Berlin: Bericht - Feminismus – vergessen, verpönt oder eine notwendige politische Denkart?

- Oder: Vor der Diskussion ist nach der Diskussion.

Der BücherFrauen-Abend im Februar 2015 im Kaminzimmer des Literaturhauses in der Fasanenstraße ließ schon in der Vorankündigung ahnen, dass es nach der Diskussion eher mehr Fragen als Antworten geben würde.

Engagierte, renommierte, vielseitige Frauen waren eingeladen, um Folgendes zu debattieren:

- Braucht heute noch jemand den Feminismus?

- Gibt es darüber unterschiedliche Ansichten bei jüngeren und älteren Frauen oder in Ost und West?

- Verhalten sich Frauen solidarisch untereinander oder denkt jede nur an sich, ihre Karriere und ihr geringes Zeitbudget?

- Und sind die Männer überhaupt das Problem oder vielleicht eher die gesellschaftlichen Umstände insgesamt?

Auf dem Podium saßen: Susanne Bruha (*1980, Journalistin, Autorin), Christina Thürmer-Rohr (* 1936, Philosophin, Sozialwissenschaftlerin), Gisela Notz (*1942, Historikerin, Sozialwissenschaftlerin) und Ulrike Baureithel (*1957, Journalistin, Mitbegründerin des Freitag). Carolin Deuflhard von der Humboldt-Universität lieferte vom Stehpult  aus mit der Zusammenfassung einer empirischen Studie zur „Überforderten Generation“ ** weitere Diskussionsanstöße. Moderiert wurde die Veranstaltung von Ramona Ehret und Grit Ellen Sellin.

Im Rückblick auf diesen Abend fallen mehrere Punkte auf: Erstens: Publikum wie Podium waren lebhaft und diskussionsfreudig; sie waren alters divergent, Debatten erprobt und kritisch, zum Teil auch selbstkritisch. Zweitens: Bei den Diskutantinnen saß jedes Wort, Gegenreden aus der Zuhörerschaft ließen sogar auf jahrzehntelange Grabenkämpfe der unterschiedlichen feministischen Lager schließen. Drittens: Nicht geredet wurde über Feminismus im Kontext Ost – West und auch nicht über „Männer als Problem“.

Worüber wurde dann eigentlich zwei Stunden lang mit vielen Wortmeldungen diskutiert? Schwer zusammenzufassen … Denn die Redebeiträge mäanderten durch Zeit und Geschichte, durch Theorie und Praxis, durch Positionsbestimmungen („damals“ haben wir nicht nur geredet, sondern auch gekämpft) und Grundsatzfragen (Was für eine Art Feminismus ist doch gleich Konservativer Feminismus?).

Mir sind von dem Abend einzelne Aussagen im Gedächtnis geblieben: Gisela Notz sagte an einer Stelle, der Feminismus sei nie eine Massenbewegung gewesen, habe aber eine große Geborgenheit in den einzelnen Gruppierungen geboten. Das scheint eine Erklärung zu sein, warum das Thema Feminismus heutzutage so wenig zieht: Viele Frauen, gerade auch jüngere, sind engagiert für oder gegen bestimmte Themen, allerdings zeigen sich die Formen des Engagements oft nicht mehr in eingeschworenen, ideologisch gefestigten Frauengruppen, sondern in spontanen Bekundungen wie Internetpetitionen, Teilnahme an Demos und Flashmobs. Das entspricht der Unübersichtlichkeit der derzeitigen Weltordnung, denn wer weiß schon, wofür oder wogegen sie/er morgen sein muss.

Feministische Interessen konvergieren, so Ulrike Baureithels Statement. Ja, genau, und das ist auch gut so. Zeit sich mal wieder über die Divergenzen klar zu werden, den Blick über den Tellerrand zu üben und sich dann auf das Gemeinsame zu konzentrieren. Außerdem wäre ein neues „Dach“ nötig, unter dem unterschiedliche feministische Ideen und Aktionen zusammenfinden könnten. Keine ganz leichte Aufgabe nach dem (vorläufigen) Ende des kalten Krieges und dem (scheinbaren) Triumpf des Kapitalismus.

Egozentrisch und ethnozentrisch, so ein ewiger Vorwurf an den Feminismus. Christina Thürmer-Rohr reagierte mit diesem Satz auf eine Publikumsfrage, warum es so wenig (feministischen) Widerstand gegen Krieg, Gewalt und IS gebe. Zu weiten Teilen waren die Diskussionen des Abends ethnozentrisch, auch das Publikum bestand zu mindestens 90% aus weißen Frauen. Also bitte, hier wenigstens scheint die Frauenbewegung in Deutschland über eine gewisse Kontinuität zu verfügen, die an anderer Stelle sehr bemängelt wurde (fehlender Wissenstransfer, mangelhafte Weitergabe des politischen Gedächtnisses).

Keinen ganz leichten Stand auf dem Podium hatte Susanne Bruha, mit 35 Jahren die jüngste. Ihr 50/50-Modell, Haushalt und Kind werden zwischen ihr und ihrem Partner zu gleichen Teile aufgeteilt, hörte sich für die gestandenen Alt-Feministinnen an wie eine Reduzierung der feministischen Idee auf die Mülleimer-Debatte: wer trägt ihn runter. Nichtsdestotrotz: immerhin ein Modell, das sich ohne große Ideologiedebatten angehen ließe. Dass die Umsetzung sicher in den meisten Partnerschaften trotzdem problematisch sein dürfte, zeigt, dass es wirklich an der Zeit ist, mehr Gleichberechtigung zu leben, aber natürlich auch über sie zu diskutieren.

Nicht vergessen: das Private ist politisch! Sicher ergeben sich für die BücherFrauen aus der Debatte des Abends weitere Diskussionen, in kleinen wie in großen Kreisen. Genug Stoff ist jedenfalls vorhanden. Wer weiter lesen will, findet hier Informationen zu den Diskutantinnen, Bibliographien und den Link zur genannten Studie. Für wissensdurstige Neueinsteigerinnen in das Thema Feminismus empfiehlt sich der erste Link.

Weiterführende Links:
http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/

http://www.emma.de/artikel/wir-sind-echte-5050-eltern-317025

https://www.freitag.de/autoren/ulrike-baureithel

http://www.gisela-notz.de/gisela-notz/veroeffentlichungen-buecher-und-broschueren

http://home.snafu.de/thuermer-rohr/

https://www.hu-berlin.de/pr/pressemitteilungen/pm1501/pm_150114_00

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**Bertram, Hans/Deuflhard, Carolin (2015): Die überforderte Generation. Arbeit und Familie in der Wissensgesellschaft. Opladen/Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich.
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Text und Bild: Uta Kural

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