Unser erstes Ziel war der Fernsehturm, das Wahrzeichen Stuttgarts. Erbaut in 20 Monaten von 1954 bis 1955 von dem Stuttgarter Brückenbauer und Statiker Fritz Leonhardt. Es war der erste und – nach Ansicht der Verfasserin – bis heute der schönste Fernsehturm der Welt. Auf Sicherheit wurde allergrößten Wert gelegt.
Seit 1953 gab es wieder Fernsehen in Deutschland, doch die Empfangsqualität im Stuttgarter Kessel war sehr mangelhaft. Ein Sendemast musste erbaut werden, wollte man doch die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft am 4.Juli 1954 verfolgen können. Dieses Ziel wurde leider nicht erreicht, aber seit Inbetriebnahme hat dann alles geklappt, selbst die Umrüstung entsprechend der Brandschutzvorschriften.
Von der Geroksruhe zur Villa Reitzenstein
Mit der U 15 fuhren wir dann zwei Stationen zurück bis zur Geroksruhe, wo wir unsere erste schöne Aussicht genießen konnten. Auf Anregung von Herzogin Wera, der von König Karl und Königin Olga adoptierten Nichte, errichtete der Verschönerungsverein 1890 hier eine kleine Parkanlage, die man 1929 wegen des Straßenbahnbaus auf die andere Seite verlegen musste, nun mit Blick auf Gablenberg und das Neckartal. Karl Gerok (1815-1890), Hofprediger und Dichter, hatte an diesem Aussichtspunkt gerne geweilt. Auch ihm zu Ehren wurde die Anlage gebaut.
Herzogin Wera (1854-1912) lag Mädchenbildung und das Schicksal mittelloser, lediger Mütter sehr am Herzen. Am Oberen Hoppenlauweg ließ sie das Weraheim für heimatlose Mädchen und ledige Mütter errichten sowie die Werapflege in Botnang zur Betreuung vernachlässigter Kinder von arbeitenden Frauen und das Werahaus in Stuttgart-Berg zur Kleinkinderpflege mit Gasthaus und Gesellenheim.
Weiter ging es entlang der Gänsheidestraße bis zur Rückseite der Villa Reitzenstein, heute Sitz der Landesregierung und Amtssitz des Ministerpräsidenten und des Staatsministeriums.
Erbaut wurde die Villa 1913 von der Baronin Helene von Reitzenstein, schwerreiche Erbin des Hallberger-Verlags, aus dem 1880 die Deutsche Verlagsanstalt hervorging. Die Villa erinnert in Stil und Ausmaß an die Villa Gemmingen auf der Karlshöhe bzw. ans Schloss Monrepos. Durch die Inflation wurde der Baronin der Unterhalt der Villa zu teuer und sie verkaufte sie 1924 an das Land Württemberg. Seit 1925 ist die Villa Reitzenstein Amtssitz, erst für die Landesregierung auch während des Dritten Reichs. Nach dem Krieg Verwaltungssitz der Alliierten und anschließend wieder Regierungssitz der Baden-Württembergischen Landesregierung. Angelika erzählte, dass sie mit ihrem Mann einmal an einer Führung durch das Innere der Villa teilgenommen hatte und dass das schönste Zimmer die mehrstöckige Bibliothek sei.
Vom Bubenbad zur Uhlandshöhe
An der Haltestelle Bubenbad, benannt nach einem Lokal, das ehemals Künstler- und Intellektuellentreff war, liegt der kleine Albrecht Goes Platz, der wieder eine schöne Aussicht ins Tal bietet. Albrecht Goes (1908–2000) war Pfarrer, Dichter und erklärter Gegner der Nazis. Sein bekanntester Roman „Das Brandopfer“, schildert die Reaktion einer Metzgersfrau auf die Judendiskriminierungen durch die Nazis. Ein Steinblock, beschriftet mit seinen Lebensdaten und seinem Gedicht „Sieben Leben“ würdigt ihn.
In der Gänsheidestraße Nr. 46 kamen wir anschließend am Verlagsgebäude der Georg-von-Holtzbrinck GmbH & Co KG vorbei, heute das viertgrößte Medienunternehmen Deutschlands, 1971 mit Sitz in Stuttgart gegründet.
Weiter ging’s entlang der Gerokstraße vorbei an der Frauenklinik Charlottenhaus, 1904 als „Stuttgarter Wöchnerinnen-Asyl“ von der letzten württembergischen Königin Charlotte gegründet. Seit 2006 gehörte die Klinik zum Robert-Bosch-Krankenhaus, Geburtshilfe bis 2018, danach bis März 2023 Belegklinik für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Mittlerweile ist die Klinik geschlossen.
