Hamburger BücherFrauen bei ver.di

Zum Jahresthema besuchten die Hamburger BücherFrauen am 15. März 2010 die Gewerkschaft ver.di. Martin Dieckmann, Leiter des Medienbereichs in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, und Ulrike Fürniss, Beratung für Freie und Selbstständige, informierten uns, wie die Gewerkschaft für angestellte und freiberuflich arbeitende BücherFrauen »MehrWert« bieten kann. Marion Fisch, Lektorin und Herstellerin beim VSA Verlag, berichtet ausführlich über einen spannenden Abend.

Vielleicht hatte es mit den Hamburger Frühjahrsferien oder mit Stress im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu tun? Jedenfalls war das Jahresthema MehrWert Frauen in der Buchbranche wohl noch nicht so ganz in Hamburg angekommen. Zum Besuch im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof am 15. März fanden sich nur sechs Bücherfrauen ein. Einladend war dabei schon der vereinbarte Treffpunkt im Erdgeschoss des Gewerkschaftshauses, die Hamburger Filiale der Büchergilde Gutenberg. Dagmar Rein, Mitinhaberin dieses einst gewerkschaftlichen, seit einigen Jahren selbständig geführten Buchclubs, führte zu Beginn kurz in dessen Besonderheiten ein.
Im Konferenzraum Altona stellten die ver.di-KollegInnen Martin Dieckmann (früher beim ver.di-Bundesvorstand u.a. zuständig für Buchverlage, jetzt Leiter des Medienbereichs bei ver.di in Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern) und Ulrike Fürniss (Beratung Freie und Selbstständige) dann ihre Arbeit mit Blick auf die Buchbranche vor.
Martin Dieckmann erläuterte zunächst, dass die Beschäftigten der Buchwelt erst seit 2001 alle zusammen in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di vertreten sind. Vorher waren sie in IG Medien (u.a. für AutorInnen, LektorInnen, IllustratorInnen) und HBV (Buchhändlerinnen, nur z.T. Buchverlage) gespalten. Das schuf nicht nur uneinheitliche Regelungen in Tarifverträgen, deren Ziel ja eigentlich darin besteht, gleiche Wettbewerbsbedingungen für die Beschäftigten, aber auch für die Betriebe zu schaffen, es bewirkte auch eine Konkurrenz um Mitglieder, auf die Gewerkschaften angewiesen sind, um möglichst durchsetzungsstark zu sein. Das zeitweilig angestrebte Ziel, eine Gewerkschaft für den Medienbereich zu erhalten, erwies sich als nicht durchführbar, und so ist die Buchbranche mit ihren jeweils ca. 30.000 Beschäftigten in Verlagen und Buchhandlungen heute also ein (kleiner) Teil der Multibranchengewerkschaft ver.di mit ihren rund 2 Mio. Mitgliedern.
Aufgabenfelder von ver.di sind die Betriebsratsarbeit, das Aushandeln von Tarifverträgen und die Mitgliederberatung für Angestellte und Selbstständige. Eine wichtige Voraussetzung für die kollektiven Regelungen (Tarifverträge) ist die Mitgliedschaft der Arbeitgeber in Arbeitgeberverbänden. Hier ist der Organisationsgrad in Hamburg geringer als z.B. in Nordrhein-Westfalen, wo es zahlreiche Fachbuchverlage gibt. Erschwert wird die Vertretung der Angestellten zudem durch die Tatsache, dass es bei den Buchverlagen nur wenige Großbetriebe gibt, in denen die gewerkschaftliche Organisation traditionell stärker ist. Auch die Tendenz, nur noch Kernfunktionen im Betrieb zu belassen und insbesondere das Lektorat auszulagern, sowie der Konzentrationsprozess im herstellenden und verbreitenden Buchhandel machen die Vertretung der Beschäftigten nicht einfacher. Erschwerend hinzu kommt die Internationalisierung der Produktion, die auch das Verlagswesen erreicht hat wenn z.B. Springer Heidelberg die Vorstufe, und sogar, mithilfe der Einarbeitung von dortigen Germanisten, Teile des Lektorats und Korrektorats nach Indien auslagert zu Monatsgehältern von 150 Euro...
