Von Löwen und Giraffen: Lesung der Autorinnen Lewitscharoff und Schalansky in Hamburg

Moderatorin Christine Gräbe stellt die Autorinnen Judith Schalansky (l.) und Sibylle Lewitscharoff (r.) vor.

„Judith Schalansky und Sibylle Lewitscharoff bändigen ungewöhnliche Romansujets“, war der Titel des diesjährigen LiteraturBrunches der Hamburger Bücherfrauen am 19. Februar. Die beiden Autorinnen lasen aus ihren Romanen „Blumenberg“ und „Der Hals der Giraffe“ vor einem ausverkauften Saal im LaYumba auf St. Pauli.

Kaum hingen die Plakate für die Lesung mit Judith Schalansky und Sybille Lewitscharoff, kaum lagen die Flyer aus, drängten sich den Organisatorinnen bis dato unbekannte Fragen auf: Wie viele Menschen können wir setzen und verköstigen, wenn wir auch den letzten Stuhl aus dem Keller des La Yumba hervorholen und dezent überbuchen? Denn nach einem Ansturm auf die Karten war der Brunch schon nach wenigen Tagen restlos ausverkauft.

Preisregen

Das lag einerseits an den beiden herausragenden, vom Feuilleton hoch gelobten Büchern, die wie jedes Jahr vom Organisationsteam aus der Fülle der deutschen Neuerscheinungen ausgewählt worden waren. Zum Teil aber auch am Preisregen für Sybille Lewitscharoff im Jahr 2011: Neben der Nominierung auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis waren es nicht weniger als fünf weitere Auszeichnungen, darunter der Kleist- und der Wilhelm-Raabe-Preis.

Als Christine Gräbe, Moderatorin und Herausgeberin der edition fünf, die Preisliste nach der Begrüßung verliest, lacht Sybille Lewitscharoff. „Mir ist bewusst, dass das höchst selten ist. Eine solche Preisausschüttung“, sie breitet die Arme aus, „eine solche Kontoschwellung, in nur einem Jahr! Aber wir wollen doch mal die Kirche im Dorf lassen. Viele Kollegen haben ähnlich viele Preise erhalten, aber die haben sich dann auf einen Zeitraum von zehn bis zwanzig Jahren verteilt.“

Denjenigen, die nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten oder noch etwas nachhören möchten, sei folgender Podcast empfohlen: Die gesamte Lesung kann hier angehört werden (die Tonqualität bitten wir zu entschuldigen):

 

Carte blanche für Schalansky

Judith Schalansky erklärt bei der Vorstellung mit dem ihr eigenen Humor: „Ich wünsche mir bestimmte Bücher, und wenn sie keiner macht, muss ich sie eben selbst machen.“ Auch Schalansky wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem für die Fähigkeit, aus einem Buch ein – auch wenn sie selbst es nie so nennen würde – Gesamtkunstwerk zu machen. „Ich hatte durch den ,Atlas der entlegenen Inseln‘ beim Verlag für die Gestaltung des Romans eine ,Carte blanche‘“, meint die Autorin und gelernte Buchgestalterin, die Textänderungen an „Der Hals der Giraffe“ vornahm, damit der Satzspiegel kompakt blieb und die integrierten Bilder exakt mit den Worten auf der Seite davor korrespondierten.

Eifersüchtig auf Habermas

Beide Schriftstellerinnen befassen sich in ihren Sujets im weitesten Sinn mit dem Bildungsbetrieb. Judith Schalansky schreibt über eine Schule in den neuen Bundesländern, die mangels Schülern nur noch kurze Zeit existieren wird, Sybille Lewitscharoff über den Münsteraner Philosophieprofessor Blumenberg, seine Studenten und deren Bewunderung für den exzentrischen Philosophen. Das Buch spielt in den Achtzigerjahren. Auch Lewitscharoff hegt für Blumenberg einige Sympathien: „Er hat mich schon immer fasziniert. Ich habe den Mann auch in keinster Weise im Roman beschädigt, es gibt nur Bewunderung. Einmal ist er etwas eifersüchtig auf Habermas, aber ich lupfe auch gleich wieder darüber hinweg.“ Kein Heiliger sei er, aber knapp dahinter, lacht sie.

