#lmb19: Podiumsdiskussion zu inhaltlicher Vielfalt & gleichberechtigter Teilhabe in der Buchbranche

Podiumsdiskussion auf der Leipziger Buchmesse am 21.03.2019

Die Podiumsdiskussion zu „inhaltlicher Vielfalt & gleichberechtigter Teilhabe in der Buchbranche“ moderierte Yvonne de Andrés, heute Senior Consultant bei HPC, davor Vertriebs- und Marketingleiterin bei mehreren Verlagen. Sie diskutierte mit Inci Bürhaniye, Dozentin für Wirtschaftsrecht und heute Fachanwältin in ihrer eigenen Kanzlei. 2012 gründete sie gemeinsam mit ihrer Schwester binooki, einen Verlag für junge türkische Literatur. Mit ihr auf dem Podium saß außerdem Janet Clark, erfolgreiche Autorin von zahlreichen Jugendbüchern und Thrillern und bis 2017 Präsidentin der Mörderischen Schwestern.

Als Janet Clark ihren ersten Thriller schrieb, wurde ihr schnell klar, was es heißt eine Frau in einem so sehr von Männer dominierten Feld zu sein – viele Vorurteile und ungleich höhere Hürden zu überwinden als ihre männlichen Kollegen. Denn auf dem deutschsprachigen Markt sind Autorinnen in diesem Genre schwach vertreten und die wenigen, die man antrifft, sind oft aus anderen Ländern, nicht selten den USA, deren Werke als Übersetzung in Deutschland erhältlich sind. Die Mörderischen Schwestern haben sich zum Ziel gemacht, dies zu ändern. Sie setzen sich für mehr Sichtbarkeit von Frauen in der Branche ein und kämpfen unter anderem gegen das hartnäckige Klischee an, als Frau bestimmte Themen gar nicht bedienen zu können.

Inci Bürhaniye, Yvonne de Andrés, Janet Clark
© Annalena Weber

Inci Bürhaniye war in ihrer Schulzeit in den 60er-Jahren oft die einzige Türkin in der Klasse. Ihren gesamtem Lebensweg über musste sie gegen Vorurteile ankämpfen: als Deutsch-Türkin, als Anwältin – noch dazu im Steuerrecht –, als Frau. Unter anderem, um eine Literatur jenseits dieser Klischees zugänglich zu machen, gründete sie gemeinsam mit ihrer Schwester Selma Wels den Verlag binooki, in dem ausschließlich junge, in der Türkei lebende und schreibende Autoren und Autorinnen übersetzt und veröffentlicht werden.

Um Diversität möglich zu machen, braucht es Demokratie – ein Grundsatz, der vor allem in konfliktreichen Zeiten wie heute größte Brisanz hat. Auch auf der Leipziger Buchmesse war davon vielerorts, unter anderem zur Eröffnungsrede im Gewandhaus, die Rede. Und doch sind die Hürden groß, die Vorreiterinnen, wie Inci Bürhaniye und Janet Clark, zu bewältigen haben.

So berichtete Janet Clark beispielsweise davon, in welch engen Bahnen sich Buchheldinnen laut der großen Publikumsverlage zu bewegen haben: Im besten Falle weiß, hübsch und sportlich sollen sie sein, westlich geprägt, in rosa gekleidet und ohne dunkle Vergangenheit. Vereinen die HeldInnen nicht all diese Eigenschaften, oder sind sie sogar noch transgender oder homosexuell, wird das Buch gleich in die Kategorie „Problembuch“ einsortiert. Die Verlage befürchten, die LeserInnen könnten sich womöglich nicht in diese nicht ganz aalglatten ProtagnistInnen hineinversetzen. Sie argumentieren, dass man beim Lesen träumen wolle und man sich nicht fallen lassen könne, wenn die HeldInnen überall Ecken und Kanten hätten. So würden sie der Leserschaft jede Chance nehmen, ihren Horizont zu erweitern, argumentiert Janet Clark. Indem sie den immer gleichen ProtagonistInnen eine Bühnen bieten, verstärken sie schon bestehende Klischees davon, was als „richtig“ und was „falsch“ gesehen wird.

Inci Bürhaniye, Yvonne de Andrés, Janet Clark
© Annalena Weber

Inci Bürhaniye kann von Verlagsseite aus Ähnliches berichten: Einige LeserInnen scheinen sofort an Zwangsheirat, orientalische Bräuche und islamische Riten zu denken, wenn der Name des Autors oder der AutorIn annähernd türkisch klingt. Das Bild einer modernen Türkei jenseits dieser Klischees wird im Mainstream nicht abgebildet und so haben andere Rollen, neben den Klischees und Vorurteilen über Deutsch-TürkInnen, keine Chance in der Öffentlichkeit Fuß zu fassen. Daher ist es wichtig etwas dafür zu tun, dass sich die Gesamtwahrnehmung ändert und diejenigen, die ein anderes Bild vermitteln wollen, sichtbar zu machen. Ist der Mainstream weiß und deutsch, muss der Minderheit, also z. B. den MigrantInnen, eine Bühne bereitet werden. So wäre es eine Möglichkeit Preise und Auszeichnungen für Bücher von MigrantInnen auzuloben, um ihnen mehr Sichtbarkeit gegenüber Presse und Medien zu verschaffen. Mit binooki haben Inci Bürhaniye und ihre Schwester genau dieses Ziel. So haben sie z. B. während der Gezi-Proteste AutorInnen gebeten, Texte für eine Anthologie zu schreiben. Die Folge war die Streichung jeglicher Unterstützung durch den Übersetzerfond der türkischen Regierung.

