Berlin: Von Amazonen bis Zaglossus – Rückschau auf die Entwicklung der Frauenbuchläden und Frauen- und Lesbenverlage anlässlich von 50 Jahre 1968


Ilona Bubeck und Doris Hermanns, Foto: Yvonne de Andrés

Ilona Bubeck und Doris Hermanns, Foto: Yvonne de Andrés

Die Berliner BücherFrauen luden am 11. Juli 2018 bei sommerlichen Temperaturen ins Literaturhaus ein. Ende der 1960er Jahre entstand, beeinflusst durch die StudentInnenbewegung, eine zweite Welle der Frauenbewegung. Durch die Rückschau auf die Entwicklung der Frauenbuchläden und Frauen- und Lesbenverlage anlässlich von 50 Jahre 1968 führten Doris Hermanns, Autorin und Übersetzerin, und Ilona Bubeck, ehemalige Buchhändlerin, Mitbegründerin und Verlegerin des Querverlages.

Die Neue Frauenbewegung war von Anfang an in ihren Strömungen heterogen. Autonome Frauen gründeten Frauengruppen, bildeten Netzwerke und versuchten so, eine eigene Öffentlichkeit herzustellen. „Ein Raum nur für uns Frauen!“ war das Motto. Frauen gründeten Frauenbuchläden, Frauen- und Lesbenverlage, um jenseits des etablierten institutionellen Systems und vorgegebener männlicher Maßstäbe eine eigene feministische Perspektive zu etablieren.

Es war eine politische Notwendigkeit

Ein anderes Motto hieß: Lesen ist politisch.Das Medium Buch hatte für die Frauenbewegung eine eminente Bedeutung. Es ging um die Eröffnung von feministischen Räumen und von feministischen Medien. Es entstanden eine umfangreiche „Frauenliteratur“ und zahlreiche Frauenverlage. Durch die Frauenbewegung entwickelte sich so eine neue Lesekultur.

„Es ging anfänglich darum, Texte überhaupt zugänglich zu machen“, erzählte Doris Hermanns. Die Gründung des ersten Frauenverlages 1974 war daher ein wichtiger Schritt. „Es bestand nicht explizit der Wunsch, einen Verlag zu machen, sondern es war wichtig, Bücher, die uns gefehlt haben und die aus der Frauenbewegung herauskamen, zu verlegen“, ergänzte Ilona Bubeck und fuhr fort: „1974 gab es die erste Frauenverlagsgründung und 1975 die ersten Frauenbuchläden. Durch diese Frauenbuchläden konnten die Bücher verkauft werden.“

Der Verlag Frauenoffensive entstand 1975 aus dem Zusammenschluss von 18 Münchener Feministinnen, die zusammen Texte herausgeben wollten. Gleich das erste Buch traf den Nerv der Zeit. Verena Stefans „Häutungen“ wurde ein Bestseller und ermöglichte so die Finanzierung weiterer Bücher. Senta Trömel-Plötz, Anja Meulenbelt und Christa Reinig sind nur einige der Namen aus dem Verlagsprogramm. Weitere Verlage, die zur zweiten Welle der Frauenbewegung dazu gezählt werden können, sind u. a. der Daphne Verlag und der Wiener Frauenverlag, der sich als Projekt schreibender Frauen gründete und später in Milena Verlag umbenannt wurde. 1976 erschien die feministische Zeitschrift „Courage“ und 1977 die Zeitschrift „EMMA“ mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren. Alice Schwarzer wurde 1975 mit ihrem Buch „<cite>Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“</cite> zu einer wichtigen Vertreterin der Frauenbewegung.

Mit Frauenliteratur ist Geld zu machen

Der Rowohlt Verlag startete 1977 die Reihe „rororo neue frau“, in der innerhalb von 20 Jahren 250 Titel erschienen sind. Einer der erfolgreichsten ist „Die Farbe Lila“ von Alice Walker. Nach 20 Jahren wurde die Reihe ins allgemeine Programm integriert. 1978 wurde innerhalb der „aktuell“-Reihe das Segment „frauen aktuell“ eingerichtet. Der erste Titel: „Die verkauften Bräute. Türkische Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien“.

