Wie lässt sich ein Leben beschreiben? – Ein Biografie-Abend mit Doris Hermanns

Viele Jahre hat Doris Hermanns an ihrer Christa-Winsloe-Biografie „Meerkatzen, Meißel und das Mädchen Manuela“ gearbeitet, hat Briefe und Tagebücher durchgearbeitet und Archivbestände durchsucht. Auch der Plan, sie nach Bielefeld einzuladen, uns von ihren Arbeitsergebnissen berichten zu lassen und von ihrem Wissen zum Thema Biografie zu profitieren, war nicht erst gestern entstanden. So fand sich denn am 11. März ein erwartungsvolles Grüppchen Bielefelder BücherFrauen in der Buchhandlung Buch-Tipp ein, um dort einen sehr informativen Abend mit anregenden Diskussionen zu verbringen.

Zunächst einmal ging es um Frauen in Biografien. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurden als „Erfüllung“ eines Frauenlebens die Begegnung mit einem Mann und die Heirat angesehen. Umgekehrt verschwinden in älteren Biografien von Männern die Frauen oft vollständig, tauchen allenfalls als Randnotiz auf. Erst die Frauenbewegung hat hier viel verändert. Und wir lernen: Auch wenn eine Biografie nur Fakten berücksichtigen soll, stellt sie immer ein Interpretation dieser Fakten da. Und wie diese Interpretation ausfällt, wird stark von vorherrschenden Meinungen in der Entstehungszeit einer Biografie beeinflusst. Aber auch für die Bewertung dessen, was eine Frau in ihrem Leben geleistet hat, müssen die die Möglichkeiten, die sie in ihrer Lebenszeit überhaupt hatte, berücksichtigt werden. Für die Biografin gilt grundsätzlich: Sie muss ergebnisoffen an ihre Arbeit herangehen, darf in keine Richtung – weder zu negativ noch zu positiv - der beschriebenen Person gegenüber voreingenommen sein.

Wie findet eine Biografin ihr Material? Im Zeitalter des Internet sind viele Archivbestände digitalisiert und Quellen leichter zugänglich. Und trotzdem lohnt es sich auch immer, Archive selbst aufzusuchen, denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort haben oft ein unschätzbares Wissen, das sie gerne weitergeben. Aber was ist, wenn es einfach Leerstellen in der Lebensbeschreibung gibt, wenn zu bestimmten Lebensphasen keine Dokumente, keine Berichte von Zeitzeugen vorliegen? Auf keinen Fall darf eine Biografin solche Stellen durch Fiktion füllen. Es gibt die Gattung „biografischer Roman“, die dieses Vorgehen erlaubt, eine Biografie jedoch muss sich an die Fakten halten. Könnte aber u.U. nicht gerade eine literarische Bearbeitung einem Leben viel näher kommen als nüchterne Fakten? In welcher Form würden wir unser Leben angemessen und zutreffend beschrieben sehen? Darüber entspann sich eine angeregt Diskussion.

Welcher zeitliche Abstand ist günstig für eine Biografie? Bei erst kürzlich verstorbenen (oder gar noch lebenden) Personen gibt es vielleicht mehr Material und auch noch lebende Zeitzeugen. Auf der anderen Seite drohen vielleicht Auseinandersetzungen mit Angehörigen, die bestimmte Interpretationen von Fakten nicht hinnehmen wollen. Oder aber: Die Biografin fühlt sich nicht frei genug in ihrer Arbeit, eben weil sie Widerstände aus dem Umfeld befürchtet und deshalb gleich mit einer „Schere im Kopf“ an ihr Thema herangeht. Und wie geht man überhaupt mit Wünschen um, die Menschen hinsichtlich ihrer persönlichen Dokumente äußern? Virginia Woolf z.B. hatte verfügt, dass ihre Briefe und Tagebücher nach ihrem Tod zu vernichten seien. Was ist wichtiger? Ihr Wunsch? Oder die Erleichterung von Biografinnen, dass Leonard Woolf Virginias Verfügung nicht umgesetzt hat?

Wie wird man künftig Material für Biografien sammeln? Diese spannende Frage tauchte gegen Ende auf: Bis vor wenigen Jahren wurden noch Briefe geschrieben oder Tagebücher, die sich in Nachlässen und Archiven finden lassen. Werden künftige Biografinnen überhaupt noch solche Quellen vorfinden? Wer archiviert seine E-Mails? Wird es vielleicht – trotz der Tatsache, dass immer mehr Privates öffentlich zugänglich wird – in Zukunft viel schwieriger sein, Spuren eines Lebenslaufes aufzufinden und in einer Biografie zusammenzufassen?

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