#fbm19: Podiumsdiskussion: „Glücklich, gleichgestellt und gerecht? Bücherfrauen aus Norwegen im Gespräch“

Dieses Thema diskutierten am Messe-Donnerstag drei Frauen aus unterschiedlichen Bereichen der norwegischen Buchbranche: Die feministische Sachbuchautorin Marta Breen erlangte durch ihr in 20 Ländern veröffentlichtes Buch „Rebellische Frauen – Women in Battle“ auch über die Grenzen von Norwegen hinaus große Bekanntheit. Im Herbst 2019 erscheint außerdem ihr neues Buch „How to be a Scandinavian feminist“. Neben ihr saß die Leiterin des viertgrößten norwegischen Verlags Vigmostad & Björke, Elizabeth Sellevold. Bevor sie an die Spitze des Verlags trat, war sie in allen Bereichen der Branche tätig. Die zweite Verlegerin der Runde war Ingeri Engelstad vom Verlag Oktober: ein ehemals linker Verlag, der heute ein breites Spektrum von Belletristik bis Sachbuch bespielt. Die Fragen stellte Übersetzerin und Politikwissenschaftlerin Dr. Valeska Henze, Britta Fitzke dolmetschte das in Englisch geführte Gespräch.

Norwegen ist vielleicht ein kleines, aber dafür ein außerordentlich buch- und leseaffines Land. Da kann die deutsche Buchbranche fast neidisch werden. Denn hier wird jedem neuen, belletristischen Werk, das im Original in norwegischer Sprache verfasst und veröffentlicht wird, eine Festabnahme von 700 Exemplaren garantiert, die dann an die Bibliotheken des Landes verteilt werden. Auch Sachbücher werden subventioniert, hingegen wird hier gemäß ihrer Qualität und anderer Kriterien entschieden.

Engelstad erklärte, dass dieses System der Unterstützung auf die Folgen des Zweiten Weltkrieges zurückzuführen ist. Man hatte das Bedürfnis die norwegische Sprache und sein Verlagswesen zu schützen. Neben der Festabnahme können Verlage heute auch auf andere Hilfestellungen zählen, z. B. gilt die Buchpreisbindung, die wir aus Deutschland kennen. Außerdem wird auf Bücher keine Mehrwertsteuer erhoben. Seit Juli 2019 wurde diese Regelung sogar auf E-Books erweitert. Die AutorInnen profitieren von diesem System wiederum durch Fonds, die für Projekte vergeben werden.

Trotz der staatlichen Förderung müssen die meisten Bücher aber auch ein kommerzieller Erfolg sein, hielt Elizabeth Sellevold fest. Die reine Unterstützung finanziert keinen kompletten Verlag, meist arbeitet man mit Mischkalkulationen. Das bestätigte auch Ingeri Engelstad aus ihrem alltäglichen Verlagsgeschäft. Für sie liegt einer der größten Vorteile der Unterstützung darin, dass die Verlage so die Chance haben, AutorInnen langsam und kontinuierlich aufzubauen. Durch den geringeren finanziellen Druck müssen Erstlingswerke nicht unbedingt sofort lukrativ sein, sondern man könne längerfristig planen.
Allerdings muss zwischen Belletristik und Sachbuch unterschieden werden. Während ausnahmslos jedes belletristische, norwegische Werk unterstützt wird, wird beim Sachbuch selektiert. Gleiches gilt für den Kinderbuchbereich. Hier entscheiden Gremien, je nach Qualität des Werks, über Vergabe und Höhe der Unterstützung. Marta Breen muss sich als Sachbuchautorin beispielsweise an die Nonfiction-Organisation NFFO wenden. Diese verteilt Fonds an ihre Mitglieder. Bedacht werden vielversprechende Werke, für die sich im besten Fall schon einen Verlag gefunden hat. Allein von der Unterstützung können die AutorInnen zwar nicht leben, aber wenn man viel schreibt, ist es relativ sicher, dass man sich auf eine finanzielle Unterstützung verlassen kann.

Zusammen genommen schaffen diese Initiativen eine gewisse Sicherheit im täglichen Verlagsgeschäft. Sie haben unter anderem dazu geführt, dass Norwegen heute eines der Länder mit den meisten Buchhandlungen pro Kopf ist. Ganz nebenbei haben sie der norwegischen Literatur eine enorme Präsenz verschafft.

