Ein skurriler und wunderbarer LiteraturBrunch mit Karin Nohr, Marjana Gaponenko und Vea Kaiser

Vea Kaiser las aus ihrem Debüt „Blasmusikpop“. Foto: Peter Schöffer

Seit über einem Jahrzehnt laden die Hamburger BücherFrauen alljährlich zum LiteraturBrunch, und dass diese Veranstaltung einen Besuch lohnt, hat sich auch außerhalb des Netzwerkes längst herumgesprochen.

So fanden am 17. Februar 2013 wieder weit über hundert Personen den Weg zur Tangotanzschule „La Yumba“, die in einem unscheinbaren Gebäude in einer Parallelstraße zur Reeperbahn ihren Sitz hat, die Besucherinnen und Besucher aber beim Eintritt mit einem opulenten Ambiente überrascht.

Nach einem ebenso opulenten Brunch – das Catering lag in den bewährten Händen von Henning Schaub-Kreiselmeier – begrüßte Moderatorin Meike Dannenberg, BücherFrau aus Lüneburg und Ressortleiterin des Magazins „Bücher“, alle Anwesenden, speziell aber die männlichen Gäste, denen sie verriet, dass über den Titel der Veranstaltung lange diskutiert wurde; im Gespräch waren etwa „Skurrile Männer brechen auf“ oder „Exzentriker und was sie umtreibt“. Doch diese Titel erschienen zu verfänglich für ein Netzwerk mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern.

„Allerdings geht es in jedem der Romane um einen außergewöhnlichen Mann, einen Sonderling, der aber gerade durch seine Schrullen besonders liebenswert wird“, leitete die Moderatorin die Vorstellung der Bücher ein. „Skurriles und Sonderbares – mit leichter Hand erzählt“ war dann das Motto, unter dem Karin Nohr, Marjana Gaponenko und Vea Kaiser geladen waren, aus ihren Romanen „Herr Merse bricht auf“ (Knaus), „Wer ist Martha?“ (Suhrkamp) und „Blasmusikpop“ (Kiepenheuer & Witsch) zu lesen.

Tragisch-komische Helden

Herr Merse, der seit drei Jahren von einer Flötistin geschiedene Hornist, der die Trennung noch nicht überwunden hat, fährt ins Apartment seiner älteren Schwester nach Sylt, um dort seine Psychopharmaka auszuschleichen, Brahms’ Horntrio zu üben und sich in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zu vertiefen. Doch schon auf der Hinfahrt gerät dieser linkische, seit langem an weiblichen Spott gewöhnte Held in Verwirrung, als er im Zug von einer Frau angesprochen wird, die mit ihren beiden Kindern ebenfalls auf die Nordseeinsel fährt.

In der Passage, die Karin Nohr vorlas, wird die Wiederbegegnung der beiden am Strand von Sylt geschildert, eine Szene, die Herr Merse in mit Stockenten bedruckten Boxershorts erlebt, geplagt von der Überlegung, ob die Situation es erfordert, dass er sich aus dem Strandkorb erhebt oder besser sitzen bleibt. „Es gibt etwas Mersehaftes in jedem von uns“, erklärte Karin Nohr.

Die Nöte dieses Helden, der bei aller Komik etwas zutiefst Tragisches hat, scheinen zumindest in dieser Szene gering gegenüber dem, was Herr Lewadski mit sich herumträgt. Dieser 96-jährige ehemalige Ornithologe – wie seine Schöpferin Marjana Gaponenko in der Ukraine geboren – hat sich in einem Wiener Luxushotel niedergelassen, um dort sein Lebensende zu verbringen; der Arzt hat ihm eröffnet, dass er nicht mehr lange zu leben habe.

Marjana Gaponenko brachte dem Publikum ihren Helden mit der Lesung einer Passage nahe, die im Fahrstuhl und im Frühstücksraum des Hotels spielt und die Erstbegegnung zwischen Herrn Lewadski und einem Herrn Witzturn schildert, dessen Alter wir nicht erfahren. „Jugend voran!“ – dieser Lewadski’schen Aufforderung, als Erster den Fahrstuhl zu verlassen, will Witzturn jedenfalls nicht Folge leisten, erzählt von der faltenglättenden Wirkung des Cortisons, die ihn jünger erscheinen lasse. Die Gebrechen der beiden bis hin zur krebsbedingten Plastiknase von Herrn Witzturn und der Unfähigkeit von Herrn Lewadski, diese selbst unter Zuhilfenahme einer Lupe als solche zu erkennen, schildert Marjana Gaponenko so leichthändig, dass das Publikum sich köstlich amüsierte.

