"Sich verantwortlich fühlen!" Zur Erinnerung an Brigitte Axster

Vor 30 Jahren hat Brigitte Axster entscheidend zur Gründung der BücherFrauen beigetragen, man kann sie sogar getrost eine Mutter unseres Netzwerkes nennen. Am 23. August 2019 ist sie im Alter von 80 Jahren gestorben. Grund genug, hier an sie zu erinnern – eine Pionierin ihrer Generation und eine außergewöhnliche Frau.

Brigitte ist ein Kriegskind, geboren als drittes von fünf Geschwistern am 3. Juni 1939 in Herdecke. Ihre ersten Lebensjahre verbringt sie im oberschlesischen Gleiwitz, im heutigen Polen. Dort leitet ihr Vater Robert Pross einen kriegswichtigen Betrieb der Degussa AG, dem ein Zwangsarbeiterlager angegliedert ist, nicht weit von Auschwitz entfernt.
Im Januar 1945 flieht die Familie in den Westen – für die 5-jährige Brigitte mit traumatischen Erinnerungen verbunden –, verliert alle Habe und rettet ihr Leben.
Nach der Entnazifizierung arbeitet der Vater ab 1947 wieder bei seiner Mutterfirma Degussa in Frankfurt/Main. Und wie die meisten Familien in diesem Land hüllt sich auch Brigittes Familie in Schweigen über die Zeit des Nationalsozialismus. Jahrzehnte später beginnt Brigitte zu dem Erbe und den Verstrickungen ihrer Familie intensiv zu forschen. Dieses Thema wird sie nie wieder loslassen.

Sie heiratet jung und bekommt mit 20 Jahren ihr erstes Kind. Vier weitere sollten folgen. Ein behütetes Leben in einem konservativen, großbürgerlichen Umfeld. Nach Kind drei beginnt sie in Düsseldorf Altphilologie und Geschichte zu studieren, Kind vier kommt während des Studiums zur Welt, Kind fünf kurz nach dem Staatsexamen Ende der 1970er Jahre.
An der Uni herrscht Aufbruchsstimmung, die 68er geben den Ton an, die Frauenbewegung nimmt Fahrt auf, alles steht auf dem Prüfstand – und Brigitte als späte Studentin mittendrin. Ihre Ehe mit dem Rechtsanwalt Oliver Axster bröckelt, ihr traditionelles Familienmodell erodiert, sie verliebt sich in eine Frau.
Nach dem Studium arbeitet Brigitte zwei Jahre als Lateinlehrerin an einem Gymnasium. Danach beginnt sie, für den Düsseldorfer Econ/Claassen Verlag frei zu lektorieren – in einem Mini-Kabuff neben dem Schlafzimmer in der Familienwohnung. Umstrukturierungen im Verlag beenden diese Arbeit. Sie tut sich weiter in der Branche um und geht Mitte der 1980er für ein sechsmonatiges Praktikum in eine Literarische Agentur nach London. Innerhalb kürzester Zeit lernt sie alles, was wichtig ist, um sich nach ihrer Rückkehr aus England 1985 mit ihrer Literarischen Agentur Brigitte Axster selbstständig zu machen. Der erste Standort ihrer Agentur ist Meerbusch bei Düsseldorf, wo sie noch mit der Familie lebt.
Zunächst beginnt sie mit der Vertretung kleinerer englischer Verlage. 1987 kommt die Romanistin und Fachfrau für Rechte und Lizenzen, Petra Hardt, dazu, die vorher die Lizenzabteilung bei Econ/Claassen geleitet hat – mit einen französischen und einem italienischen Verlag im Gepäck. Später erweitern niederländische Verlage und deutschsprachige Autorinnen und Autoren ihr Angebot.

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1990 zieht Brigitte mit ihrer Agentur nach Frankfurt – dahin wo die Bücher und die Verlage sind! Eine Altbauwohnung in der Dreieichstraße in Sachsenhausen wird für die nächsten 20 Jahre privates Domizil und Agenturbüro gleichermaßen. Mit dabei: ihre jüngste Tochter Anna, zum Zeitpunkt des Umzugs elf Jahre alt (die anderen Kinder sind bereits aus dem Haus).
In der Agentur wird sie fortan verlässlich von Uta Angerer unterstützt, eine frankophile Juristin und Freundin der Familie aus Gleiwitzer Kindertagen.

