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Jahresthema-Auftaktveranstaltung auf der Buchmesse Leipzig


Auf dem Podium: Isabell Serauky, Moderatorin Katharina Gerhardt, Valie Djordjevic (es fehlt Gabriele Beger, s.u.)

„Content-Mafia“ und „Reputationsökonomie“
BücherFrauen starteten Jahresthema „Geistiges Eigentum und Urheberrecht im Internetzeitalter“ auf der Leipziger Buchmesse2013

Mit seinem aktuellen Jahresthema – „Geistiges Eigentum und Urheberrecht im Internetzeitalter“ – hat sich das Branchennetzwerk BücherFrauen e.V. für das Jahr 2013 einiges vorgenommen: Diese komplexe Materie treibt derzeit die gesamte Branche um und ist konstitutiv für die Zukunft. Zur Auftaktveranstaltung, in der sich die BücherFrauen erstmals öffentlich mit dem Thema auseinandersetzten, lud Moderatorin Katharina Gerhardt drei hochkarätige Expertinnen zur Podiumsdiskussion nach Leipzig: Prof. Dr. Gabriele Beger, Direktorin der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, äußerte sich zur Interessenlage von Verwertern, Bibliotheken, wissenschaftlichen und bildungsorientierten Nutzern, während Isabell Serauky, Berliner Anwältin für Medien- und Urheberrecht, kompetent die Belange der Urheber vertrat. Die dritte Fachfrau, Valie Djordjevic ist selbst Urheberin und Redakteurin bei iRights.info und äußerte sich differenziert und undogmatisch zur neuen „Kultur des Teilens“ im Internet.

Katharina Gerhardt, freie Lektorin, Dozentin und Hamburger BücherFrau eröffnete die Diskussion mit einem Zitat aus dem 2012 bei Rowohlt erschienenen Buch „Internet. Segen oder Fluch“ von Kathrin Passig und Sascha Lobo: „Mit der Empörungsenergie der Einzeldiskussionen zum Urheberrecht in Blogs, Foren und Kommentarspalten ließen sich die Polarkappen drei Winter lang eisfrei halten.“ Trotz dieser und etlicher anderer provokanter Thesen schaffte sie es an diesem Abend im Leipziger CCL nicht, die gleiche Empörungsenergie bei Podiumsteilnehmerinnen oder Publikum freizusetzen. Stattdessen verdeutlichten alle Redebeiträge, wie vielschichtig und kompliziert die Thematik ist, wie unterschiedlich die Interessen, die gegeneinander abgewogen und ausgeglichen werden müssen, und dass es in diesem Zusammenhang mit Sicherheit keine einfachen Lösungen geben kann.

 

Urheber brauchen Einkommen
Isabell Serauky, die u.a. bei der IHK Berlin stellvertretende Vorsitzende der Einigungsstelle für Wettbewerbsstreitigkeiten ist, betonte, wie wichtig es sei, dass Autoren und andere Urheber von ihrer Arbeit leben können. Es sei nicht in Ordnung, wenn Kreative durch hemmungsloses „copy & paste“ um die Früchte ihrer Arbeit gebracht würden. An diesem Punkt konstatierte Valie Djordjevic, dass schon in Zeiten vor Internet und neuen Medien die meisten Kreativschaffenden nicht von ihren Honoraren leben konnten – trotz Urheberrecht. Für diese „prekären“ Urheber stellten die digitalen Medien vielleicht sogar eine Chance dar, ihre Werke selbst zu publizieren und zu vermarkten. Aktuelles Beispiel für den Erfolg solcher Selbstvermarktung: die Romantrilogie „Fifty Shades of Grey“, die im Internet als kostenlose Fan-Fiction ihren Anfang nahm. Prof. Dr. Beger unterstützte diese Auffassung und nannte weitere Beispiele aus der Musikbranche. Sie vertrat außerdem die Position, dass kein Werk im luftleeren Raum entstehen könne. „Jeder Kulturschaffende bezieht sich auf das, was vorher war; holt sich Anregungen und Inspiration von anderen.“ Dies sei so auch völlig in Ordnung: „Wenn jemand etwas schafft, dann soll er oder sie auch darüber bestimmen, was damit geschieht. Aber wenn ein Werk erstmal der Öffentlichkeit übergeben wurde, dann wird es automatisch zum Allgemeingut.“

Valie Djordjevic und Gabriele Beger

 

Rechtsbewusstsein und Fairness
In diesem Zusammenhang fiel schließlich das Stichwort „Reputationsökonomie“. Auch sei die Nutzung und Verbreitung von Werken z.B. durch Fans häufig im Interesse des Urhebers oder auch des kommerziellen Verwerters, da es sich hierbei um eine Art „Empfehlungsmarketing“ bzw. „Mund-zu-Mund-Propaganda“ handle. Die digitale Community reagiere jedoch durchaus sensibel, wenn es um echten Diebstahl geistigen Eigentums und die Unterschlagung von Quellenangaben geht, so Valie Djordjevic. „Und das gilt nicht nur für Doktorarbeiten!“ wie Moderatorin Katharina Gerhardt zur allgemeinen Erheiterung einwarf. Als prominentes Beispiel wurde der Erstlingsroman von Helene Hegemann genannt, der vor einigen Jahren viel Staub aufwirbelte, als bekannt wurde, dass einige Passagen ohne Quellenangabe aus einem Blog übernommen worden waren.