Eine große Überraschung war für uns das Kanonenhäusle, ein kleiner Backsteinbau, der heute zwischen Bäumen kaum zu sehen ist. Ursprünglich diente der Bau als Feuerwache und stand vollkommen frei auf der Höhe. Wurde ein Feuer entdeckt, wurde mit „Lärmkanonen“ (daher der Name) Alarm geschlagen. Heute bietet das Häuschen einen 50m² großen Wohnraum.
Am Eingang der Parkanlage Uhlandshöhe passierten wir die ehemalige Villa Hauff, die 1904 für den Fabrikanten Friedrich Wilhelm Hauff erbaut wurde. Heute wird sie von der Stuttgarter Jugendhausgesellschaft als Werkstatthaus mit vielen kreativen Angeboten genutzt.
Die Uhlandshöhe war bis zum späten Mittelalter ein Steinbruch und wurde Ende des 19. Jahrhunderts vom Stuttgarter Verschönerungsverein in eine Parkanlage umgestaltet.
Unser Weg führte uns an der Sternwarte Stuttgart vorbei, die am „Tag des offenen Denkmals“ geöffnet war. Wir haben sie allerdings nicht von innen besichtigt. Seit 1922 gibt es auch öffentliche Führungen, wo man durch ihre Teleskope den Sternenhimmel bewundern kann.
Von dort hatten wir wieder einen schönen Blick auf die Stadtteile Gaisburg, Berg, Gablenberg, Ostheim, Frauenkopf, Stöckach und Gänsheide
In der Haussmannstraße kamen wir an der Waldorfschule vorbei, der ersten von Rudolf Steiner für den Fabrikanten Emil Molt (1876-1936) eingerichteten Schule. Emil Molt, der Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, hatte Rudolf Steiner damit beauftragt, eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter und Angestellten zu gründen. Heute gibt es „Steiner-Schulen“ in aller Welt. Ein paar Grundsätze dieses Schultypus sind gemeinsamer Unterricht für Jungen und Mädchen (damals nicht die Regel) / zwei Fremdsprachen ab dem ersten Schuljahr / Epochenunterricht (=Blockunterricht) / Verzicht auf Noten und damit auch auf Sitzenbleiben. Die Schüler und Schülerinnen erhielten außerdem neben der allgemeinen Bildung auch eine berufliche Ausbildung
Die anschließende Jugendherberge Stuttgart ist auf dem neuesten Stand und sehr komfortabel. Von hier aus hat man einen guten Blick auf das Gelände von Stuttgart 21 im ehemaligen Mittleren Schlossgarten. Es ist riesig!
Vom Eugensplatz zur Academie der Schönen Künste
Nach einer Umfrage des ehemaligen Stadtjournals Prinz ist der Eugensplatz einer der schönsten Plätze zumindest in Baden-Württemberg. Man hat von hier oben einen wunderbaren Blick auf die Stuttgarter Innenstadt.
Zur Erinnerung an Loriot, der einige Zeit hier gewohnt hat, wird der Platz von einer Säule mit Mopsfigur geziert, frei nach seinem Ausspruch „ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“. Kurz nach der Errichtung und Einweihung des Denkmals wurde der Mops gestohlen. Die neue Figur steht aber eisern an ihrem Platz.
Gekrönt wird der Platz vom Galathea-Brunnen. Eingeweiht 1890, erregte die nackte Gestalt den Ärger der Stuttgarter:innen. Königin Olga, Stifterin der Figur sowie der ganzen Anlage, drohte den Stuttgartern, wenn sie ihren Protest nicht aufgäben, würde sie die Figur umdrehen lassen, um der Stadt ihr nacktes Hinterteil zu zeigen. Das wollte man dann doch nicht und der Widerstand wurde aufgegeben.
Auf der Eugensstaffel auf dem Weg nach unten kamen wir noch am Atelierhaus des Bundes Bildender Künstlerinnen Württembergs vorbei, dem Nachfolgeverein des 1893 gegründeten Württembergischen Malerinnenvereins. Das Haus bietet Künstlerinnen Ateliers, Ausstellungsräume und sogar Wohnmöglichkeiten. Im Verein sind ca. 100 zeitgenössische Künstlerinnen zusammengeschlossen. Letztes Jahr gab es in Bietigheim die Ausstellung Schwäbischer Impressionistinnen. Viele der dort ausgestellten Künstlerinnen gehörten dem Verein an und wurden durch ihn gefördert.
Den Abschluss dieses schönen Spaziergangs bildete ein gemütliches Zusammensein im Café Academie der Schönen Künste an der Charlottenstraße.
Liebe Angelika, hab herzlichen Dank für diesen schönen Ausflug.
Text: Barbara Scholz