In ihrer Londoner Zeit lernt Brigitte die Women in Publishing kennen, 1979 gegründet und sehr gut organisiert, und tritt dem englischen Netzwerk bei. In Frankfurt trifft sie ein paar Jahre später mit Bärbel Becker von der Buchmesse und der Übersetzerin Ebba Drolshagen auf Gleichgesinnte, die durch ihre internationalen Kontakte ebenfalls Mitglied der WiP sind. Auf Betreiben von Brigitte treffen sich die Drei am großen Agenturtisch in der Dreieichstraße und beschließen, dass es so ein Frauennetzwerk für die Buchbranche auch in Deutschland geben muss!
Parallel trägt die Lektorin Andrea Schaeffler die Idee nach einem Aufenthalt in London in ihre Heimatstadt München. Und so gründet sich im November 1990 schließlich der Verein BücherFrauen e.V. – Women in Publishing.
Die ersten beiden Gruppen entstehen Dank der Initiative von Brigitte und Andrea in Frankfurt/Main und München; 1991 folgen Berlin, Hamburg, NRW, Stuttgart und Freiburg/Südbaden, im Jahr darauf Hannover/Niedersachsen-Mitte.
Brigitte lässt sich nie in ein offizielles Amt wählen, etwa das der Städtesprecherin. Sie ist eher zurückhaltend, fast schüchtern, zieht aber im Hintergrund die Fäden, ist ein wichtiges stabilisierendes Element im Verein und eine umtriebige, verbindliche, zugewandte Netzwerkerin.
Small Talk allerdings ist ihre Sache nicht, und sie gibt sich auch keine große Mühe, das zu verbergen. Sie kommt gern zügig auf den Punkt – keine Zeit für inhaltsleeres Geplauder. Dafür hat sie viel zu viele brennende Themen auf ihrem Zettel.
Dank eines elterlichen Erbes ist Brigitte finanziell in einer privilegierten Lage und muss ihren Lebensunterhalt nicht mit der Agentur allein verdienen. Und sie nutzt dieses Privileg, um sich als Agentin für Themen einzusetzen, die sie wichtig findet: Frauen, Ökologie, linke Politik, »Dritte Welt«. Gerade in Zeiten, in denen die Zeichen eher auf »rechts« stehen, brauche es radikale Bücher, so ihr Credo Anfang der 1990er.
Viele Jahre später werden ihre Kinder augenzwinkernd anmerken: Bini (so wird sie in der Familie genannt) habe als Agentin kompromisslos alles abgelehnt, was Geld brachte.
Radikal ist Brigitte in vielerlei Hinsicht, nicht nur bei der Auswahl ihrer Bücher: Sie geht den Dingen auf den Grund, gräbt sich durch bis an die Wurzel, auch wenn es weh tut, sie viel Kraft kostet, und sie dafür aus ihrem Umfeld oft Unverständnis – und manchmal weit schlimmere Reaktionen – erntet.

Seit Mitte der 1980er Jahre beschäftigt sie sich intensiv mit der Rolle ihrer Familie im Nationalsozialismus. Sie befragt ihren Vater, der in der Fabrik, die er aufgebaut und geleitet hatte, ca. 500 Zwangsarbeiter*innen beschäftigt hatte. Er sträubt sich nicht, seiner Tochter Rede und Antwort zu stehen, und die weißen Flecken auf ihrer inneren Landkarte füllen sich allmählich. Was ihr fehlt, ist die Sicht der Opfer. Im Sommer 1989 fährt sie mit ihrer Schwester nach Auschwitz und Gleiwitz, nimmt Kontakt mit vier ehemaligen Zwangsarbeiterinnen auf und setzt sich bei der Degussa frühzeitig – und mit Erfolg! – für eine Entschädigung der Frauen ein. Gut zehn Jahre später wird ihr Einsatz maßgeblich dazu beitragen, dass die Degussa eine der ersten Firmen ist, die zusammen mit anderen Unternehmen eine Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft anstößt. Daraus wird 2000 die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft/EVZ« hervorgehen, die ehemalige Zwangsarbeiter*innen des NS-Regimes in größerem Umfang entschädigt.

1994 reist sie erneut nach Polen, diesmal mit ihrem Sohn Felix, Historiker und Antisemitismusforscher an der TU Berlin, der auch ihr Partner bei den Verhandlungen mit der Degussa sein wird. Die beiden erfahren von dem ehemaligen Häftling Coen Rood, ein jüdischer Schneider aus den Niederlanden, der nach Polen deportiert worden war und der die Geschichte seiner Zwangsarbeit aufgeschrieben hat. Brigitte trifft ihn in Amsterdam, wird seine Agentin und gewinnt nach vielen erfolglosen Versuchen 2001 schließlich den S. Fischer Verlag für die Publikation seiner Erinnerungen.
Zuvor hatte sie Coen Rood und ihren Vater zusammengebracht. In ihrem Nachwort zu seinem Buch schildert sie die Umstände dieser Begegnung:

Coen Rood, der ehemalige Häftling, und mein Vater, Robert Pross, der ehemalige Fabrikdirektor, haben sich im April 1999 getroffen. Da war Coen 82 und mein Vater 93 Jahre alt, und das was hier beschrieben ist, lag, als es begann, 57 Jahre zurück. Mein Vater kannte Coen Rood nicht, aber Coen kannte meinen Vater.
Als ich Coen und seine zweite Frau Jannie in ihrem Frankfurter Hotel abholte, um mit ihnen in das Haus meines Vaters zu fahren, waren wir sehr aufgeregt. Jannie und ich, weil wir nicht wussten, wie die beiden sich begegnen würden, und Coen, weil ihn die Erinnerungen überfluteten. Er wollte seinem ehemaligen »Boss« gegenübertreten und ihm zeigen, dass er überlebt hatte. Als sie sich begrüßten, musste ich aus dem Zimmer gehen und weinen
.
Am Ende ihres Textes heißt es:
Mit dem Nachwort zu Coens Buch mache ich erstmals öffentlich, was bisher privat war. Es fällt mir nicht leicht, aber ich glaube, ich muss es tun, wenn ich das Schweigen nicht fortsetzen will. (alle Zitate aus dem Buch von Coen Rood, Quelle siehe unten).

