Berlin: Bericht - Neue Verlegerinnen hat das Land!


Berliner BücherFrauen im Buchhändlerkeller

Es ist voll im Buchhändlerkeller in Berlin-Charlottenburg. Der Mann aus dem
Restaurant gegenüber fragt mit einer Mischung aus Überraschung und Nostalgie, ob es denn da drüben immer noch um Bücher ginge und erzählt von wilden Lesungen Ende der 60er Jahre. Ja, auch an diesem Abend im Mai 2014 geht es um Bücher in den verschiedensten Formen, um Texte, aber vor allem um Frauen, die in den letzten Jahren ihre eigenen Verlage gegründet haben.


Sechs Berliner Verlegerinnen ...

Sechs Berliner Verlegerinnen sind um das Podium gedrängt und teilen miteinander die Vision, dass die Verlagsbranche noch lange nicht am Ende ist, sondern neue, kleine, engagierte Verlage braucht. „Eigentlich geht es in der Branche in den letzten Jahren immer um Verlagsaufkäufe und –untergänge, um die gefühlte Bedrohung durch die Digitalisierung und um immer kleiner werdende Verdienstmargen. Es braucht großen Mut, in diesen schwierigen Zeiten verlegerisches Risiko einzugehen und eigene Verlage zu gründen“, spricht Moderatorin Uta Kural aus, was sicherlich viele im Publikum denken.


Die Verlegrinnen auf dem BücherFrauen-Podium im Gespräch

„Mut, ja, schon ...“, antworten die Verlegerinnen, als ob sie darüber lieber gar nicht nachdenken wollten. Das tragende Prinzip aller sechs Frauen, die so unterschiedlich sind, wie die Verlage, die sie gegründet haben, ist Lust. Die Lust darauf, die Texte und Bücher zu realisieren, die ihnen am Herzen liegen. Die Lust, die AutorInnen zu betreuen, an denen ihnen etwas liegt und die Lust, selbstbestimmt nach den eigenen Gestaltungskriterien und Qualitätsansprüchen arbeiten zu können. Marlies Michaelis, die 2011 den E-Book-Verlag Cividalegegründet hat und dort u.a. verständliche wissenschaftliche Bücher für Nicht-WissenschaftlerInnen verlegt, oder, wie sie selbst sagt, „E-Books für Schnellerwisser und Besserleser“, weiß ganz genau, was für sie das Schönste am eigenen Publizieren ist: „Am begeistertsten bin ich von etwas, von dem ich vorher gar nicht vermutet hätte, dass es mich so begeistern würde. Das Betreuen von Autoren, das gemeinsame Gespräch über ihre Manuskripte. Das ist wirklich toll. Mich mit den Leuten zu unterhalten, zu sehen, wie sie ticken, was sie geschrieben haben, wie ich sanft helfen kann, dass es noch ein bisschen besser wird.“ Die Verlegerinnen nehmen sich Zeit für ihre AutorInnen, ein Luxus, den sich LektorInnen in größeren Verlagshäusern immer weniger leisten können.

Dafür suchen sie sich ihre AutorInnen allerdings auch selbst aus. Christiane Frohmann, die 2012 den Frohmann-Verlag für Neue Literaturen gegründet hat, positioniert sich radikal: „Ich nehme keine Manuskripte an, sondern suche mir meine Autoren selber. Das passt gut zusammen mit neuen literarischen Formen, kleine, kurze Formen, die sehr schnell geschrieben werden, sich teilweise immer wieder verändern. Und ist der Alptraum des klassischen Autors, der sich hinsetzt und irgendwann ist das Buch dann fertig und das letzte Wort gesprochen.“ Dies ist bei den Kolleginnen, die auch Print anbieten, vielleicht etwas anders, aber klar wird an diesem Abend auf jeden Fall: Es lohnt sich für AutorInnen, mit kleinen Verlagen zusammen zu arbeiten. Alle Verlegerinnen investieren nicht nur viel Zeit und Liebe in die Zusammenarbeit mit den AutorInnen, sondern können auch kurzfristigere Erscheinungstermine garantieren, da sie nicht schon an der Programmvorschau des übernächsten Jahres arbeiten. Kristina Kienast, die erst im Februar 2014 mit ihrem Fuchs und Fuchs-Verlagan den Start ging, konnte bereits im April, pünktlich vor dem Volksentscheid, Thilo Bocks neues Buch Tempelhofer Feld. Ein Freiluftroman veröffentlichen. Ein Traum für einen Autor.

