LiteraturBrunch Hamburg 2015: „Wenn Vergangenes nicht vergeht“

Im Gespräch: Sabine Kray, Inga Vietzen und Ulrike Draesner. Foto: Karina Schmidt

Sie sind tief eingetaucht in die Familiengeschichte und haben sie literarisch bearbeitet: Unter dem Motto „Wenn Vergangenes nicht vergeht – zwei autobiografische Recherchen über Kriegserlebnisse und ihre Spätfolgen“ stellten Ulrike Draesner und Sabine Kray am 22. Februar 2015 in der Tangotanzschule „La Yumba“ auf St. Pauli ihre neuen Romane vor.

Es gab wie jedes Jahr ein leckeres Büfett, und auf den ersten kulinarischen Genuss folgte der Lesungsteil: Die beiden Autorinnen, einfühlsam vorgestellt von Moderatorin Inga Vietzen – Literaturpädagogin und Philologin und bis Ende 2014 Regionalsprecherin der BücherFrauen in Hamburg –, lasen dabei jeweils längere Passagen aus ihrem neuen Roman.

Publikum im La Yumba. Foto: Karina Schmidt


Kriegstraumata ein Leben lang

Sabine Kray, Jahrgang 1984, porträtiert in Diamanten Eddie (Frankfurter Verlagsanstalt) ihren Großvater Edward Kray, der im Mönchengladbach der 1960er- und 1970er-Jahre als Dieb und Hehler eine echte Berühmtheit war.
Doch keiner wusste, dass der höfliche, charmante und stets gut gekleidete Mann, ein gebürtiger Pole, mit 15 Jahren bei einem deutschen Bombenangriff fast seine gesamte Familie verloren hatte und im Zweiten Weltkrieg an verschiedenen Orten Zwangsarbeit für das NS-Regime leisten musste.
Schließlich holen ihn die Traumata der Vergangenheit wieder ein – wie in einer von Sabine Kray vorgelesenen Passage beklemmend deutlich wurde.

Sabine Kray liest aus ihrem Debütroman "Diamanten Eddie". Foto: Karina Schmidt

Generationenübergreifendes Schicksal

Ulrike Draesners Roman Sieben Sprünge vom Rand der Welt (Luchterhand Literaturverlag) zeichnet aus verschiedenen Perspektiven über vier Generationen das Schicksal der Familie Grolmann nach: Die Großeltern Hannes und Lilly leben in der Vorkriegszeit im damals deutschen Schlesien und betreiben eine Bäckerei. Während Hannes im Zweiten Weltkrieg als Offizier in der Wehrmacht Dienst tut, muss Lilly mit ihren beiden Söhnen Eustachius und dem geistig und körperlich behinderten Emil gegen Kriegsende nach Westen fliehen.
Emil kommt auf der Flucht ums Leben – wie, ist ein großes, aus verschiedenen Sichtweisen beleuchtetes Thema im Buch –, die übrige Familie lässt sich in Bayern nieder. Eustachius wird ein berühmter Primatenforscher, in seine Fußstapfen tritt seine Tochter Simone; beide interessieren sich für die Parallelen im Verhalten zwischen Mensch und Affe, auch im Umgang mit Gewalt. Simones Tochter Esther hat eine enge Bindung zum Großvater, der durch seine Kriegserlebnisse offensichtlich traumatisiert ist und auf seine alten Tage immer wunderlicher zu werden scheint.
Dieser Familie Grolmann stellt Draesner eine polnische Familie gegenüber, die aus Ostpolen in den Westen vertrieben worden ist. Ein für sie notwendiger Kunstgriff, der es ihr erst ermöglicht habe, diesen Roman tatsächlich zu Ende zu schreiben.
Beide Autorinnen erweitern den traditionellen Biografiebegriff mehr oder weniger ausgeprägt um fiktionale Elemente, um die Erfahrungen von Zwangsarbeitern bzw. Vertriebenen exemplarisch darzustellen.