Sie las dann eine Szene, in der die skurrile Begegnung Blumenbergs mit dem imaginären Löwen, der auch das Cover ziert und von Lewitscharoff liebevoll als „Althippie-Löwe, nicht so ein saft- und kraftstrotzender“ bezeichnet wird, bereits vollzogen ist. Sie wählte die Passage des Selbstmordes der Studentin Isa, einer leicht konfusen, in den Professor verliebten jungen Frau, die sich von einer Brücke stürzt, weil sie fürchtet, sich vor Blumenberg lächerlich gemacht zu haben. Und hier wird auch die außergewöhnliche stilistische Stärke des Romans deutlich: In jeder Nuance tritt die junge Frau hervor, hebt sich die Passage von denen ab, in denen die Rede von anderen Figuren ist, verändern sich Duktus, Stil und Tempo. Der gemächliche, distinguierte Ton Blumenbergs kontrastiert mit der flusigen Gedankenwelt Isas, die an alles Mögliche denkt, zuletzt, kurz vor ihrem Tod, an ihren Augenbrauenstift. Sybille Lewitscharoff beherrscht die erlebte Rede perfekt, lässt den Text im Rhythmus ihrer Figuren ein- und ausatmen. Andächtig lauschen die Zuhörer, kurz hängt Stille im Raum, als die Schlusssätze der Szene Isas Tod vor Augen führen, bevor der Applaus aufbrandet.

Die Hauptfigur: eine Zynikerin

Auch Judith Schalansky ist eine wahre Künstlerin, wenn es darum geht, ihrer Protagonistin, der Biologielehrerin Inge Lohmark, und deren Gedanken Gestalt zu verleihen. Eindrucksvoll stellt die Autorin den präzisen, häufig in kurzen Aussagen stechschrittartig voraneilenden Gedanken Zeichnungen bei, die plakativ die Schönheit der Natur aufblitzen lassen. Lohmark unterrichtet am Charles-Darwin-Gymnasium, liebt die Natur wegen ihrer Perfektion und hat eine klare Vorstellung vom Leben: Es gibt keine Wahl, außer der Zuchtwahl! Dreißig Jahre Unterricht, davon fast die Hälfte in der ehemaligen DDR, haben die Frau, aus deren Leben drei Tage im Roman geschildert werden, zu einer bissigen Zynikerin gemacht, die sich keinerlei Illusionen hingibt. Außer vielleicht der, dass ihre eigene Tochter doch irgendwann zu ihr zurückkehrt, vielleicht in ein Haus nebenan.

Dieser Mangel an Realismus, gepaart mit einer grimmigen Hellsichtigkeit, für die, sagt Christine Gräbe, Sozialdarwinismus schon fast ein Euphemismus sei, macht sie dann zwar nicht sympathisch, aber klug. Vernichtend klug.

Zwillingsschwester von Angela Merkel

Judith Schalansky las mit sehr leiser, knarzender Stimme aus den ersten Seiten ihres Romans, jeder Satz so hämisch betont, dass Aussagen Lohmarks wie die, dass die Pubertät ein krankheitsähnlicher Zustand sei, ihr etliche Lacher einbrachten und Bewunderung für die Fähigkeit, sich in eine ältere, frustrierte Frau so gekonnt hineinzuversetzen. „Ich wollte eine Person wählen, die möglichst weit weg von mir selbst ist“, sagt Judith Schalansky, „damit ich so wenig wie möglich autobiografisch schreibe.“ Sie stelle sich Inge Lohmark als eine „Zwillingsschwester von Angela Merkel“ vor. „Die Genossin, die im doppelten Sinne zurückgeblieben ist.“ Sie kenne den Lehrerhabitus sehr gut von zu Hause, denn sie sei selbst ein Kind zweier Lehrer aus dem Osten der Republik. „Die haben auch keine Lust, zur nächsten Stunde zu gehen.“

