Sagenhaft: die isländische Leidenschaft für Bücher


Auf dem Podium (v.l.n.r.): Kristín Steinsdóttir, Anika Lüders und Úa Hólmfríður Matthíasdóttir

Sagenhaft: die isländische Leidenschaft für Bücher

Bericht über die Podiumsdiskussion der BücherFrauen mit Kristín Steinsdóttir und Úa Hólmfríður Matthíasdóttir auf der Frankfurter Buchmesse 2011, Moderation: Anika Lüders

Dieser Termin hat Tradition auf der Frankfurter Buchmesse: die BücherFrauen laden ein zur Podiumsdiskussion mit Frauen aus dem jeweiligen Gastland der Buchmesse, um aus erster Hand etwas über die Besonderheiten des dortigen Buchmarktes, das Bücherschreiben, Büchermachen, die Verlags- und Buchhandelslandschaft zu erfahren. Besonders spannend für die BücherFrauen: wie ist die Situation, wie sind die Perspektiven für Frauen in diesem Markt? Ehrengast 2011 ist Island, der "sagenhafte" Inselstaat im Nordatlantik, in dem Erzählungen und Bücher für die Menschen von jeher wichtig sind wie in kaum einem anderen Land in Europa. Die Isländerinnen Kristín Steinsdóttir (Schriftstellerin und Vorsitzende des isländischen Schriftstellerverbands) und Úa Hólmfríður Matthíasdóttir (Leiterin der Rechte & Lizenz-Abteilung des Verlagskonzerns Forlagið) gaben im Gespräch mit Anika Lüders (Literaturübersetzerin für Isländisch) fesselnde, humorvolle und zuweilen kritische Einblicke in ein faszinierendes Land, seine Bücherwelt und die große isländische Leidenschaft für Geschichten.

Kristín Steinsdóttir

Eine Kostprobe erhält das Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten "Salon Weltempfang" in Halle 5.0 gleich zu Beginn, als Kristín Steinsdóttir, eine der renommiertesten isländischen Schriftstellerinnen, die nach Frankfurt gekommen sind, aus ihrem mehrfach preisgekrönten Roman "Ljósa" (deutsch: "Im Schatten des Vogels") liest. Er erzählt die Geschichte einer Frau im späten 19. Jahrhundert, die an einer psychischen Störung leidet und wie die  isländische Gesellschaft zu jener Zeit damit umgeht. Isländischer Originaltext und deutsche Übersetzung sind Themen, die in der Diskussion noch mehrfach anklingen werden.

Bücherphänomen Island

Was macht das "Bücherphänomen Island" aus? Wie kommt es, dass in einer Nation mit ca. 318.000 Einwohnern – ungefähr so viele wie in Bielefeld, wie Anika Lüders launig verdeutlicht – jährlich rund 2,5 Millionen Bücher, d.h. durchschnittlich fast acht Bücher pro Einwohner, verkauft werden?

Úa Hólmfríður Matthíasdóttir

Island sei eine Nation von Geschichten-Erzählern, erklärt Úa Hólmfríður Matthíasdóttir, die seit 1990 regelmäßig die Frankfurter Buchmesse besucht. Es gebe in Island sehr viele kleine Verlage. Verleger zu sein sei einfach, denn den Vertrieb könne jeder selbst machen, quasi "von der Garage aus". Ob die kleinen Verlage überleben, hänge von den jeweiligen Büchern, ihrer Ausstattung und den Themen ab.

Das Gerücht, dass jeder zweite Isländer in seinem Leben mindestens ein Buch schreibe, hält sich hartnäckig...

Nein, es sei nur jeder Dritte, so Kristín Steinsdóttir. Aber ernsthaft: Es sei richtig, dass in Island sehr viele Menschen schreiben. Das habe Tradition. So gebe es beispielsweise die Sitte, dass bei Beerdigungen in der Zeitung "Morgunblaðið" ("Morgenblatt") jeder, der sich dazu berufen fühlt, einen Nachruf auf den Verstorbenen schreibe. Die Zeitung sei seitenweise voll davon. Professionelle SchriftstellerInnen werden in Island vom Staat unterstützt, so dass sie dann tatsächlich vom Schreiben leben könnten. Bis zu 70 Autorinnen und Autoren pro Jahr würden jeweils sechs bis zwölf Monate gefördert, Anfänger manchmal auch nur drei Monate. Und wenn man vom Schreiben allein nicht leben könne, mache man eben zusätzlich etwas anderes. Das sei in Island völlig normal. Sie selbst habe z. B. neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin anfangs auch als Lehrerin, Reiseleiterin und Journalistin gearbeitet. Die staatliche Förderung helfe sehr, und auch deswegen gebe es so viele IsländerInnen, die schreiben.