 

 

Ulrike Draesner stellt ihren Roman "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" vor. Foto: Karina Schmidt


Von Großeltern, Eltern und nachhallenden Gesprächen mit Zeitzeugen

Beide Autorinnen begannen ihre Lesung in der Großelterngeneration, und bereits jetzt wurde deutlich, wie deren Erlebnisse auf die nachfolgenden Generationen weiterwirkten. In einem vielfach gebrochenen Text, den sie selbst als „politisch vielleicht nicht korrekt, aber psychologisch wahr“ bezeichnete, spürt Ulrike Draesner anhand der Figur des Hannes Grolmann der Anziehungskraft des gemeinsamen Kämpfens und der Kameradschaft nach. Als jemand, der „den Krieg nicht gesucht, aber gefunden hatte“, wird er später von zwiespältigen Erinnerungen und Sehnsüchten heimgesucht.
Die Autorin hat nach eigenem Bekunden unter anderem deshalb den Roman begonnen, um Antworten auf die Frage zu finden, warum ihr mittlerweile 85-jähriger Vater so ist, wie er ist. Sie erzählte, dass sie bereits 2004 anfing, diesen Roman zu schreiben, ihn aber immer wieder beiseitelegen und zwischendurch etwas anderes schreiben musste.

Einblicke in Schreib- und Gefühlswelt

Draesner gab, ebenso wie Sabine Kray, tiefe Einblicke in ihren Schreibprozess und in ihre Gefühle dabei. Spürbar wurde, wie die Recherche und Gespräche mit Zeitzeugen im Innern der Autorinnen weiterarbeiteten und auch verarbeitet werden mussten. Sabine Kray hörte sich zum Beispiel umfangreiche lebensgeschichtliche Interviews mit Zwangsarbeitern an, um die Erlebnisse und Erfahrungen ihres Großvaters nachvollziehen und beschreiben zu können. Und sie fragte ihren Vater, den Sohn von Diamanten Eddie, aus, der zunächst nur stockend oder einsilbig geantwortet habe, sich später aber, beim Lesen von Textpassagen, mit einem „Das stimmt doch so gar nicht“ doch noch beteiligt hat. Ihm hat sie ihr Buch schließlich gewidmet.

Vergangenes in der Gegenwart

Beide Autorinnen betonten, wie wichtig es für sie gewesen sei, dass Gespräche mit Zeitzeugen in ihnen selbst einen Hallraum eröffneten – so Draesners Formulierung – bzw. etwas in ihnen zum Schwingen brachten, wie Kray es ausdrückte. Sie waren sich einig, dass Traumata oder „Beschädigungen“, durch welche Mechanismen auch immer, in Folgegenerationen weiterwirken. Der Nachmittag endete mit viel Applaus für zwei Autorinnen, die – angeregt durch die Fragen der Moderatorin Inga Vietzen – mit viel Herz und Verstand einen Einblick in die Entstehung ihrer beiden absolut lesenswerten Bücher und auch in ihr Innenleben gaben.

Signierstunde nach der Lesung. Foto: Susanne Broos

 

Denjenigen, die nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten oder noch etwas nachhören möchten, sei der Mitschnitt der Lesung empfohlen:

 


Die Autorinnen

Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie. 1992 promovierte sie mit einer Arbeit zu Parzival von Wolfram von Eschenbach. Drei Jahre später debütierte sie mit dem Gedichtband gedächtnisschleifen. 1996 zog Draesner nach Berlin, wo sie heute als Lyrikerin, Prosaautorin und Essayistin lebt. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Stipendien und Preisen ausgezeichnet. Ihr Roman Sieben Sprünge vom Rand der Welt erschien 2014.

Sabine Kray wurde 1984 in Göttingen geboren und lebt heute in Berlin. Sie arbeitet als Autorin und Übersetzerin und engagiert sich als Mentorin für junge Mädchen mit Migrationshintergrund. Nach dem Studium der Amerikanistik entschied sie sich gegen eine Promotion, um endlich die Wahrheit über ihren Großvater zu erfahren. Ergebnis ist ihr 2014 erschienener Debütroman Diamanten Eddie.



Über den Hamburger LiteraturBrunch:

Zur Organisationsgruppe des LiteraturBrunchs der Hamburger BücherFrauen, der von der Behörde für Kultur, Sport und Medien der Stadt Hamburg unterstützt wird, gehörten Brigitte Beier, Susanne Broos, Meike Cattarius, Astrid Froese, Annette König, Inga Vietzen und Rita Woebcke. Sie haben die Neuerscheinungen deutschsprachiger und deutsch schreibender Autorinnen, die 2014 erschienen sind, gesichtet, gelesen, verglichen, diskutiert und bewertet und letztlich die beiden Romane für die Veranstaltung ausgewählt.

 

Text: Brigitte Beier
Fotos: Karina Schmidt und Susanne Broos

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