Zwischen Tradition und Widerstand - (engl. Ausgabe „Heart Lamp“)
Banu Mushtaqs „Meistens bleibt ja die Frau zu Hause“
Zwölf Geschichten, zwölf Blicke auf das Leben muslimischer Frauen in Südindien – zwischen patriarchalen Strukturen, religiösen Erwartungen, familiärer Kontrolle und dem Wunsch nach Selbstbestimmung.
Banu Mushtaq erzählt in „Meistens bleibt ja die Frau zu Hause“ vom Alltag von Frauen und Mädchen in muslimischen Gemeinschaften Südindiens. Die Geschichten sind oft humorvoll, zugleich aber von sozialen Spannungen und Unterdrückung geprägt. Mushtaq, die selbst als Journalistin, Rechtsanwältin und Aktivistin für Frauenrechte gearbeitet hat, kennt die gesellschaftlichen Strukturen, über die sie schreibt.
Frauen zwischen Anpassung und Widerstand
Im Zentrum stehen Ehe, Mutterschaft, Bildung, Erbrecht und die Frage, wer innerhalb einer Familie Macht besitzt. Frauen werden auf ihre Rolle als Ehefrauen und Mütter reduziert, müssen gesellschaftliche Erwartungen erfüllen und tragen häufig die Folgen männlicher Entscheidungen. Besonders eindrücklich sind die Geschichten über Frauen, die wegen der Geburt von Töchtern verlassen werden oder um ihren rechtmäßigen Anteil am Familienbesitz kämpfen müssen.
Doch Mushtaq zeichnet keine eindimensionalen Opferfiguren. Ihre Frauen entwickeln eigene Strategien, widersprechen, handeln und versuchen, sich Freiräume zu schaffen. Gleichzeitig zeigt die Autorin, wie patriarchale Regeln auch von Frauen weitergegeben werden.
Dabei verbindet Heart Lamp ernste Themen mit schwarzem Humor und alltäglichen, manchmal absurden Situationen. Gerade diese Mischung macht die Geschichten lebendig.
Katrin Binder bewahrt in ihrer Übersetzung die sprachliche und kulturelle Vielfalt der ursprünglich auf Kannada verfassten Geschichten. Begriffe aus Kannada, Urdu, Arabisch und Dakhni bleiben erhalten und machen die Fremdheit der erzählten Welt spürbar.
Für wen ist das Buch geeignet?
Für alle, die feministische und internationale Literatur entdecken möchten, sich für gesellschaftliche Machtverhältnisse interessieren oder Kurzgeschichten mit starken Figuren schätzen. Wer einen klassischen Roman mit durchgehender Handlung sucht, braucht dagegen etwas Geduld.
Dass „Meistens bleibt ja die Frau zu Hause“ 2025 den International Booker Prize deutschlandfunk.de (Link zum Bericht) gewann, ist besonders bemerkenswert: Es war die erste Kurzgeschichtensammlung, die mit diesem Preis ausgezeichnet wurde. Mushtaq und ihre Übersetzerin Bhasthi aus dem Kannada ins Englische teilen sich das Preisgeld von 50.000 Pfund.
Eine eindringliche, eigenwillige und zugleich humorvolle Sammlung – und eine literarische Entdeckung, die den Blick auf Frauenleben in Südindien nachhaltig verändert.
Banu Mushtaq:
Meistens bleibt ja die Frau zu Hause
buchhandel.de
Aus dem Kanadischen übersetzt von Katrin Binder
Kjona Verlag, 2026,
256 S.,
Geb.,
23 €
ISBN: 9783910372818
Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés
Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025
Transparenzhinweis: Die Empfehlung erfolgt aus Eigeninteresse und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.