Bei der Passage, die die Österreicherin Vea Kaiser aus ihrem Debütroman „Blasmusikpop“ vortrug, sind Lacher obligat. Der Dialekt der Dörfler, den Vea Kaiser aus fünf Merkmalen, die alle bayerischen Dialekte gemeinsam haben, „zusammenwurschtelte“, wie sie sagt, ist schon gedruckt hochkomisch, gelesen von einer gebürtigen Niederösterreicherin aber noch prägnanter. Ihre in dem fiktiven Bergdorf St. Anger angesiedelte Familiensaga erreicht in ihrem gewählten Abschnitt einen Höhepunkt, der allerdings flacher ausfällt als gedacht:

Johannes A. Irrwein, der Enkel von Bandwurmforscher Johannes Gerlitzen, stürzt sich vom Balkon, hat aber vergessen, dass dieser nur eineinhalb Meter über dem Erdboden angebracht ist. So landet er in einem Beet, gefangen nur in einer Ohnmacht, wird von seinem Vater, dem der vermeintlich alkoholisierte Sohn und dessen jämmerliche Hühnerbrust peinlich sind, mit einer Plastikplane bedeckt – und sieht sich schließlich den Spekulationen der nordicwalkenden „Mütterrunde“ des Dorfes ausgesetzt, die argwöhnt, unter der Plane könnten exotische Gemüse gezogen werden. An seinem Schicksal hingegen nehmen sie keinen Anteil. Für Irrwein wird dieses Erlebnis, wie uns die Autorin verriet, zur Initiation als Chronist von St. Anger in der Tradition Herodots.

Denjenigen, die nicht an der Veranstaltung teilnehmen konnten oder noch etwas nachhören möchten, sei der Mitschnitt der Lesung empfohlen:


Vorbilder der Figuren

Meike Dannenberg eröffnete das Gespräch mit den Autorinnen mit der Frage nach den autobiografischen Elementen in diesen Büchern, die wie reine Fantasieerzeugnisse daherkommen, und erhielt erstaunliche Antworten.

Marjana Gaponenko erzählte, sie habe Herrn Lewadski „gesehen“, in einem nicht ganz so luxuriösen Wiener Hotel, von Kopf bis Fuß elegant gekleidet, zahnlos und ohne ein Haar auf dem Kopf – angesprochen habe sie ihn jedoch nicht, sie hätte dann vielleicht etwas erfahren, das die Poesie des Augenblicks zerstört hätte.

Auch Karin Nohr hat ihren Helden gesehen und konnte ihn dem Publikum sogar zeigen, dargestellt auf einer Zeichnung als ungelenker Mann mittleren Alters in Boxershorts vor einem Gitter-Hintergrund. Sie erzählte, sie habe ihren fertigen Roman einem Bekannten geschickt, der sich prompt in Herrn Merse wiedererkannte, obwohl sie beim Schreiben gar nicht an ihn gedacht hatte.

Vea Kaiser machte deutlich, dass es für ihr St. Anger kein Vorbild in der Wirklichkeit gibt. Doch offenbar geht es in ihrem fiktiven Dorf genauso zu wie in zahllosen anderen Ortschaften in der deutschsprachigen Welt – bis hoch nach Niedersachsen. Sie erzählte von Leserbriefen, deren Schreiber allesamt meinten, „Blasmusikpop“ sei den Geschehnissen in ihrem Dorf nachempfunden.

Dass sie einen Mann als Romanheld gewählt hatte, war für keine der Autorinnen ein Problem: In ein paar Jahrhunderten würden die Menschen sich wundern, dass man Anfang des 21. Jahrhunderts zwischen Männern und Frauen einen Unterschied gemacht hätte, brachte Marjana Gaponenko es auf den Punkt.