Das ist das Motto ihres Lebens: Verantwortung übernehmen, sich zuständig fühlen, hingucken, nicht schweigen, sich einmischen. Sie tut das auf vielfältige Weise – und verliert nicht viele Worte darüber.
Anfang 2000 übergibt Brigitte Axster ihre Agentur an Silke Weniger, eine BücherFrau aus München. Es ist eine Befreiung, und gleichzeitig fällt es ihr schwer, ihr »Baby« ziehen zu lassen. Eine Reihe von Autoren betreut sie weiter, so ist der Übergang nicht ganz so abrupt.

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Ein paar Jahre später, 2006, erfüllt sich Brigitte, die seit Jahrzehnten einer Vereinigung internationaler Philosophinnen angehört, einen Traum: Sie geht nach Berkeley an die Universität, um ein Semester lang Vorlesungen der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler, die sie verehrt, zu hören. Da ist sie 67 Jahre alt.
Unverändert regelmäßig nimmt sie teil an Demonstrationen, so wie sie das seit ihrer Zeit als Studentin macht – gegen die Rüstungsindustrie, gegen die Verschärfung des Asylrechts, gegen Rassismus, natürlich gegen (Neo-)Nazis … Wenn sie mit zunehmendem Alter mal nicht so gut zu Fuß ist, hat sie ihren Klappstuhl dabei. Zuhause bleiben, wenn es auf der Straße um wichtige politische Themen geht, das kommt für sie nicht infrage.
Bis zuletzt betreibt sie weiter Forschungen zum Nationalsozialismus und zum Holocaust, pflegt intensiv die Kontakte zu Überlebenden und ihren Familien, nimmt teil an Encounter-Gruppen für Nachkommen beider Seiten, arbeitet viele Jahre lang regelmäßig und ehrenamtlich im Fritz Bauer Institut, um Berge von Material für die Digitalisierung zu sichten und auszuwählen.

Kraft tankt Brigitte im Wald, sie liebt den Wald, er ist ihr Refugium. Wer in der Stadt neben ihr läuft und kaum mit ihren großen, ausladenden Schritten mithalten kann, bekommt eine Idee, wie sie durch den Taunus und die Forste rund um Frankfurt rennt und sich mit Energie auflädt.
Das Zentrum ihres Lebens sind ihre Kinder. Wenn sie von ihnen erzählt, leuchten ihre Augen. Sie ist ein Familienmensch. In ihrer Wohnung sind zwei komplette Wände mit den Fotos ihrer Lieben gefüllt.
Zur Familie gehören aber keineswegs nur ihre leiblichen Nachkommen und Verwandten. Es gibt auch jede Menge Wahlfamilie: Menschen, denen sie jahrzehntelang verbunden, denen sie Mutter, Großmutter, Freundin, Nachbarin und Vertraute ist. Sie stammen aus den unterschiedlichsten, widersprüchlichsten Welten, Kulturen und Hintergründen.

Zu ihrer Trauerfeier kommen sie alle zusammen. Und für eine Weile ist es ganz leicht – keine politischen Grabenkämpfe, keine Diskriminierung, keine Homophobie. An diesem windigen Spätsommer-Nachmittag, unter freiem Himmel in einem Park, zwischen hohen Bäumen, die mit Fotos geschmückt sind, bei Kartoffeln mit Grüner Soße und Pflaumenkuchen: da gibt es nur Menschen, die um Brigitte/Bini trauern, die sie feiern und die sich gemeinsam an sie erinnern.

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Einige Monate später schreibt Lilly, ihre ältere Tochter, mir in einer Mail: »So viel Herz, so viel Denken, so viel Care und Fun, sie fehlt mir, sie fehlt vielen, sie fehlt der Welt.«

So ist es.

Heike Wilhelmi

Quellen:

Herzlichen Dank für Gespräche, Material und Infos an Uta Angerer, vor allem an Lilly Axster, an Bärbel Becker, Ebba D. Drolshagen und Silke Weniger!

Brigitte Axster, Nachwort in: Coen Rood: »Wenn ich es nicht erzählen kann, muss ich weinen«. Als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie. Lebensbilder. Jüdische Erinnerungen und Zeugnisse. Fischer Taschenbuch Verlag 2002 (vergriffen), S. 209-218

Käthe Fleckenstein: Porträt Brigitte Axster. »Ich suche um zu finden«. Newsletter der BücherFrauen Nr. 13, März 1999, S. 18/19

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