übernahm die BücherFrau und Stadtführerin Claudia Nowak-Walz. Claudia wurde im Verlauf des Rundgangs von drei weiteren Frauen der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg unterstützt. Die Frauengeschichtswerkstatt wurde 2004 gegründet. Es ist eine ehrenamtlich tätige offene Gruppe von derzeit 11 Frauen. Das Ziel ist die Erforschung der Frauengeschichte Herrenbergs und die Öffentlichkeit an den Erkenntnissen darüber teilhaben zu lassen. Das geschieht in Stadtführungen und Veröffentlichungen von Büchern und Broschüren. Außerdem wird eine informative Internetseite gepflegt.

Nun ging es los. Wir starteten unseren Rundgang, der sich zwischen dem 15. und 20. Jahrhundert bewegte, jedoch nicht chronologisch erfolgte.

Foto der Teilnehmerin im Kleid aus den 1950er JahrenAn der ersten Station, der Frauenarbeitsschule, empfing uns Fräulein Gaiser. Gespielt wurde die Lehrerin von Heidi Braitmaier. 1902 wurde die Frauenarbeitsschule gegründet und hatte die Aufgabe, »Töchter jeden Standes aus Stadt und Land durch geordneten Unterricht in weiblichen Handarbeiten gründlich auszubilden«. Wir sind im Jahr 1946 und Fräulein Gaiser plauderte aus dem Nähkästchen. Die Frauenarbeitsschule nahm Mädchen auf, die 14 Jahre alt waren, die Volksschule abgeschlossen hatten und einen guten Ruf besaßen. Die Mädchen durchliefen mehrere Kurse. Zunächst stand das Handnähen an. Die Mädchen lernten Sticken und Flicken. Dann folgte der Maschinenkurs. Da wurden Taschentücher und Handtücher erstellt und auch Bettwäsche, die für die Aussteuer wichtig war. Eine große Kunst war es, Knopflöcher zu nähen. Die mussten von Hand gefertigt werden. So kam die Frauenarbeitsschule zu ihrem Spitznamen »Knopflochkaserne«. Die Krönung schließlich war, Kleider zu nähen. Konfektionsware gab es nicht so viel und war zudem teuer. Fräulein Gaiser brachte etliche Werkstücke mit, auch ein Kleid aus den 1950er Jahren, das in der Zeitschrift »Die Frauenarbeitsschule« mit Schnittmuster abgebildet war. Eine aus der Runde schlüpfte spontan in das Kleid, was großen Jubel unter uns Frauen auslöste.

Foto der Baderin Anna BertschWir machen einen Sprung ins Jahr 1479. An der zweiten Station empfing uns Anna Bertsch, die Baderin vom Neuen Bad, in deren Rolle Christel Grüner geschlüpft war. Ob wir baden wollten, fragte sie als erstes. Das ginge heute nicht, es sei Sonntag, da gehen die frommen Leute in die Kirche. Das Live-Erlebnis einer mittelalterlichen Badestube wurde uns so verwehrt, trotzdem gewährte uns Anna Bertsch intime Einblicke. Die mittelalterlichen Badestuben dienten nicht nur der Körperpflege, die durch eine medizinische Grundversorgung ergänzt wurde wie etwa das Ziehen von Zähnen, sie hatten auch eine soziale Funktion. So manches Geschäft wurde dort eingefädelt. In den mittelalterlichen Badestuben galt Geschlechtertrennung. Die wurde aber nicht immer eingehalten. Es ging oft freizügig zu, Prostituierte wurden vermittelt. Und so hatte manche Badestube einen zweifelhaften Ruf. Anna Bertsch jedoch war stolz darauf, dass sie ihr Bad, das sie von der Stadt gepachtet hatte, ordentlich führte. Ihr Bad war für die ehrbaren Bürger und wurde auch von den Herren des Gerichts aufgesucht. Unterstützt wurde die Baderin von der Magd Maria und ihrem Sohn Hans.