Nach diesem für die Festangestellten nicht gerade optimistischen Ausblick stellte Ulrike Fürniss das besonders in Hamburg gut ausgebaute Angebot von ver.di für die Freien und Selbständigen dar. Martin Dieckmann wies darauf hin, dass dieser Bereich, in dem viele Mitglieder mit geringen Beiträgen und großem Beratungsbedarf tätig sind, z.T. sozusagen durch die Angestellten-Bereiche von ver.di querfinanziert wird. Die Beitragsregelung sieht so aus, dass Angestellte monatlich 1% vom monatlichen Bruttogehalt an die Gewerkschaft zahlen, bei Selbständigen werden 25% vom Nettohonorar abgezogen und hiervon dann 1% berechnet. Nach der Beitragshöhe richtet sich auch das Streikgeld.
Nun könnte man vermuten, dass die gewerkschaftliche Organisation von Selbständigen ohnehin ein Widerspruch in sich ist. Und tatsächlich ist sie auch bei ver.di nicht unumstritten. Allerdings müssen sich die Gewerkschaften dem Wandel in der Beschäftigtenstruktur stellen, und auch hier ist schließlich das Ziel die Stärkung der Selbständigen gegenüber den Auftraggebern analog zu den Arbeitgebern bei Angestellten. Und wie schon erwähnt, werden gerade auch in der Buchbranche viele Aufgaben, die zuvor Angestellte erledigt haben, ausgelagert nicht selten in die so genannte Scheinselbständigkeit, die in der Arbeit überwiegend nur für einen Auftraggeber besteht. Für Selbständige bietet ver.di eigene Veranstaltungen an, die teilweise auch Nichtmitgliedern offen stehen, wie überdies auch große Bereiche des praxisnahen Online-Angebots Mediafon. Mitgliedern bietet ver.di darüber hinaus Rechtsberatungen für Verträge und Rechtschutz bei Streitigkeiten mit Auftraggebern (z.B. über Honorare) an, oder auch dann, wenn ExistenzgründerInnen Probleme mit der Arbeitsagentur oder mit Krankenkassen bekommen. Hierzu hat Mediafon auch ein bundesweites Callcenter eingerichtet, das von Selbständigen betrieben wird. Außerdem gibt es die Möglichkeit, sich über Honorare zu informieren. Unter anderem diese Angebote und auch die gute Kooperation mit dem VFLL führen dazu, dass die Vernetzung der Selbständigen gerade in Hamburg weit fortgeschritten ist dieser Abend, bei dem Ulrike Fürniss und Martin Dieckmann ihrerseits erstmals die BücherFrauen kennenlernten, war sicher ein weiterer Schritt dazu. Zu erwähnen ist noch, dass kollektive Tarifverträge für Selbständige wegen des Kartellverbots nicht möglich sind, auch bei juristischen Fragen ist der Status entscheidend: Für Angestellte ist das Arbeitsgericht zuständig (dort besteht kein Anwaltszwang), für Selbständige das Zivilgericht, wo wiederum Anwaltswang herrscht. Ulrike Fürniss riet dazu, dass freie Autorinnen jeweils versuchen sollten, ihre Themen in unterschiedlichen Teilen der Wertschöpfungskette unterzubringen, damit sie möglichst weitgehend von ihrer eigenen Arbeit profitieren.
Besonders interessiert waren die ver.di-KollegInnen natürlich auch an der BücherFrauen-Studie zu den Beschäftigungsbedingungen in der Branche. Schließlich müssen auch Gewerkschaften Tarifverträge gendern, das heißt, sie auf die spezifischen Auswirkungen für beide Geschlechter überprüfen, um Ungerechtigkeiten vorzubeugen. Dabei wurde festgestellt, dass Frauen in der Regel vom Arbeitgeber korrekt eingruppiert werden, ihre männlichen Kollegen jedoch häufig eine über ihre Qualifikation hinausgehende Eingruppierung aushandeln können. Ulrike Fürniss ermutigte noch einmal ausdrücklich zum Selbstmarketing und mahnte an, sich nicht unter Wert zu verkaufen.
Ein sehr informativer Abend, der noch gar nicht alle im Zusammenhang mit betrieblicher und freier gewerkschaftlicher Vertretung auftretenden Fragen behandeln konnte. Grund, den Austausch fortzusetzen und ver.dis Angebote unter den BücherFrauen und umgekehrt weiter bekannt zu machen!

Linktipps:
www.verdi.de
www.mediafon.net

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