Regionalgruppen vor Ort

BücherFrauen treffen sich in den größeren Städten regelmäßig zu Austausch und Fortbildung, besuchen gemeinsam Bücher-MacherInnen und Orte rund ums Buch, organisieren Veranstaltungen und netzwerken unterdessen. Auf den Regionalseiten finden Sie Ausblicke auf die nächsten Termine und Rückblicke auf diverse BücherFrauen-Aktivitäten.

Stuttgart: Acht Frauen im Fokus – Unser Stadtspaziergang am 11. August 2019

Acht Frauen aus Kunst, Kultur und Politik, deren Leben auf die eine oder andere Weise mit Stuttgart verbunden war, haben wir auf diesem Spaziergang mit Dr. Alexandra Birkert kennengelernt.

Vor dem Stuttgarter Rathaus stellte Alexandra Birkert (li.) die Malerin Ida Kerkovius vor. Foto: Verena Nungesser

Den Anfang bildete die Malerin Ida Kerkovius (1879–1970), Hölzl-Meisterschülerin und seine Mitarbeiterin. Sie hat – was vermutlich nur wenige Menschen wissen – im Alter von 76 Jahren den Repräsentationsraum, der über dem Eingang des Rathauses liegt, ausgestaltet, und zwar das Fenster zum Marktplatz hin sowie eine Zimmerwand, farbenfreudig und abstrakt. Zu sehen bekommen diese Werke aber nur die Ehrengäste, die sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen dürfen. Für den normalen Publikumsverkehr bleibt der Raum verschlossen.

Unsere zweite Station war der Tagblattturm. Jella Lepman (1891–1970), die uns heute vor allem als Begründerin der Internationalen Kinderbuchausstellung bekannt ist, hatte dort als Journalistin und erste weibliche Redakteurin beim Tagblatt gearbeitet. 1927 begründete und verantwortete sie fürs Tagblatt die Beilage "Die Frau im Haus, Beruf und Gesellschaft". 1936 emigrierte sie mit ihren beiden Kindern nach England. 1946 kehrte sie auf Wunsch der Alliierten nach Deutschland zurück und stellte auf deren Wunsch die Wanderausstellung "Kinderbücher aus aller Welt" mit 4000 Exemplaren zusammen. In Stuttgart besuchten innerhalb von drei Wochen 15.000 Besucher*innen die Ausstellung. Jella Lepman war davon überzeugt, dass nur über die Kinder gesellschaftlicher Wandel möglich sei, ihr Motto dazu: "Gebt uns Bücher, gebt uns Flügel".

Gerda-Taro-Platz. Foto: Verena Nungesser

Am Gerda-Taro-Platz (zwischen Haltestelle Olgaeck und Dobelstraße) begegneten wir der Kriegsfotografin Gerda Taro (1910–1937). Dank der unermüdlichen Bemühungen von Irme Schaber, ihrer Biografin, hat die Stadt 2008 diesen Platz nach ihr benannt und 2014 dann in der heutigen Form eingeweiht. Begrenzt wird der Platz zur Straße hin durch Stelen, die ihren Namen deutlich sichtbar tragen, mit Lebenslauf und einer Auswahl ihrer Fotografien. Sie war die Lebensgefährtin von Robert Capa und mit ihm zusammen ging sie nach Francos Putsch 1936 nach Barcelona, um über den Bürgerkrieg zu berichten. Ein Jahr später kam sie bei einem tragischen Unfall ums Leben. Zu ihrer Beerdigung kamen 10.000 Menschen. Ihr Ruhm war schnell verblasst, man sah sie vor allem als Lebensgefährtin Robert Capas, doch vor ein paar Jahren entdeckte man einen Koffer mit 4000 Fotos von ihr, und damit wurde ihre Bedeutung als Fotografin neu gewürdigt. Sie gilt heute als die Pionierin der modernen Kriegsfotografie.

Vor dem Haus Blumenstraße 34 gedachten wir Clara Zetkins (1857–1933), die dort 1898–1903 mit ihrem Ehemann, dem Maler Friedrich Zundel, gelebt hatte. Clara Zetkin war und ist eine Ikone der proletarischen Frauenbewegung. Sie war u.a. Herausgeberin der sozialdemokratischen Frauenzeitung "Die Gleichheit", die im Stuttgarter Dietz-Verlag erschien. 1910 rief sie den Internationalen Frauentag ins Leben, der erstmals am 19. März 1911 als Kampftag für das Frauenwahlrecht stattfand (heutiges Datum: 8. März). 1919 wurde Clara Zetkin als eine von 13 weiblichen Abgeordneten für die USPD in die Verfassunggebende Landesversammlung Württemberg gewählt. 1920–1933 war sie für die KPD Mitglied des Reichstags der Weimarer Republik. 1933 starb sie im russischen Exil. Zu ihrer Beerdigung kamen über 600.000 Menschen.