Foto der Nachbarin, die vor dem Spitalgebäude über Maria Andreä berichtet.Weiter ging es zur Spitalkirche. Dort findet sich eine Gedenktafel für den Pfarrer und späteren Prälaten Johann Valentin Andreä. Hinter einem großen Mann steht eine starke Frau. In diesem Fall ist es die Mutter Maria Andreä, die 1550 in Herrenberg geboren ist und aus einer politisch einflussreichen und wohlhabenden Familie stammte. Der Vater und auch der Großvater waren Vögte, was sich mit einem Landrat vergleichen lässt. Beim ehemaligen Spital, einer städtischen Wohlfahrtseinrichtung, die die Versorgung der Alten und armen Alten übernahm, empfing uns eine ehemalige Nachbarin von Maria, dargestellt von Sonja Klaus Condo. Sie erzählte uns aus dem äußerst bewegten Leben der Maria Andreä, die zum einen zur »Mutter der Armen« wurde, aber auch in Eheangelegenheiten kluge Ratschläge zu geben wusste. Marias Lebensstationen führten über Herrenberg hinaus auch nach Tübingen, Stuttgart, Leonberg und Calw. Maria hatte ihre Mutter früh verloren und wuchs bei der Großmutter auf, die sich in Heilkunde auskannte und dieses Wissen an ihre Enkelin weitergab. Dieser Kenntnisse wegen ernannte Herzogin Sibylla von Württemberg Jahre später Maria zur Vorsteherin der Hofapotheke in Stuttgart. Da war ihr Mann, der Pfarrer Johannes Andreä, bereits verstorben. Aber als Hofapothekerin musste sie nicht ein zweites Mal heiraten. Auch konnte sie ihre Mädchen gut verheiraten und den Söhnen ein Universitätsstudium ermöglichen. Maria Andreä starb mit 81 Jahren in Calw.

Die vierte Station führte uns zum Rathaus. Wir sind wieder im 20. Jahrhundert angekommen. Hier stellte unsere Stadtführerin Luise Schöffel vor, die 1914 in Mannheim geboren wurde. Ihr Vater stirbt im ersten Weltkrieg, so ist die Mutter alleinerziehend. Diese Erfahrung ist prägend für Luise Schöffels Engagement für ledige Mütter. In Berlin hat sie eine Beziehung zu einem verheirateten Mann. 1944 wird ihr Sohn geboren. Luise Schöffel zieht nach Süddeutschland und lässt sich zur Lehrerin ausbilden. Als Lehrerin, die alleinerziehende Mutter ist, hat sie einen schweren Stand. Am 8. Juli 1967 gründet sie mit weiteren ledigen Müttern den »Verband lediger Mütter«, 1976 umbenannt in »Verband allein erziehender Mütter und Väter« (VAMV), dessen 1. Vorsitzende sie wird. Luise Schöffel engagiert sich vor Ort im Herrenberger Gemeinderat und der Verband agiert bundesweit. Der Verband hatte maßgeblichen Einfluss auf das neue »Nichtehelichenrecht«, das 1970 in Kraft trat. Für ihre Verdienste erhielt Luise Schöffel das Bundesverdienstkreuz am Bande und schließlich auch noch die Bürgermedaille in Silber der Stadt Herrenberg. Im Herrenberger Teilort Kayh gibt es einen Luise-Schöffel-Weg.

Die letzte Station führte uns zum Beginenhaus, das einen Steinwurf weit von der Stiftskirche entfernt gelegen ist. Die Bewegung der Beginen kommt aus den Niederlanden und hatte im 13./14. Jahrhundert ihre Blütezeit. Mit der Reformation kam der Niedergang. Das Beginenhaus war ab 1489 bewohnt. Es dürfte in seiner Substanz originär sein, weil es vermutlich durch seine Lage am Rande der Stadt den großen Stadtbrand von 1635 unbeschadet überstanden hat. Heute ist das Beginenhaus in privater Hand. Im Mittelalter gab es wenig Lebensentwürfe für Frauen, entweder Heirat oder Kloster oder Begine. Das Leben einer Begine war nicht so streng wie das einer Nonne. Es wurde kein Gelübde abgelegt. Jedes Haus hatte seine eigenen Regeln. Es war eine geschützte Gemeinschaft von alleinstehenden Frauen und Witwen. Die Beginen widmeten sich der Armen- und Krankenpflege und sie kümmerten sich um die Toten. Vielleicht haben die Herrenberger Beginen auch im Spital mitgearbeitet. Außerdem übernahmen sie Aufgaben wie das Backen von Hostien und die Pflege der Paramente (Altar- und Kanzeltücher). 1568 wurde das Beginenhaus durch Herzog Christoph der Stadt zugesprochen. Vier Beginen schafften es, einen Aufschub von zwei Jahren auszuhandeln, dann mussten sie ins Spital ziehen. Dort ist 1580 die letzte Begine verstorben.

Am Beginenhaus endete unser Rundgang. Im Schlosskeller haben wir anschließend den Nachmittag ausklingen lassen.

Text: Magdalene Käfer
Fotos: Brigitte Jetschina

 


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