Was aber hat die Verlegerinnen bewegt, den Gang zum Gewerbeamt zu wagen? Für Myriam Halberstam, die 2010 den Ariella-Verlagfür jüdische Kinderbücher gründete, war es schlicht und ergreifend ein Notstand auf dem Kinderbuchmarkt. Während es vor Hasen- und Weihnachtsmännern in Kinderbüchern nur so wimmelte, fand sie für die eigenen Kinder keine Bücher zu jüdischen Festen. Und so regte sie zunächst bei Carlsen eine Reihe zu religiösen Festen ethnischer Minderheiten an, kreierte nebenbei die erste türkische Hauptfigur in einem deutschen Kinderbuch und merkte, dass sie noch mehr Literatur für jüdische Kinder verlegen wollte. Myriam Halberstam ist die Einzige an diesem Abend, die sagt, dass sie wisse, wer ihre Zielgruppe ist. „Ich habe ein sehr spezifisches Zielpublikum. Jüdische Kinder und ihre Eltern und Menschen, die an jüdischer Kultur interessiert sind.“

Annette Köhn kann und will ihrem Jaja Verlagkeine Zielgruppe verordnen. Wer denn aber ihre KundInnen seien? „Die, denen meine Bücher gefallen“, erklärt die Verlegerin nonchalant. Und erzählt von dem kreativen Hotspot der IllustratorInnen, die sie um sich versammelt hat. Um dieser ganzen kreativen Energie Raum zu geben, hat sie im Spätsommer 2011 angefangen, Bücher herauszugeben. Dabei sind Comics, Kinderbücher und gerade ganz neu auch ein Kochbuch, so aufwendig und liebevoll illustriert, wie man es sonst nur aus Bilderbüchern kennt.

Manchmal kann auch Widerstand die treibende Kraft sein.
So erzählt Kristina Kienast, dass es sie genervt habe, sich, seitdem sie eine Buchhändlerausbildung absolviert und dann auch noch Verlagswirtschaft studiert habe, immer wieder verteidigen zu müssen, ob das denn noch eine Zukunft habe. „Ich finde schon. Und Sie sind ja auch alle da.“ Christiane Frohmann wurde in ihrer Entscheidung, Verlegerin zu werden, durch den Chauvinismus eines Altverlegers bestärkt, der eine hochqualifizierte weibliche Leitung nicht als Nachfolgerin sah, weil „ ... die kann das ja gar nicht machen, die hat ja zwei Kinder.“ Diese Ignoranz gegenüber weiblicher Leistung hat Christiane Frohmann so provoziert „und nicht unerhebliche Energie freigesetzt“, dass sie „nach zehn Jahren Muttitum“ beschlossen hat, selbst Verlegerin zu werden.

Auch Nikola Richter verweigert sich dem klassischen „Muttibild“ und schätzt die neuen Freiheiten des digitalen Publizierens. Mit ihrem E-Book-Verlag Mikrotext. short digital reading veröffentlicht sie programmatisch pro Quartal je ein „Sachbuch“ und ein „literarisches Werk“ zu einem Thema. Gleich in ihrem ersten Programm entdeckte sie den jungen syrischen Autor Aboud Saeed, der auf Facebook mit Statusmeldungen einen Kosmos seiner Welt als Schmied im Norden von Aleppo entwickelte und auf Facebook Berühmtheit erlangte. Durch die Veröffentlichung bei mikrotext konnte der Autor nach Deutschland einreisen, Lesungen geben und Asyl beantragen. Und auch dem kleinen Berliner Verlag hat die Kooperation sehr geholfen. Eine Geschichte wie im Märchen.


Verlegrinnen und BücherFrauen im Gespräch

Was für die Verlegerinnen gar keine Rolle spielt, ist die Konkurrenz E-Book versus gedrucktes Buch. Und das ist unglaublich erfrischend. Vielmehr sind alle daran interessiert, das, was sie tun, gut zu machen. Mit unterschiedlichen Konzepten, Vertriebswegen, intensiver Autorenbetreuung und Begeisterung für ihre Projekte. Und sie sind für die Qualität ihrer Produkte sogar bereit, immer wieder mal einen Schritt zurückzutreten und lieber weniger, aber dafür besser zu publizieren.


Text von Kathrin Köller

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