Valeska Henze lenkte das Gespräch auf einige weitere Besonderheiten des Landes. Trotz der geringen Einwohnerzahl gibt es hier zum Beispiel zwei Schriftsprachen. Zurückzuführen ist diese Zweisprachigkeit auf die Kolonialisierung durch Dänemark im Mittelalter. Bokmål, auf Deutsch „Buchsprache“, basiert überwiegend auf dem Dänischen. Nynorsk, „Neunorwegisch“, hat sich hingegen vor allem aus ländlichen norwegischen Dialekten entwickelt. Tendenziell kann man sagen, dass für Sachbücher eher Bokmål verwendet wird. Nur in Schulbüchern werden immer beide Sprachen parallel gesetzt. Veröffentlichungen sind im Allgemeinen aber zu etwa gleichen Teilen in einer der beiden Sprachen verfasst. Die Verlage spezialisieren sich daher nicht auf eine Varietät, sondern veröffentlichen die Werke in der Sprache, in der sie geschrieben werden.

Eine weitere Besonderheit des kleinen Landes ist sein Status in Sachen Gleichberechtigung. Es liegt auf Platz vier der Weltrangliste. Dies schlägt sich natürlich auch in der Sprache nieder. Gegenderte Berufsbezeichnungen wurden abgeschafft. So wird kein „-in“ an den weiblichen „Bäcker“ gehängt. Man will so von der geschlechtsspezifischen Bezeichnung insgesamt wegkommen.Zu diesem Zweck wurde auch das genderneutrale Personalpronomen „hen“ eingeführt. Es wird meist verwendet, wenn das Geschlecht der Personen nicht klar ist, aber auch um Respekt gegenüber Transpersonen zu zeigen. Leider ist es im allgemeinen Sprachgebrauch und auch in der Literatur noch nicht wirklich angekommen und ruft nach wie vor einige Kontroversen hervor.

Daran sieht man, dass Norwegen vielleicht schon weit, aber auch noch längst nicht am Ziel angekommen ist. In der Belletristik ist die Verteilung zwischen weiblichen und männlichen AutorInnen ungefähr gleich. Im Sachbuchbereich haben aber immer noch die Autoren die Überhand. Im Verband der SachbuchautorInnen sind beispielsweise bei 5 500 Mitgliedern nur 35 Prozent weiblich. Die Diskrepanz wird laut Marta Breen aber immerhin kleiner. Sie lässt sich, so Elizabeth Sellevold, auch an der Vergabe von Auszeichnungen veranschaulichen. Bei Belletristik und Sachbuch werden die männlichen Autoren noch immer häufiger bedacht. Der Kinderbuchbereich ist der einzige, bei dem die Frauen das Rennen machen.

Auch vor dem Gender Pay Gap ist Norwegen nicht gefeit. Wenngleich wie in vielen Ländern die Basis des Literaturbetriebs zum überwiegenden Teil aus Frauen besteht, verkehrt sich das Bild in der Führungsetagen ins Gegenteil. Positionen, in denen Risikokapital eingesetzt wird, werden beispielsweise immer noch hauptsächlich von Männern ausgefüllt. Obwohl Frauen die besseren Führungsqualitäten hätten, müssten sie noch lernen besser mit Risikomanagement umzugehen, so Sellevold. Gleichzeitig sieht sie es als Problem, dass Lektorate hauptsächlich von Frauen besetzt werden, da auch hier die Diversität der Gesellschaft nicht widergespiegelt wird. Letztlich sollte in allen Hierarchiestufen die Leserschaft zu gleichen Teilen repräsentiert werden.

Marta Breen ergänzt bedauernd, dass eine Branche an Status verliert, sobald sie von Frauen übernommen wird. So gab es beispielsweise einen viel belächelten Trend zu Mutterschaftsbüchern. Sobald sich aber ein männlicher Autor dem Thema gewidmet hatte, wurde er dafür gefeiert. Dennoch sind die Frauen auf dem Podium zuversichtlich. Schaute man zum Beispiel in die Politik, sieht man, dass Veränderung durchaus möglich ist. Wichtige Ministerien werden von Frauen besetzt. Auch Marta Breen ist sich sicher, dass die NorwegerInnen stolz darauf sind, in einem der gleichberechtigsten Länder der Welt zu leben. Der Feminismus gehört für sie untrennbar dazu. Für sie ist der Weltfrauentag ein politischer Tag, während in anderen Ländern zu diesem Tag Blumen und Pralinen verschenkt werden, sind in Norwegen die Zeitungen voller politischer Forderungen.

Kämpfen wir dafür, dass es zum 8. März 2020 auch in Deutschland so sein wird!

 

Fotografien: Annalena Weber

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