Original und Übersetzung

Besonders wichtig sowohl für die Autorinnen und Autoren als auch für die Verlage sind in diesem Zusammenhang Übersetzungen. Kristín Steinsdóttir hält sie für überlebenswichtig, weil das isländische Volk eben sehr klein sei und die Anzahl der Leser damit begrenzt. In Deutschland dagegen gebe es Millionen von Leserinnen und Lesern. Die Buchmesse mit der Möglichkeit, die isländische Literatur zu präsentieren, sei für sie wie Weihnachten im Oktober, darin sind sich Autorin und Verlagsfrau einig. Und Úa Hólmfríður Matthíasdóttir ergänzt, dass vor allen die Übersetzungen ins Deutsche für sie besonders wichtig seien. Sie habe die deutschen VerlegerInnen als sehr offen und ohne Angst vor ungewohnten Themen und "unaussprechlichen" Namen kennengelernt. Damit hätten sie auch andernorts das Interesse für isländische Literatur geweckt. Eine deutsche Übersetzung sei oft der Türöffner zur Welt.

Umgekehrt seien auch Übersetzungen ins Isländische von großer Bedeutung – "wir haben nicht nur gute SchriftstellerInnen, sondern auch gute ÜbersetzerInnen!". Schwerpunkte: Literatur aus Europa, vor allem aus Deutschland und Spanien, aus den USA und Südamerika. "Wir möchten mit der ganzen Welt kommunizieren", bringt es Úa Hólmfríður Matthíasdóttir auf den Punkt.

Ob sie denn anders schreibe, wenn sie wisse, dass sie übersetzt werde, möchte Anika Lüders von Kristín Steinsdóttir wissen.

Sie glaube, dass es keine Auswirkungen gehabt hätte. Da sie beim Schreiben jedoch noch nicht gewusst habe, dass der Text übersetzt werde, könne sie es auch nicht wirklich einschätzen. Allerdings habe sie anfangs das Gefühl gehabt, der Leser schaue ihr beim Schreiben über die Schulter und sie dürfe jetzt nichts falsch machen. "Jetzt ist er weg...", erklärt sie schmunzelnd. Und: "Man muss den Drang haben, zu schreiben."

Von Frauen und Männern, Beruf und Familie

Die Buchbranche in Island ist – ähnlich wie in Deutschland – vornehmend weiblich. Führungspositionen sind dagegen, ebenso wie hier, vorwiegend männlich besetzt. Das ändere sich langsam, berichtet Úa Hólmfríður Matthíasdóttir. Von dem Netzwerk BücherFrauen e.V. zeigt sie sich beeindruckt. Denn: auch wenn in Island letztlich jeder jeden kenne, wünscht sie sich, dass sich in ihrem Land Frauen besser organisieren.

Womit die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Raum steht. Das sei in Island inzwischen einfacher als früher und im Vergleich auch einfacher als in manch anderem Land. In Zeiten, in denen hauptsächlich am Computer gearbeitet werde, sei es auch immer häufiger möglich, vom Home Office aus zu arbeiten. Zudem gebe es in Island die Regelung, dass Eltern, die Elternzeit in Anspruch nehmen möchten, diese unter sich aufteilen müssen. Damit sind Arbeitgeber nun offener, Frauen einzustellen, denn auch die Männer nehmen ja Elternzeit in Anspruch. Auf der Buchmesse sind die isländischen Autoren gegenüber den Autorinnen mit 60% leicht in der Überzahl, berichtet Kristín Steinsdóttir, seit 2010 Vorsitzende des isländischen Schriftstellerverbands. Und im Verband seien früher hauptsächlich Männer organisiert gewesen. Der isländische Schriftstellerverband hat aktuell 396 Mitglieder, davon sind gut ein Drittel Frauen, Tendenz steigend: von den zwölf neuen Mitgliedern im Verband seien neun Frauen.

Und wie steht es mit der Anerkennung der Leistung von Frauen in der Literatur?

Kristín Steinsdóttir erzählt, dass "Frauenliteratur" noch in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts schlecht angesehen war, die Autorinnen teilweise verlacht wurden. Ihre Bücher wurden gar als "Kerlingarbækur" ("Altweiberbücher") diffamiert, und als vor drei Jahren zum ersten Mal der Frauenliteraturpreis "Fjöruverðlaun" verliehen wurde, waren die Männer zunächst wenig begeistert. Das sei inzwischen nicht mehr so. Die literarische Leistung von Frauen werde anerkannt. Und der Begriff "Kerlingarbækur" habe einen Bedeutungswandel erfahren, nicht zuletzt, weil die Frauen ihn für sich auf humorige Weise umgedeutet haben. So veranstalten sie unter diesem Titel z. B. regelmäßig vor Weihnachten ein Event, bei dem ausschließlich Bücher von Autorinnen vorgestellt werden.

