Hamburg: Rückschau auf den 22. BücherFrauen-LiteraturBrunch
Der Zulauf war enorm: Wochen vorher hatten wir alle Tickets verkauft, es gab eine lange Warteliste – kein Wunder bei der Zugkraft der Autorinnen. Am 15. Februar 2026 veranstalteten die Hamburger BücherFrauen den 22. LiteraturBrunch, wie in den Vorjahren im Kesselhaus und in der Kulturküche Alsterdorf, diesmal unter dem Motto „Macht und Ohnmacht“.
Acht Hamburger BücherFrauen hatten die Veranstaltung vorbereitet. Sie sichteten die Neuerscheinungen deutschsprachiger Autorinnen, tauschten sich über ihre Leseeindrücke aus und trafen schließlich ihre Auswahl: Jina Khayyer, Jehona Kicaj und Katja Kullmann sagten sofort zu. Als Moderatorin konnten wir wieder BücherFrau Katharina Gerhardt gewinnen.
Zu Beginn luden Mike Bellmann und sein Team zum vielfältigen vegetarischen Brunch. Unterdessen stellte Maren Giering-Desler aus der Orga-Gruppe die BücherFrauen vor, erläuterte die Ziele unseres Netzwerks und berichtete von unseren Aktivitäten.
Den Lesungsblock eröffnete Jehona Kicaj. Sie ist 1991 im Kosovo geboren und als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen. Als Mitgründerin eines Kleinverlags, Mitherausgeberin einer Literaturzeitschrift und Lektorin in einem Wissenschaftsverlag ist sie dem Buch vielfach verbunden. Ihr Debütroman ë (2025, Wallstein) ist nach einem fürs Albanische typischen Vokal benannt. Das Werk stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025 und wurde u. a. mit dem Literaturpreis HANNA der Stadt Hannover ausgezeichnet. Jehona Kicaj las die Eingangsszene des Romans, in der die Ich-Erzählerin von ihrem Zahnarzt detailreich über die Deformationen an ihren Zähnen und ihrem Kiefer aufgeklärt wird. Hier klingt bereits das Thema des Romans an: Schwierigkeiten beim Sprechen bis zur Sprachlosigkeit, ausgelöst durch Gewalt und Vertreibung während des Kosovokriegs.
Es folgte Katja Kullmann, Jahrgang 1970, aus Berlin. Die erfolgreiche Journalistin und Sachbuchautorin (u. a. Die Singuläre Frau, 2022) legte 2025 bei Hanser Berlin ihren ersten Roman vor: Stars, mit einem originellen, humorvoll behandelten Thema. Die Protagonistin Carla Mittmann ist nach gescheiterten akademischen Ambitionen in einem öden Bürojob gelandet und kümmert sich in ihrer Freizeit als Internet-Hobbyastrologin um die Träume und Hoffnungen anderer Menschen – bis sie nach einer geheimnisvollen Dollarspende ganz groß ins Astrobusiness einsteigen kann. In den beiden vorgestellten Passagen denkt Mittmann über ihr Leben und den Einfluss der Sterne nach, anfangs rational und skeptisch, später mit geringerer kritischer Distanz.
Den Abschluss machte Jina Khayyer, die 1975 als Tochter iranischer Eltern in Deutschland geboren wurde, seit 2006 in Frankreich lebt und dort als Dichterin, Malerin und Journalistin arbeitet. Sie las aus ihrem Debütroman Im Herzen der Katze (2025, Suhrkamp). Er stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025 und erhielt den Hamburger Mara-Cassens-Preis. Im Herzen der Katze spielt auf drei Zeitebenen: 2022 erfährt die in Europa lebende Ich-Erzählerin Jina hautnah aus Telefonaten mit ihrer Schwester und Nichte in Teheran, durch deren Fotos und Videos von den blutig niedergeschlagenen Protesten der „Frauen, Leben, Freiheit“-Bewegung. Sie erinnert sich an ihre erste Reise in das Land ihrer Vorfahren im Jahr 2000, an die herzliche Aufnahme und ihre Begegnung mit der Kultur, Geschichte und Landschaft des Iran. Die dritte Zeitebene ist das Jahr 2009, als die Ich-Erzählerin selbst an den Protesten gegen das Mullah-Regime teilhat – daraus wählte Jina Khayyer eine eindringliche Passage. In der anderen vorgetragenen Textstelle schildert sie die von überschäumender orientalischer Höflichkeit geprägte Begegnung Jinas im Jahr 2000 mit einer Blumenverkäuferin in Teheran.
Nach einer kurzen Kaffee-, Sekt- und Dessertpause begann das Gespräch mit den drei Autorinnen, das Katharina Gerhardt einfühlsam, umsichtig und souverän moderierte. Befragt nach der Wandlung, die Carla Mittmann im Roman durchlebt, berichtete Katja Kullmann von ihren soziologischen Recherchen und verortete ihre Ich-Erzählerin als eine Frau, die trotz einfacher Herkunft studieren kann, im akademischen Milieu aber nicht wirklich ankommt – was Carla Mittmann schließlich mit ihrem beruflichen Erfolg kompensiert. Jehona Kicaj antwortete auf die Frage, ob das Schreiben des Romans für sie eine Form der Ermächtigung sei, sie habe das Buch nicht als Heilungsgeschichte geschrieben, sondern den deutschsprachigen Romanen von Autor*innen mit Wurzeln auf dem Balkan die noch fehlende literarische Stimme aus dem Kosovo hinzufügen wollen. Sie beklagte, wie sehr die Kriege nach dem Zerfall Jugoslawiens, insbesondere der Kosovokrieg, in Vergessenheit geraten sind. Jina Khayyer sprach über die besondere Situation ihrer Hauptfigur, einerseits als in Deutschland Geborene den Blick einer Fremden auf das Land ihrer Eltern zu haben, sich andererseits – nicht zuletzt weil sie Persisch spricht – dort fast wie zu Hause zu fühlen. Statt sie von außen zu beurteilen, wolle sie mit ihrem Roman die im Iran lebenden Menschen verstehen und mit ihnen fühlen.
Das Publikum bedankte sich bei den ebenso klugen wie auskunftsfreudigen Autorinnen mit langanhaltendem Beifall, mit vielen Buchkäufen und gern erfüllten Signierwünschen. Der große Dank des Orga-Teams – Brigitte Beier, Mireille Davids, Birgitt Frey, Maren Giering-Desler, Kirsten Gleinig, Sibylle Hoffmann, Kristina Poncin und Heike Schwarze – geht an die Autorinnen und die Moderatorin, außerdem an den Buchladen in der Osterstraße für den Büchertisch und an Hans-Jörg Kapp für die reibungslose Technik. Wir danken der Stiftung Alsterdorf für ihre Gastfreundschaft, dem Bezirksamt Hamburg-Nord und der Hamburger Kulturbehörde für die großzügige Förderung und natürlich allen Besucher*innen. Auf ein Wiedersehen beim 23. LiteraturBrunch 2027!
© der Bilder 1 und 6: Heike Schwarze
© der Bilder 2-5: Kirsten Gleinig