Inci Bürhaniye, Yvonne de Andrés, Janet Clark
© Annalena Weber

Yvonne de Andrés lenkte die Diskussion dann auf andere, neue Wege für Diversität und Gleichberechtigung in der Branche zu sorgen. #frauenzählen, sei zum Beispiel ein anderes, ein wissenschaftliches Mittel für mehr Sichtbarkeit zu sorgen. Verbandsübergreifend wurden hier Daten zu Autorinnen in der Literaturkritik, bei der Vergabe von Literaturpreisen, in Verlagsprogrammen, in schulischen Lehrmaterialien, in Jurys oder bei der Stipendienvergabe erhoben. Man suchte u. a. eine Antwort auf die Frage, ob sich Unterschiede in der medialen Präsenz, in der Häufigkeit und im Umfang der Besprechungen von Autorinnen im Vergleich zu Autoren ausmachen ließen, und ob hierbei spezifische Merkmale, die auf das Geschlecht der Rezensierenden zurückzuführen sind, existieren. Heraus kam Vieles, das man schon lange wusste oder ahnte, dem man nun aber fundierte Daten zugrunde legen kann. Männer rezensieren hauptsächlich Männer, Frauen rezensieren hingegen Frauen und Männer. Die größte Chance auf einen Buchpreis hat, ein Mann, der über einen Mann schreibt. Die Wahrscheinlichkeit einen Preis zu bekommen sinkt, sobald ein Mann über eine Frau schreibt, oder eine Frau über einen Mann. Die schlechtesten Karten hat eine Frau, die über eine Frau schreibt. Aufgrund solcher Schieflagen haben Begriffe wie „Frauenliteratur“ immer noch einen starken Beigeschmack und Werke, die diesem „Genre“ zugeordnet werden, werden oft gar nicht erst gelesen. Es ist die Aufgabe der Branche, sich gegen dieses Narrativ zu stellen. Projekte wie #frauenzählen tragen dazu bei. So wurde in Folge der Studienergebnisse z. B. in großen Redaktionen der Rezensions-Schlüssel geändert.

Inci Bürhaniye, Yvonne de Andrés, Janet Clark und Jana Stahl
© Annalena Weber

Schon bei der Jahrestagung der Bücherfrauen 2018 wurde vorgeschlagen den Bechdel-Test auch für die Literatur anzuwenden. Yvonne de Andrés fragte die Frauen auf dem Podium, ob dies, aus ihrer Erfahrung heraus, ein sinnvolles Mittel sein könnte. Der Bechdel-Test wird bisher hauptsächlich für die Filmbrache verwendet und besteht aus drei Fragen: Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann? Für Janet Clark aber ist dieser Test für die Literatur nicht anwendbar, da diese anders funktioniere. Als Autorin hat sie viel tiefgreifendere Einflussmöglichkeiten. Sie muss sich die Frage stellen, welche Rollen sie wem zuteilt und welche Klischees sie bedienen will, um diese dann aufzubrechen. Auch Inci Bürhaniye findet den Bechdel-Test für den Literaturbetrieb nicht optimal, hingegen hat sie als Verlegerin einen anderen Blick auf die Branche. Sie muss aus „fertigen“ Büchern auswählen. Die Kunst besteht für sie darin, eine Balance zu finden zwischen einem ausgewogenen, unverzerrten Bild der gelebten Realität, und einer möglichst breit gefächerten Diversität von Themen und AutorInnen.

Brigitte Jetschina, Inci Bürhaniye, Yvonne de Andrés, Janet Clark und Jana Stahl
© Annalena Weber

Was würden sich diese beiden Frauen für die Zukunft wünschen, damit sich etwas ändert? Janet Clark hofft, dass die Verlage mutiger werden, ihren LeserInnen mehr vertrauen und die Trennung zwischen Jungs- bzw. Mädchen-Literatur aufgeweicht wird. Inci Bürhaniye wünscht sich eine Buchmesse auf der deutsche AutorInnen mit Migrationshintergrund sich als das „Gastland“ repräsentieren dürfen.

Welcher dieser Wünsche zuerst in Erfüllung geht, wird sich zeigen. Schon heute aber kann man sagen, dass echte Diversität nur durch mutige und engagierte Frauen wie Inci Bürhaniye und Janet Clark, solidarische Netzwerke wie die Mörderischen Schwestern oder die BücherFrauen und unabhängige Verlage wie binooki funktionieren kann.

Annalena Weber

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