Interview mit Christel Göttert

Verlegerin und Mitinitiatorin des Internetforums »beziehungsweise – weiterdenken«, eines Forums für Philosophie und Politik von Frauen

Liebe Christel,

vor ca. zwei Jahren ist Eure Online-Zeitung entstanden –

1. Wie kam es dazu und wie lief der Entstehungsprozess ab?

Zwei Jahre bevor die Online-Zeitung tatsächlich an den Start ging, fand bereits das erste Treffen von 12 interessierten Frauen statt. Für mich persönlich war es ein großes Anliegen, die spannenden Texte von Philosophinnen aus anderen Ländern in meiner eigenen Sprache lesen zu können und dafür nicht darauf warten zu müssen, ob es finanzierbare Übersetzungen in Buchform geben wird. Und außerdem hoffte ich, in diesem Medium die verschiedenen Denkerinnen miteinander ins Gespräch, in wirklichen Austausch bringen zu können. Einige unserer Verlagsautorinnen teilten mein Interesse und waren bereit, als Redakteurinnen und auch als Übersetzerinnen zu agieren. Und dann kamen noch weitere Frauen dazu, bis heute ist die Redaktion für Interessierte offen. Das Interesse an der Zeitung war von Anfang an recht groß, wir erhielten Artikelangebote und Zuschriften. Manchmal mehr als wir schnell bearbeiten konnten, denn unsere Arbeit an der Zeitung ist bisher ehrenamtlich.


2. Welche Schwierigkeiten galt es in den Anfängen dieses Projektes zu überwinden?

Zusätzlich zur ehrenamtlichen Arbeit auch noch in die eigene Tasche greifen zu müssen, um die technische Grundausstattung finanzieren zu können, war zunächst eine Hürde, die wir aber gemeinsam geschafft haben. Der Aufbau selbst setzte dann Energien frei, denn es galt ja Neuland nach eigenen Vorstellungen zu beschreiten. Das gab uns sehr viel Auftrieb und gelegentlich auftretende Schwierigkeiten sehen wir bis heute als Möglichkeit an, neue Wege für das Wachsen weiblicher Freiheit zu finden. So ist unser gewähltes Grundthema »beziehungsweise weiterdenken« die größte Herausforderung, da gibt es keine festgefahrenen Spuren, da bewegen wir uns im offenen Wasser und lernen schwimmen.


3. Welche Chancen bieten Euch die Möglichkeiten des Internets bei der Herausgabe der Zeitung?

Zunächst dachten wir ja an eine Print-Zeitung, so wie ich es mit unserer Rezensionszeitschrift Virginia gewohnt war. Sie sollte zwei oder vier Ausgaben im Jahr haben. Aber bei der Frage der Finanzierung gelangten wir schnell an Grenzen. Dann kam eine der Redakteurinnen, die Frankfurter Journalistin und Publizistin Antje Schrupp, auf die Idee einer Zeitung im Netz. Neben dem geringeren finanziellen Aufwand, denn die Druckkosten entfallen ja, leuchteten uns weitere Vorteile ein: Sie kommt ohne terminlichen Druck aus, denn es gibt keinen festgesetzten Drucktermin an dem alles fertig sein muss, sondern bietet die Möglichkeit Artikel einzustellen, wenn sie »reif« sind. Informationen über neue Texte erhalten die Leserinnen und Leser über einen kostenlosen Newsletter. Und einen weiteren großen Vorteil gibt es gegenüber gedruckten Zeitschriften, die ja häufig als Themenhefte konzipiert sind: Viele werden erst beim Lesen zu eigenen Gedanken zum jeweiligen Thema angeregt, würden vielleicht gern etwas dazu schreiben, aber das Thema ist dann ja schon durch. Im Internet können Artikel, die zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten geschrieben werden, miteinander verlinkt werden, wenn sie sich inhaltlich berühren. So können zum einen Themenkomplexe neu entstehen (immer dann, wenn sich viele dafür interessieren) und zum anderen sind die Themen nie abgeschlossen, es kann daran zu jedem Zeitpunkt weitergedacht werden. Auch so können Beziehungen entstehen, kann Bezug aufeinander genommen werden. Und die Lesenden können sich (demnächst) über Kommentarfelder und Mails direkt und schnell zu den Texten äußern und Kontakt zu den Redakteurinnen aufnehmen.


