Stuttgart: Nachlese Gabriele Haefs, Übersetzerin


Gabriele Haefs im Gespräch mit Irene Ferchl

Wie kommt eine literarische Übersetzerin zu ihrem Beruf und was sind die besonderen Herausforderungen und Freuden dieser Tätigkeit? Am 10. April 2018 waren rund 30 Kulturinteressierte der Einladung der Stuttgarter BücherFrauen und der Stadtbibliothek am Mailänder Platz gefolgt. Im Café LesBar erhielten sie einen unterhaltsamen und vergnügten Abend lang von unserem Gast Gabriele Haefs viele persönliche Antworten auf diese Frage. Der Abend wurde moderiert von Irene Ferchl, Autorin und Herausgeberin des Literaturblatts für Baden-Württemberg.

Dr. Gabriele Haefs übersetzt seit 25 Jahren aus den skandinavischen Sprachen, dem Irisch-Gälischen und dem Englischen. Zunächst hatte sie diesen Beruf nicht ins Auge gefasst: Nach ihrem Studium der Volkskunde und der Vergleichenden Sprachwissenschaft hätte sie sich ein Tätigkeit in einer Wörterbuchredaktion oder einer anderen Kulturinstitution gewünscht. Doch angesichts der Streichwelle Anfang der 1980er Jahre gab es darauf kaum Aussichten. Den Einstieg ins Übersetzen fand Gabriele in einer Wartezeit während ihrer Promotion: Sie hatte das Buch »Der Irrläufer« von Gudmund Vindland gelesen, es sehr gut gefunden und 30 Seiten ins Deutsche übersetzt. Mit dieser Übersetzungsprobe ging sie hausieren, fand einen Verlag und hatte den Vertrag noch vor der ersten Prüfung im Rigorosum. Aus dem Buch wurde ein Bestseller, der 30 Jahre lang immer wieder aufgelegt wurde.

Foto der Übersetzerin Dr. Gabriele HaefsÜbersetzungen aus den skandinavischen Sprachen ins Deutsche gab es zu dieser Zeit kaum, schon gar nicht in der Unterhaltungsliteratur.  Nach dem ersten Projekt erreichten sie nach und nach auch Anfragen größerer Verlage. Die Rahmenbedingungen für Übersetzungen waren damals ganz anders als heute: Weder gab es Stipendien für Auslandssemester oder junge ÜbersetzerInnen, noch hatten diese die finanziellen Möglichkeiten, in die Länder ihrer Zielsprache zu reisen und sich die Alltagssprache vor Ort zu erschließen. Entsprechend akademisch und schriftsprachlich, manchmal auch unfreiwillig komisch  wirkten die Übersetzungen oft.

Auch Gabriele Haefs hat ihren Übersetzungsstil im Lauf der Jahre von einer engen Orientierung am Originaltext hin zu einem freieren Umgang mit der fremden Sprache entwickelt. Es bleibt die Herausforderung, immer wieder neu zu entscheiden, wie nah man bei der Übersetzung am Ursprungstext bleibt oder – zugunsten einer besseren Verständlichkeit im Deutschen – davon abweicht. Unübersetzbares scheint es aber nicht zu geben, so Gabriele: »Man kann fast alles übersetzen, ohne das Original allzusehr zu beleidigen.«

Heute können Verlage Übersetzungskostenzuschüsse beantragen. Die Gastlandauftritte der Buchmessen ermöglichen eine Fülle von Neuübersetzungen, auch von Klassikern, die vorher kaum greifbar waren, und die Botschaften der jeweiligen Länder mischen sich nicht mehr in die Titelauswahl ein. Es ist heute viel selbstverständlicher, dass die Namen der ÜbersetzerInnen in Rezensionen genannt werden. Wo es noch unterlassen wird – oft werden dafür »Platzgründe« genannt – kann es helfen, an die Redaktionen zu schreiben, aufzuklären, den RezensentInnen gut zuzureden, »einfach zu nerven« …

Die oft beklagte Honorarsituation sei im Vergleich zu früher etwas besser geworden. Dazu hat die Gesetzesänderung beigetragen, mit der das Recht der ÜbersetzerInnen auf Verkaufsanteile des jeweiligen Buches festgelegt wurde. Manche Verlage haben allerdings im Gegenzug das Grundhonorar gesenkt. Von angemessen guter Bezahlung der Leistungen kann wohl weiterhin meist noch nicht die Rede sein.

Mit ihrem sehr umfangreichen Allgemeinwissen sind literarische ÜbersetzerInnen oft diejenigen, die sachliche Fehler im Originaltext  finden. Niemand scheint die Bücher so genau zu lesen wie die ÜbersetzerIn – nicht mal die Autorin/der Autor. Manche Unstimmigkeit kann stillschweigend ausgebügelt werden oder die Korrektur wird mit dem Autor/der Autorin besprochen.

Wie bereitet sich Gabriele auf die Arbeit an einem neuen Text vor? Sie liest das Buch mehrfach, macht sich viele Anmerkungen und beginnt zu schreiben, wenn sie den Klang des Buches im Ohr hat. Zum Feilen am Text sind zwei weitere Durchgänge nötig. Derzeit kann sie sich über viele Aufträge freuen, denn 2019 ist Norwegen das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Die zahlreichen Preise und Auszeichnungen für ihre Arbeit hält Gabriele nicht für sehr öffentlichkeitswirksam, aber für die Verlage seien sie wichtig.

Die Autorin Gabriele Haefs konnten wir bei einer kurzen Lesung aus der Anthologie »Chinesische Transvestiten« erleben, mit einer humorvollen Erzählung über irische Musik. Das Publikum ließ sich mitreißen und stellte noch viele Fragen. Warum Übersetzungen veralten, war eine, allerdings schwer zu beantwortende Frage, die wohl an anderer Stelle weiter zu diskutieren wäre.

Zum Schluss des sehr kurzweiligen Abends verriet uns Gabriele Haefs noch ihr Lieblingsbuch: »Wind im Mond« (»The Wind in the Moon«) des schottischen Autors Eric Linklater, auf das sich auch Jostein Gaarder und Astrid Lindgren bezogen – es sei ein Beispiel dafür, dass die Übersetzung stellenweise schöner sein könne als das Original.

Wer die Veranstaltung verpasst hat, kann sich den Podcast der Stadtbibliothek anhören:
Link zum Podcast der Stadtbibliothek Stuttgart

Zu den Buchempfehlungen von Barbara Scholz, die den Gabriele Haefs-Abend plante, zusammen mit den Mitarbeiterinnen der Stadtbücherei organisierte und auch den Büchertisch am 10. April 2018 betreute.

Text: Ulrike Dörr
Fotos: Stadtbibliothek Stuttgart, Heike Bräutigam

 

 


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