Im Fischer Verlag erschien ab 1978 „Die Frau in der Gesellschaft“. Herausgeberin war Ingeborg Mues. Insgesamt wurden 480 Titel publiziert, darunter feministische wie Anja Meulenbelts „Die Scham ist vorbei“ oder Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“, aber zunehmend auch Unterhaltungsliteratur wie Hera Lind. Im Ullstein Verlag erschien die Reihe „Frau in der Literatur“. Ein bekannter Klassiker daraus ist Anna Elisabet Weirauchs „Der Skorpion“.

In den folgenden Jahrzehnten entstanden eine Reihe neuer spezialisierter Frauen- und Lesbenverlage. Um nur einige zu nennen: Orlanda Verlag, Berlin; Zeichen und Spuren Verlag in Bremen; Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus; Krug & Schadenberg, Berlin für ausgewählte lesbische Literatur; AVIVA-Verlag, Berlin; Marta Press, Hamburg oder der Verlag Zaglossus, Wien. 1988 erschienen die ersten Frauenkrimis unter dem Label „Ariadne“ im Argument Verlag.

Frauenbuchläden – Orte der Aufklärung

In Deutschland eröffnete im November 1975 in München der erste Frauenbuchladen „Lillemors Frauenbuchladen“. Nur zwei Wochen später öffnete in Berlin der Frauenbuchladen „Labrys“ und 1976 „Lilith. In den nächsten Jahren entstanden ca. 41 Frauenbuchläden. Diese gingen von Aachen bis Wiesbaden und befanden sich in den wichtigen westdeutschen Groß- und Unistädten.

Die meisten Frauenbuchläden wurden von Feministinnen gegründet. Sie waren Kommunikationsorte im Netzwerk, wichtige Orte, um die feministische Literatur sichtbar zu machen. „Gewinne erwirtschaften war nicht das Ziel der Frauenbuchläden“, erläuterte Ilona Bubeck. Die Frauenbuchläden waren die Orte, an denen feministische Literatur angeboten wurde. Sie galten als Zeichen der Befreiung. Stichworte der Zeit waren Selbsterfahrung, Autonomie, intellektuelle Selbstverständigung und Emanzipation von patriarchalen Strukturen. Themen wie häusliche und sexualisierte Gewalt, lesbische Liebe oder Schwangerschaftsabbrüche waren im etablierten Buchhandel wenig oder nicht zu finden. Es entstand auch der erste Frauenbuchvertrieb. Die Frauenbuchhandlung „Thalestris“ in Tübingen wird noch heute von der Gründerinnengeneration geführt. Heute gibt es noch vereinzelte Frauenbuchläden, deren Themenspektrum sich erweitert hat. Im März 2013 eröffnete Fembooks, die erste Internetbuchhandlung für feministische, emanzipatorische und lesbisch-queere Literatur.

Feminismus hat sich in seiner Form verändert

Die Frauenbuchkultur der 1970er und 1980er Jahre hat sich heute stark verändert. Die beiden Referentinnen meinten, dass der Feminismus heute weniger (sichtbar) sei. Die Anliegen der (autonomen) Frauenbewegung gerieten in den 1990er Jahren aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Im postmodernen Gesellschaftsbild galt vieles als überholt. Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber „Frauenthemen“ machten sich wieder breit.

Seit der Jahrtausendwende hat der Feminismus einen neuen Schub bekommen. Feminismus differenziert sich heute weiter aus. Beiden Referentinnen war es beim Vortrag wichtig, das Wissen, das sich frau angeeignet hat, an die nächste feministische Welle weiterzugeben und nicht wieder bei Null zu beginnen.

Herzlichen Dank an die Referentinnen Ilona Bubeck und Doris Hermanns sowie allen Anwesenden.


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