< Learning by doing! - Buchmesserundgang in Leipzig

Podiumsdiskussion: Brasilianische Bücherfrauen über Kultur und Buchwelt in ihrem Land


Auf dem Podium v.l.n.r.: Dolores Manzano, Marina Colasanti, Vera Kurlenina und Sônia Machado Jardim

In diesem Jahr empfingen die BücherFrauen drei Kolleginnen aus dem Buchmesse-Gastland Brasilien. Auf dem Podium diskutierten Sônia Machado Jardim, Vorsitzende des brasilianischen Verlegerverbands SNEL und Vizechefin der großen Verlagsgruppe Editora Record, Marina Colasanti,  renommierte Autorin, Journalistin und aktive Frauenrechtlerin sowie die Literaturvermittlerin Dolores Manzano, Leiterin des Netzwerks „Brasilian Publishers“ für Übersetzungsförderung, über Kultur und Buchbranche in ihrem Heimatland. Die Lusitanistin, Übersetzerin und Mitarbeiterin des hochroth Verlags Vera Kurlenina moderierte und dolmetschte die Veranstaltung.


Leseförderung: eine wichtige (staatliche) Aufgabe

Einleitend gaben die Teilnehmerinnen einen Einblick in den brasilianischen Buchmarkt. Nachdem unter der portugiesischen Kolonialherrschaft die Buchpublikation in Brasilien bis 1808 verboten war, verantwortet das riesige Land heute 50 Prozent der gesamten Buchproduktion Lateinamerikas. Etwa 730 Verlage und über 3000 Buchhandlungen existieren mittlerweile in Brasilien –Tendenz sinkend. Der Jahresumsatz der Branche liegt bei rund zwei Milliarden US-Dollar. Allerdings gibt es bei einer Bevölkerung von fast 200 Millionen Menschen auf Grund der repressiven Kolonialgeschichte und vieler Versäumnisse in der Bildungspolitik nur 88 Millionen LeserInnen im Land. Konsens herrscht in der großen Bedeutung der Leseförderung, und wie wichtig diese Aufgabe auch in Zukunft sein wird. Die Diskussionsteilnehmerinnen loben in diesem Zusammenhang ausführlich die derzeitigen Bildungsmaßnahmen der Regierung. Die Autorin Marina Colasanti bezeichnet die Leseförderung in den staatlichen Schulen gar als „das Demokratischste im Land“. „Die Schulen“, betont Verlegerin Sônia Machado Jardim, „werden nicht nur sehr gut mit Lehrbüchern ausgestattet, sondern auch mit literarischen Werken.“ Immerhin gilt der brasilianische Staat als der größte Bucheinkäufer der Welt.

Marina Colasanti im Gespräch mit der Moderatorin Vera Kurlenina

 

Brasilianische Titel: alles andere als stereotyp

Nach der staatlichen Übersetzungsförderung gefragt, erzählt Dolores Manzano, dass diese in Brasilien erst seit drei Jahren wirklich etabliert sei. Sie hebt angesichts der Marginalität der portugiesischen Sprache die Wichtigkeit der Übersetzungsförderung hervor. Allerdings müssten die brasilianischen Verlage – die international als rege und gutzahlende Lizenznehmer bekannt seien –  noch lernen, nicht nur Bücher zu importieren, sondern auch die eigenen Titel international anzubieten.

Dolores Manzano: Übersetzungen vorantreiben!

In Bezug auf die brasilianische Kultur und Literatur unterstreichen alle Teilnehmerinnen deren Heterogenität und Komplexität. So erklärt Dolores Manzano, dass insbesondere die Klassiker der brasilianischen Literatur reich an sehr komplexen Figuren und deshalb international entsprechend schlecht zu vermitteln seien. Vera Kurlenina sieht in Marina Colasantis Gesamtwerk ein Paradebeispiel für den Kosmopolitismus der brasilianischen Literatur: „Es ist verwunderlich, dass noch kein Werk von ihr auf Deutsch vorliegt.“ Erstaunlich auch deshalb, weil sie 2010 mit dem begehrten brasilianischen Literaturpreis Prêmio Jabuti ausgezeichnet wurde. In diesem Punkt verweist die Autorin auf die Minderkomplexität des internationalen Marktes, der gemeinhin nach dem suche, was bekannte Bilder und Stereotype bestätigen: „Ich werde sehr oft gefragt, was das ‚typisch Brasilianische‘ an meinem Werk ist.“ Doch derlei Kategorisierungen lehnt die Autorin als reduzierend ab; sie begreift sich als Weltbürgerin und betont erneut die Vielfalt als repräsentativ für Brasilien. Ans Publikum appelliert sie, nicht „das eine Brasilien“, sondern „die vielen Brasiliens“ zu suchen.

 

Wie ließe sich die gesellschaftliche Situation der Frauen verbessern?

Im letzten Gesprächsdrittel geht es dann um die Situation der Frauen in der brasilianischen Buchbranche. Während im deutschsprachigen Raum die Branche bekanntermaßen in ihrer großen Mehrheit weiblich ist, die Führungspositionen jedoch überwiegend von Männern besetzt sind, berichtet Sônia Machado Jardim – laut Vera Kurlenina „eine der mächtigsten Bücherfrauen Brasiliens“ –, dass der Anteil der Frauen in Brasilien bei etwa 50 Prozent liege.

Verlegerin Sônia Machado Jardim: eine der einflussreichsten Bücherfrauen ihres Landes

Insbesondere in den Verlagen arbeiteten jedoch überwiegend Frauen. Sie fordert die Frauen auf, den Marsch auf die Führungspositionen zu wagen. Ein gesamtgesellschaftliches Problem sieht sie vor allem darin, dass in Brasilien nur die Hälfte der Frauen aus einer Elternzeit überhaupt in den Beruf zurückkehren. Wegen eines schlecht ausgebauten und sehr teuren Betreuungssystems für Kleinkinder können viele Frauen Familie und Berufstätigkeit kaum vereinen. Überhaupt, so Marina Colasanti, sei in ihrem Land noch viel zu tun, um die gesellschaftliche Lage der Frau zu verbessern – die Gesundheitsvorsorge etwa sei schlecht und es gebe sehr viel Gewalt gegen Frauen.

Fazit: Ein lebendiges und interessantes Gespräch mit sehr charismatischen, mitreißenden Rednerinnen und charmanter, sehr gut vorbereiteter Moderation. Schade nur, dass es thematisch so breit gefasst war, dass kaum in die Tiefe gegangen, geschweige denn diskutiert werden konnte. Vielleicht hätte ein stärkerer Fokus auf die Situation der Frauen in der Buchbranche oder ein konzentrierter Vergleich zwischen dem hiesigen und dem brasilianischen Markt dazu geführt.

 

Text: Johanna Schwering
Fotos: ©Eva Hehemann

 

Fotogalerie der Frankfurter Buchmesse 2013

 

 

 


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