Beim einstigen Garten von Marianne Ehrmann an der Esslinger Steige. Foto: Verena Nungesser

Unsere nächste Station war in der Esslinger Steige der Garten, der einstmals der Schriftstellerin Marianne Ehrmann (1755–1795) und ihrem Mann gehört hatte. Sie war Berufsschriftstellerin, was zu Schillers Zeit sehr ungewöhnlich war. 1778 erschien bei Cotta ihr Roman "Amalie, eine wahre Geschichte in Briefen", 1784 "Philosophie eines Weibes. Von einer Beobachterin im Jahre 1784" sowie "Kleine Fragmente für Denkerinnen". Von ihr stammt auch der Begriff der "Selbstdenkerin". Ihr Leben lang war Marianne Ehrmann bemüht, auf eigenen Füßen zu stehen, und in der Ehe mit Theophil Ehrmann trug sie den Löwenanteil zum Familieneinkommen bei. Mit ihren Schriften ermutigte sie Frauen zum selbstständigen Denken und Handeln.

Über den Eugensplatz und die Eugensstaffel kamen wir bei der Oper an, dem Wirkungsort der Tänzerin Marcia Haydée (*1937 in Rio de Janeiro), der das Stuttgarter Ballett zusammen mit John Cranko seinen internationalen Ruf verdankt. 1961 – im gleichen Jahr wie John Cranko – kam sie nach Stuttgart. Für sie choreographierte er seine wichtigsten Handlungsballette "Romeo und Julia", "Der Widerspenstigen Zähmung", "Eugen Onegin" und viele mehr. Als er 1973 so unerwartet starb, blieb sie Stuttgart und dem Ballett treu. 1976–1996 war sie Direktorin des Balletts und bis heute ist sie dem Stuttgarter Ballett eng verbunden.

Ein paar Schritte weiter, am Neuen Schloss, gedachten wir der Königin Katharina von Württemberg (1788–1819), geborene Großfürstin von Russland, Schwester von Zar Alexander. 1816 hatte sie den Kronprinzen Wilhelm geheiratet, der 9 Monate später württembergischer König wurde. In den folgenden drei Jahren bis zu ihrem frühen Tode wirkte Katharina überaus segensreich und wohltätig für die Württemberger: Angesichts der Hungersnot 1816/17 gründete sie einen Wohltätigkeitsverein, der zum ersten Mal nach dem Grundsatz "Hilfe zur Selbsthilfe" zu handeln versuchte: "Arbeit beschaffen hilft mehr als Almosen", war Katharinas Leitsatz. Das heutige Wohlfahrtswerk Baden-Württemberg geht auf ihren Verein zurück. Sie gründete eine Sparkasse als gemeinnützige Bank, die heutige Landesgirokasse, das landwirtschaftliche Institut, die heutige Universität Hohenheim, das Katharinenstift, "Lehr- und Erziehungsanstalt für Töchter gebildeter Stände", das Katharinenhospital, das erste moderne Krankenhaus im Land, und das Landwirtschaftliche Hauptfest, heute das Cannstatter Volksfest. Unterstützung bei all ihren Unternehmungen fand sie bei dem Kaufmann Gottlob Heinrich Rapp, dem Direktor der Hofbank, und auch sonst wusste sie kreative und tüchtige Leute als Berater zu engagieren.

Die Jubiläumssäule auf dem Schlossplatz. Foto: Heike Bräutigam

Die letzte Station unseres Spaziergangs war die Jubiläumssäule, die 1841 anlässlich des 25-jährigen Thronjubiläums von Wilhelm I. auf dem Schlossplatz errichtet wurde, von den Stuttgartern spöttisch "Kerzenhalter" genannt. Emilie Zumsteeg (1796–1857), Tochter des Komponisten und Kapellmeisters Rudolph Zumsteeg, Komponistin, Sängerin und Musikpädagogin, hatte die Aufgabe übernommen, die Laienchöre, die anlässlich des Festes auftreten sollten, zu schulen und zu dirigieren. Sie war 1830 Begründerin des ersten Frauenchors und arbeitete als Musiklehrerin am Katharinenstift. Seit 1817 veröffentlichte sie eigene Kompositionen. Das war möglich, da die Familie eine Musikalienhandlung hatte und damit gute Beziehungen zu Schott in Mainz und Simrock in Leipzig. Außerdem hatten sie auch einen eigenen Verlag. Erhalten sind von ihr 40 Klavierlieder. Nach langjährigen Bemühungen der Historikerin Mascha Riepl-Schmidt wurde im Juli 2019 endlich in Botnang eine Brücke nach ihr benannt.

Am Ende dieses überaus unterhaltsamen, abwechslungsreichen und informativen Spaziergangs stärkten wir uns im Künstlercafé des Kunstvereins und dankten Frau Dr. Birkert für diesen wunderbaren Vormittag.

Text: Barbara Scholz

 

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