Sybille Lewitscharoff sagt, auch sie habe sich bewusst von der eigenen Erlebniswelt distanziert, indem sie einen älteren Mann, eine Koryphäe und Lichtgestalt der Bildung, zur Hauptperson kürte. Und sie verrät, worüber sie alles nicht schreiben wolle: „Liebe, Kinder, Familie“, das seien nicht ihre Schwerpunkte. Bei den Anwesenden, mehrheitlich Frauen, nicken viele: Es scheint, als gäbe es noch weiteren Überdruss an Sujets, die sich diesen Themen widmen. Lob gab es für Lektoren. Sie seien einfach Gold wert, sagt Sybille Lewitscharoff.

Geistige Levitation inklusive

Insgesamt amüsierten sich alle Gäste bei der Veranstaltung köstlich, genossen das wunderbare Buffet und die abschließenden Gespräche und Diskussionen waren, auch dank der hervorragenden Vorbereitung von Moderatorin Christine Gräbe, ein großes Vergnügen. Sie sprach Judith Schalansky auf deren ersten Gedichtband an, den sie vor Jahren veröffentlicht hat und der inzwischen vergriffen ist. „Das ist so peinlich“, lacht Judith Schalansky. „Der war in Times New Roman gesetzt!“

Neben diesem Geheimnis wurde auch noch das Rätsel um die Tiere, und deren Bilder auf dem Buchdeckel, gelüftet – für beide Autorinnen, stellt sich heraus, haben sie eine große Bedeutung. „Die Tiere sind gedanklich schützender Beistand“, sagt Sybille Lewitscharoff. Judith Schalansky setzt, auf die Straußenzucht im Buch angesprochen, sogar noch einen drauf: „Du siehst diese Tiere und hörst sofort mit dem Denken auf.“ „Geistige Levitation“, lächelt Sybille Lewitscharoff.

 

 

Zur Organisationsgruppe des LiteraturBrunchs in diesem Jahr gehörten:

Brigitte Beier, Susanne Broos, Meike Dannenberg, Katharina Gerhardt, Christine Gräbe, Julia Kaufhold, Annette König, Susanne Mielau, Miriam Seifert-Waibel und Rita Wöbcke.

 

Die Autorinnen

Sibylle Lewitscharoff wurde 1954 in Stuttgart als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sie studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie, nach längeren Aufenthalten in Buenos Aires und Paris, heute lebt. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Buchhalterin in einer Werbeagentur. Sie veröffentlichte neben Büchern zahlreiche Radiofeatures, Hörspiele und Essays. Für „Pong“, dessen Umschlag sie selbst gestaltete, erhielt sie 1998 den Ingeborg-Bachmann-Preis, für die Illustrationen in „Der höfliche Harald“ 1999 eine Auszeichnung der Stiftung Buchkunst und für ihren Roman „Apostoloff“ 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse. Ihr aktueller Roman „Blumenberg“ (Suhrkamp Verlag), der zudem auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 stand, wurde mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2011 ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde Lewitscharoff der Kleistpreis verliehen und sie hielt die Frankfurter Poetikvorlesungen an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

 

Judith Schalansky wurde 1980 in Greifswald geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign in Berlin und Potsdam und unterrichtete Typographische Grundlagen an der Fachhochschule Potsdam. Ihr literarisches Debüt, der Matrosenroman „Blau steht dir nicht“, erschien 2008. Für ihren „Atlas der abgelegenen Inseln“ wurde sie mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Schalansky, die die meisten ihrer Bücher selbst gestaltet und illustriert, lebt als freie Schriftstellerin und Buchgestalterin in Berlin. Ihr aktueller Roman „Der Hals der Giraffe“ (Suhrkamp Verlag) war für den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis nominiert und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2011.

 

Text: Meike Dannenberg

Fotos: BücherFrauen

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