Auch Fachanwältin Isabell Serauky versicherte, die meisten Nutzer hätten sehr wohl ein Unrechtsbewusstsein und keineswegs die Absicht, Urheber bewusst zu schädigen oder auf kriminelle Weise um ihren Verdienst zu prellen. Außerdem vertrat sie die Ansicht, das bestehende Urheberrecht sei durchaus nicht so reformbedürftig, wie oft behauptet werde. Viel wichtiger sei es, dass breiteres Rechtsbewusstsein geschaffen werde – dafür genüge meistens schon eine bessere Aufklärung und Information der Nutzer.

Sie betonte, dass insbesondere für die Nutzung im Bildungsbereich juristisch noch einiges zu regeln sei –  es könne nicht angehen, dass Schulen und andere öffentliche Bildungseinrichtungen ihre Budgets mit der Finanzierung von Lizenzen überstrapazieren. Auch stellte sie infrage, ob es wirklich notwendig sei, dass das geltende Urheberrecht Werke bis zu siebzig Jahre nach Tod des Urhebers schützt. Hier sei eine Reform weitaus sinnvoller als in manch anderen Bereichen.

 

Praxisorientierter Interessenausgleich
„Für Bibliotheken und Wissenschaftsbetrieb stellen die neuen Medien einen wahren Segen dar“, so Bibliotheksdirektorin Gabriele Beger „Archivierung, Verfügbarkeit, Auffindbarkeit – alles ist einfacher dadurch geworden.“ Was hat sich durch „Lizenzen“ geändert? Werke geistigen Eigentums werden dem Nutzer/Käufer heute nicht mehr zwangsläufig physikalisch zur Verfügung gestellt, sondern häufig regelt lediglich ein Link den Zugang zum Werk. Was geschieht mit einer solchen Lizenz/Nutzungserlaubnis, wenn der Nutzer beispielsweise sein Konto bei amazon.de schließt? Ist die Lizenz für immer weg und wenn ja, warum?

Am Ende der sachlichen und inhaltlich konstruktiven Debatte waren sich alle Podiumsteilnehmerinnen in dem Punkt einig, dass es keine leichte Aufgabe sein wird, im digitalen Zeitalter einen fairen Interessenausgleich zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern herzustellen – sie alle haben ihre Funktion, ihren Nutzen und ihre Daseinsberechtigung.

Mehr zum Jahresthema „Geistiges Eigentum und Urheberrecht im Internetzeitalter“ gibt es  auf der Jahrestagung der BücherFrauen in Hamburg, die vom 15. bis 17. November 2013 in der Bucerius Law School stattfindet, unter der Schirmherrschaft der Hamburger Senatorin für Justiz und Gleichstellung.

 

Zu den Personen

Prof. Dr. Gabriele Beger
Direktorin der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Prof. Dr. Gabriele Beger ist zugleich studierte Diplombibliothekarin und Juristin, zugelassene Anwältin und Professorin für Recht für Bibliothek, Information und Dokumentation an der FH in Potsdam. Sie hat Lehraufträge in den Bereichen Bibliotheksrecht und Recht der Informationswirtschaft an der Berliner Humboldt-Universität und der Universität Hamburg und ist Mitglied in zahlreichen Gremien (u. a. Vorsitzende des Fachausschusses Urheberrecht im Deutschen Kulturrat und behördliche Datenschutzbeauftragte von fünf Hamburger Hochschulen).

Isabell Serauky
Frau Serauky ist an der Berliner Freien Universität ausgebildete Volljuristin, und Mitglied der Anwaltssozietät Jurati in Berlin. Sie ist spezialisiert auf Medien- und Urheberrecht. Daneben ist sie ausgebildete PR-Beraterin und Mitorganisatorin des jährlichen Kongresses der Medienrechtler in Berlin, außerdem stellvertretende Vorsitzende der Einigungsstelle für Wettbewerbsstreitigkeiten der IHK Berlin.

Valie Djordjevic
Redakteurin bei iRights.info (Webportal zum Thema Urheberrecht in der digitalen Welt). Die studierte Literatur- und Filmwissenschaftlerin (FU Berlin) arbeitet u. a. als Autorin und Dozentin. Sie war Mitglied bei einem der ersten Netzkunst-Projekte in Deutschland, der „internationalen Stadt Berlin“. 2008 führte sie mit iRights.info an der Berliner Humboldt-Uni das Forschungsprojekt „Arbeit 2.0“ durch, das die Arbeitsbedingungen von Kreativen unter digitalen Bedingungen untersuchte. Dort war sie außerdem am Aufbau von IUWIS – Infrastruktur Urheberrecht für Wissenschaft und Bildung beteiligt. Sie interessiert u. a. sich besonders für Netzkultur und die sozialen Auswirkungen der technologischen Entwicklung.


Text: Anja Baier
Fotos: Anja Lösch

 


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