Stuttgart: Nachlese: Lesen, hören, schreiben, verstehen – die heilende Wirkung von Poesie- und Bibliotherapie

Bei den Stuttgarter BücherFrauen war am 16. September 2021 die Lese- und Literaturpädagogin Barbara Knieling zu Gast, um das Thema Poesie- und Bibliotherapie vorzustellen.

Diese Veranstaltung  war das erste analoge Treffen seit langer Zeit, juhu!, aber durch das Maskentragen immer noch seltsam.


Für Barbara Knieling geht es ums Berührtsein. „Lies das, das tut dir gut“, Empfehlungen von Büchern, die einen beeindruckt haben, so versteht sie Bibliotherapie für ihre eigene Arbeit.


Unter Poesietherapie versteht man, ins eigene Schreiben zu kommen, unter Anleitung eigene Texte zu verfassen und darüber zu sprechen. Lesen und schreiben steht (fast) jedem Menschen zur Verfügung, es ist niederschwellig. Die Heilkraft der gestalteten Sprache wird genutzt, die beispielsweise erklärend, benennend, verstehend, tröstend, ermutigend oder entlastend sein kann. Und vor allem auch nicht flüchtig ist, sondern beständig wiederholbar.
Poesie- und Bibliotherapie kann dabei helfen, eine neue Perspektive auf ein Problem einzunehmen oder mit einer Situation besser zurecht zu kommen. Sie kann Heilungsprozesse unterstützen, die Persönlichkeitsentwicklung fördern, dabei helfen Lebensthemen zu bearbeiten und Mut zu Veränderungen machen.
In den USA ist die Poesie- und Bibliotherapie heute eine anerkannte Therapieform aus dem Bereich der "expressive therapies" (Tanz, Musik, Kunst, Theater), in Deutschland leider noch nicht. Hilarion Petzold, Ilse Orth und Lutz Werder sind drei Namen, die man hierzulande damit verbindet. Eingesetzt wird sie in einigen Bereichen, z.B. Psychologie/Psychiatrie, Sozialpädagogik, Alten- und Hospizarbeit, Rehabilitationszentren, Drogenarbeit, Forensik und Erwachsenenbildung. Und sie ist in den USA, England und Finnland weiter verbreitet als im übrigen europäischen und internationalen Raum. In Deutschland wird u.a. in Gefängnissen mit Bibliotherapie gearbeitet.


Nach der Theorie ging es im zweiten Teil des Abends dann um die Praxis:
Barbara Knieling las ein Gedicht von Wislawa Szymborska vor, „Ein Leben im Handumdrehen“, und jede sollte/konnte dazu notieren, was ihr in den Sinn kam – schreiben, schreiben, schreiben, ohne sich selber zu zensieren oder ähnliches. Daran schloss sich eine Runde an zur Frage „wie ging es mir mit dem Schreiben, dem Schreibprozess“?
Typisch für die Poesietherapie wäre es wohl dann, das Geschriebene nochmal zu verdichten, dem Text z.B. in einem Dreizeiler, Haiku o.a. nochmal eine andere Gestalt zu geben. Und gegebenenfalls in einer Schreibgruppe den Text mit anderen zu teilen.
Abschließend gab es für jede zum Mitnehmen ein Gedicht zum Thema Zeit.


Noch zwei Buchtitel seien erwähnt:
„Leben, schreiben, atmen: Eine Einladung zum Schreiben“, von Doris Dörrie

„Lesen als Medizin: Die wundersame Wirkung der Literatur“, von Andrea Gerk