Vom Glück des Schreibens

Meike Dannenberg konnte aus allen drei Autorinnen herauslocken, welches Glück sie beim Schreiben empfinden. Vea Kaiser war selbst überrascht, welche Figuren und Verwicklungen sie sich ausdenken konnte und in welche Höhen und Tiefen ihre Romanhelden sie führten. Marjana Gaponenko schilderte, wie sie sich von der Geschichte, die sie erzählt, davontragen lässt. Das, was sie zu Papier bringe, geschehe mit ihr selbst, und um Kurzweil zu haben, bringe sie ihre Figuren in fantastische Situationen. Ihr Roman könne ihr vielleicht dazu dienen, Trübsal und Langeweile im Alter zu vermeiden, meinte die 1981 geborene Autorin.

Auch Karin Nohr kennt das Gefühl, dass die von ihr erdachten Figuren ein Eigenleben entfalten und dass sich die Romanhandlung quasi hinter ihrem Rücken fortspinnt. Für die 1950 geborene Autorin, die nach dem Erststudium der Literaturwissenschaften erst Schüler, dann Lehrer unterrichtete und nach dem Zweitstudium der Psychologie als Psychoanalytikern arbeitete, hat sich mit dem Romanschreiben – „Herr Merse bricht auf“ ist ihr Debüt – ein neuer Horizont eröffnet.

Die Autorin mit einem Faible für klassische Musik, den sie auch in ihrem gerade erschienenen zweiten Roman „Vier Paare und ein Ring“ auslebt (gemeint ist „Der Ring des Nibelungen“ von Wagner), machte deutlich, wie wichtig für sie der Rhythmus des Geschriebenen ist, weshalb sie sich ihre Sätze auch laut vorliest, Marjana Gaponenko sang ein Loblied auf die Verb-Endstellung und die Schachtelsätze des Deutschen, Vea Kaiser erzählte, wie sie unter Heranziehung von Linguisten zum Kunstdialekt ihres Romans gekommen ist (der doch allen Österreichern als der heimische erscheint) – so viel zum Thema Sprache.

Und zum Thema Unterhaltung?

Mit der „typisch deutschen“ Unterscheidung zwischen anspruchsvoller „Hochliteratur“ und Unterhaltungsliteratur konnten Karin Nohr, Marjana Gaponenko und Vea Kaiser nichts anfangen, natürlich wollen sie als Autorinnen sich und uns unterhalten, was ihnen auf dem LiteraturBrunch der Hamburger BücherFrauen ganz offensichtlich gelang. Und so konnte sich Vea Kaiser mit ihrem Appell gegen die kostenlose Verbreitung von Büchern im Internet unter Verletzung des Urheberrechts der Zustimmung ihrer beiden Kolleginnen auf dem Podium und des Publikums sicher sein.

 

Zur Organisationsgruppe des LiteraturBrunchs in diesem Jahr gehörten:

Brigitte Beier, Susanne Broos, Meike Dannenberg, Katharina Gerhardt, Christine Gräbe, Judith Momo Henke, Julia Kaufhold, Annette König, Susanne Mielau, Miriam Seifert-Waibel und Rita Wöbcke.

Die Autorinnen

Marjana Gaponenko, 1981 in Odessa (Ukraine) geboren, studierte Germanistik und lebt heute nach Aufenthalten in Krakau und Dublin in Mainz. 2009 wurde sie mit dem Frau Ava Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr Romandebüt „Annuschka Blume“ kam 2010 im Residenz Verlag heraus. Im August 2012 erschien ihr zweiter Roman, „Wer ist Martha?“ Die Robert-Bosch-Stiftung verlieh ihr den mit 15 000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis 2013.

Vea Kaiser, 1988 in St. Pölten (Österreich) geboren, studiert Klassische und Deutsche Philologie in Wien. Für ihre belletristischen Arbeiten erhielt sie bereits diverse Stipendien und Preise, etwa den Theodor-Körner-Preis. Ihr Romandebüt „Blasmusikpop“ (Kiepenheuer & Witsch, 2012) hatte in Deutschland und Österreich eine ungewöhnlich große Medienresonanz.

Karin Nohr, 1950 in Hamburg geboren, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie. Nach zahlreichen Fachveröffentlichungen im Bereich Psychoanalyse, Imagination und Musik ist „Herr Merse bricht auf“ (Knaus Verlag, 2012) ihr erster Roman, dem gleich ein zweiter folgte: „Vier Paare und ein Ring“ (Knaus Verlag, 2013).

Text: Brigitte Beier
Fotos: Peter Schöffer

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