Island, die Krise und die Literatur

Nach den Turbulenzen, denen Island in jüngster Zeit ausgesetzt war, drängt sich die Frage auf, welche Auswirkungen die Finanzkrise auf die isländische Literatur und die Buchbranche hatte oder noch haben wird. "Wir müssen erst noch begreifen, was da geschehen ist und unser Bild von uns selbst wieder zusammen setzen. Das ist noch längst nicht verarbeitet", so die Einschätzung der Isländerinnen. Úa Hólmfríður Matthíasdóttir berichtet, dass in der Verlagsbranche nach der Krise die Angst groß war, dass die Menschen nun keine Bücher mehr kaufen würden. Doch es habe sich gezeigt wie wichtig den Isländern Bücher sind: als wertvolles Geschenk, Erfahrungsschatz und Geschichten. Das Weihnachtsgeschäft nach der Krise sei das Beste aller Zeiten gewesen.

Literarisch seien die Auswirkungen sicher verstärkt in der Zukunft zu spüren, glauben beide Gesprächspartnerinnen. Es entstünden jetzt eine Reihe von Büchern quasi "aus der Krise heraus". Die Literatur entwickle sich damit weiter. Kristín Steinsdóttir sieht für ihre schriftstellerische Arbeit in der Krise auch Positives: Island sei aus einem bösen Traum aufgewacht und habe sich auch von Ballast befreit, der nicht gut für das Land gewesen sei. Sie fühle sich jetzt freier. Wenn sich das in ihrem Schreiben niederschlage, sei es gut.

Und über welche Themen schreiben Frauen?

"Über das Leben", so Kristín Steinsdóttir. Über Menschen und – das ist ihr wichtig: für Frauen und für Männer. Den Begriff "Frauenthemen" mag sie nicht. Ein Anliegen ist beiden Isländerinnen die Kinder- und Jugendliteratur. Sie freue sich über jeden Mann, der Kinderbücher schreibe, so Kristín Steinsdóttir. Denn es sei wichtig, dass beide – Frauen und Männer – dies täten. Úa Hólmfríður Matthíasdóttir bekräftigt, dass Kinder- und Jugendliteratur überall einen großen Stellenwert haben sollte, denn schließlich würden damit künftige Leser ausgebildet. In Island gebe es sehr viel Kinder- und Jugendliteratur, auch zahlreiche Übersetzungen aus anderen Ländern. Allerdings sei es generell schwieriger, isländische Kinder- und Jugendliteratur ins Ausland zu verkaufen, als sie ins Isländische zu übersetzen. Das habe sich auch auf der Frankfurter Buchmesse gezeigt, wo der Erfolg für die isländischen Kinder- und Jugendbücher hinter den Hoffnungen zurück geblieben sei. Kristín Steinsdóttir würde es daher gern sehen, wenn mehr Kinder- und Jugendbücher übersetzt würden – in die eine wie in die andere Richtung.

Klar ist jedoch – und daran lässt auch die Podiumsdiskussion keinen Zweifel: die IsländerInnen haben sich auf Frankfurt gefreut. Sie sind zahlreich vertreten und präsentieren ihr Land und ihre Literatur mit großem Engagement, aufgeschlossen, wohltuend unprätentiös und sympathisch. Úa Hólmfríður Matthíasdóttir fasst es zusammen: "Ich hoffe, dass die neuen Freundschaften, die wir auf der Messe geschlossen haben, erhalten und das neue Netzwerk bestehen bleibt."

Das Organisationsteam Valeska Henze, Alexandra Klusmann und Maren Giering-Desler darf sich über eine gelungene Veranstaltung freuen.

Text: Sabine M. Kempa, kempa-konzepte.de
Kempa Konzepte für Verlage, Heidelberg

Fotos: Eva Hehemann, hehemann-fotografie.de

 


Über uns
Vereinsporträt
Vorstand
Überregionale Ansprechpartnerinnen
Beirat
BücherFrau des Jahres
Jahresthema
Publikationen
Buchmessen
Jahrestagung
LiteraturBrunch
International
Regional
BERLIN
BIELEFELD/OWL
BREMEN-OLDENBURG
FRANKEN
FRANKFURT/MAIN
FREIBURG
GÖTTINGEN-KASSEL
HAMBURG
HANNOVER
KÖLN/BONN-RHEIN/RUHR
LEIPZIG/DRESDEN
MÜNCHEN
MÜNSTERLAND
RHEIN-NECKAR
STUTTGART
Mentoring
... in Berlin
... in Frankfurt
... in Hamburg
... in München
... in Stuttgart
Akademie
Seminar für Führungsfrauen
Online-Akademien
Sommerakademie
Finanzielle Fördermöglichkeiten
Kooperationen
Unsere Dozentinnen
Das Akademieteam
SocialMedia
BücherFrauen-Blog
Weitere Kanäle
Termine
Presse
Pressemitteilungen
Downloads
Pressestimmen