4. Verändert sich die Aufbereitung der Inhalte durch die Wahl dieser Heran- bzw. Vorgehensweise? Welche Probleme treten auf?

Alle Artikel werden, wie auch bei anderen Zeitungen, angeschaut, ein Unterschied besteht vielleicht darin, dass die Autorin bei uns persönlich mit einer Redakteurin Kontakt aufnehmen muss, von der sie gern betreut werden möchte. Wenn die nicht an Inhalt und/oder Thema interessiert ist, schlägt sie eine andere Frau vor. Darüber hinaus sprechen wir aber auch selbst Frauen wegen Artikeln an. Was wir vermeiden wollen, sind schnelle Einträge in Kommentarfeldern, die eigentlich nur auf die eigene Tätigkeit aufmerksam machen wollen, sich aber nicht wirklich auf das bereits Geschriebene einer anderen Frau beziehen. Deshalb gibt es auch hier automatisch einen Kontakt zur verantwortlichen Redakteurin.


5. Wie empfindest Du die Digitalisierung der Buchbranche? Welche Vor- bzw. Nachteile siehst Du?

Wir beobachten diese Vorgänge, steigen aber selbst zurzeit nicht ein. Uns sind die Gespräche mit unseren Kundinnen wichtig und da erfahren wir, mit welcher Zurückhaltung viele Frauen auf die modernen Medien reagieren, sich bereits jetzt ausgeschlossen fühlen, wenn wir auf unsere Internetseiten verweisen. Ihre Beweggründe sind uns wichtig. Die Erfahrungen mit der Online-Zeitung zeigen uns ja, wie wir selbst damit umgehen: Erstmal alles ausdrucken, um später vom Papier lesen zu können. So können wir uns einerseits mit den neuen Medien vertraut machen und ihre Vorteile nutzen, aber gleichzeitig an der alten Lesegewohnheit festhalten. Gleichwohl informieren wir uns.


6. Du bist schon seit vielen Jahren BücherFrau und hast 1992 einen eigenen Verlag gegründet.
Zum ersten Mal haben die BücherFrauen ein Jahresthema gewählt, das diesjährig »Das Buch im digitalen Zeitalter« behandelt. Wie schätzt Du dieses Thema ein?

Ich lass mich überraschen, was es für gute Ideen dazu geben wird. Einem Modernitätszwang unterliege ich nicht. Das Buch aus Papier ist für mich noch immer voll großer Faszination und Möglichkeiten. Aber wenn es zusätzlich praktische neue Wege der Vermittlung von Literatur und wichtigen Themen gibt, sehe ich das als willkommene Ergänzung an, was im Einzelfall zu überprüfen ist.


7. Sind wir Deines Erachtens fit für das digitale Zeitalter?

Diese Frage stellt sich mir so nicht. Eher frage ich, ob digitale Medien kompatibel mit dem Leben sind, das Frauen führen wollen. Die weibliche Freiheit ist immer in Gefahr, wenn sie sich einem Trend unterordnet.
Doch ich baue darauf, dass besonders die jungen Frauen sich der Technik in einer Weise bedienen werden, die ihre eigene Sinnhaftigkeit ins Zentrum rückt.

Wir werden weiterhin Bücher machen, weil sie Grundnahrung sind, die überall eingenommen werden kann. So wie wir aber auch Lokale und Gaststätten für unser leibliches Wohl durchaus zusätzlich schätzen, ist die Möglichkeit, auch andere Wissensträger als das Buch zu nutzen, eine Frage von bestimmten Gelegenheiten. Wir fühlen uns jedenfalls auf der Höhe der Zeit, wenn wir uns offenhalten für neue Wege und uns weiterhin kundig machen, um Entscheidungsebenen zu haben.

Vielen Dank für das Interview!

Christiana Puschak

Weitere Informationen

http://www.bzw-weiterdenken.de

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