Ein autofiktionaler Roman über das persönliche Schicksal in einer Familie und seiner historischen Verknüpfung
Bettina Flitner: „Meine Mutter“
Bettina Flitner www.bettinaflitner.de ist vielen als renommierte Fotografin ein Begriff, die wegweisende Installationen und Ausstellungen konzipierte. Eine ganze Reihe von Bild-Textbänden sind von ihr erschienen, bekannt wurde sie zum Beispiel mit dem Porträtband „Frauen mit Visionen“ (2006, Knesebeck Verlag, vergriffen), in dem sie zahlreiche Frauen aus ganz Europa porträtiert, die prägend für ihr Land und darüber hinaus sind und waren.
2022 trat sie mit ihrem autobiographischen Buch „Meine Schwester“ www.bettinaflitner.de/buecher-meine-schwester , in dem sie den Suizid ihre Schwester verarbeitet, erstmals auch als literarische Stimme auf die Bühne. 2025 erschien mit „Meine Mutter“ ein weiterer autofiktionaler Roman, in dem sie mit dem Tod ihrer Mutter auseinandersetzt, die sich mit 47 Jahren ebenfalls das Leben nahm.
Ein Brief gibt den Impuls
Für eine Lesung aus ihrem Buch „Meine Schwester“ kehrt Bettina Flitner nach Celle zurück. Dort befindet sich das Familiengrab der Familie, in dem ihre Großeltern, Onkel und Tanten liegen. Und eben auch ihre Mutter, die sich 40 Jahre zuvor umgebracht hat. Als sie das Haus der Großeltern noch einmal aufsucht, passiert etwas, was vielleicht kein Zufall ist. Genau an dem Tag kommt ein Brief an, adressiert an ihre Mutter Gisela, eine Mitteilung der Deutschen Bank. „Er war in dem einzigen Moment angekommen, in dem er mich erreichen konnte. Nur an diesem Tag, in diesem Augenblick konnte er am Ziel ankommen. Aber ich bin ja gar nicht das Ziel. Oder doch?“ (S.33/34) schreibt sie. Der Brief jedenfalls stößt eine Tür in die Vergangenheit auf und gibt ihr den Impuls, sich endlich mit den Fragen zu beschäftigen, die sie 40 Jahre verdrängt hatte. Warum war ihre Mutter so unglücklich, welche Rolle spielte dabei die Familienkatastrophe, von der alle wussten und über die doch kaum gesprochen wurde?
Reise zu den familiären Wurzeln
Bettina Flitner reist nach Polen, in den Luftkurort Wölfelsgrund, heute Międzygórze. Dort geht sie den Spuren der Familiengeschichte nach: Ihre Vorfahren hatten dort ein Sanatorium geleitet, zuletzt ihr Großvater, der die Leitung von seinem Schwiegervater übernommen hatte, nachdem dieser zunächst seine unheilbar kranke Frau und dann sich selbst getötet hatte. 1946 wird die Familie vertrieben und findet eine neue Heimat in Celle. Für Gila ist klar, dass sie es anders machen will als ihre Mutter, die unter den Verhältnissen ihres Mannes litt. Aber auch sie wird nicht glücklich in ihrer Ehe, ihr Mann hat Verhältnisse, sie selbst irgendwann auch, aber in keiner Beziehung findet sie den Halt, den sie so dringend benötigen würde. Der Suizid scheint der einzige Ausweg zu sein.
Eine berührende Recherche
Was für Auswirkungen hatten die Zeit des Nationalsozialismus und die damals sehr patriarchale Erziehung auf ein Mädchen, das sich als Erwachsene vor allem über Männer definiert? Welche Rolle spielen die Depressionen, die es in der Familie in allen Generationen gab? Diesen Fragen geht Bettina Flitner nach. Das Besondere beim Lesen war für mich wie die Autorin von ihrer Familie erzählt. Sie verschränkt mühelos verschiedene Zeitebenen: Ihre Eindrücke von der Heimat ihrer Familie in Niederschlesien, Begegnungen, die sie dort erlebt wechseln sich ab mit persönlichen Erinnerungen an die Mutter. Beim Lesen mag man sich manchmal fragen, warum das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter immer distanzierter wurde, aber wahrscheinlich war, vor als allem Jugendliche, Distanz ihre einzige Möglichkeit, mit den Depressionen der Mutter zurecht zu kommen, ohne selbst Schaden zu nehmen. Briefe, Aufzeichnungen, Tagebücher ihrer Urgroßmutter und ihres Großvaters sowie ein paar wenige gerettete Fotografien bilden die Grundlage für die Passagen, in denen sie sich in die Gefühlswelt ihrer Mutter einfühlt und vom Leben der Familie erzählt: Von der Rolle des Vaters, von den Patient:innen und den Menschen, die in Wölfelsgrund leben. Sie sorgen für eine besondere Authentizität des Textes. Dabei schimmert bei aller Tragik auch immer wieder Humor durch. Besonders gut hat mir das Ende gefallen, das sie gefunden hat.
Mein Fazit
Schon lange hat mich kein Buch mehr so bewegt und persönlich gepackt wie dieses, ich musste es nach der ersten Lektüre erst einmal sacken lassen und dann noch einmal lesen. Das lag sicher auch daran, dass es einen persönlichen Bezug zu Handlung und Ort gab. Vor allem lag es jedoch daran, dass Bettina Flitner diese Familiengeschichte literarisch sehr überzeugend gestaltet hat. Für alle, die ein Interesse daran haben, wie sich persönliche Schicksale und Historie miteinander verbinden, ist dies eine wunderbare Lektüre!
Bettina Flitner: Meine Mutter.
Kiepenheuer & Witsch, 2025.
320 S.,
Geb. ISB-N: 978-3-462-00849-4
€ 24.-
E-Book: ISBN 978-3-462-31347-5
€ 19,99
Link zu buchhandel.de: https://buchhandel.de/buch/Meine-Mutter-9783462313475
Eine Empfehlung von Susanne Martin
Susanne Martin war 42 Jahre Buchhändlerin, davon 23 Jahre selbständig. 2018 hat sie ihre Buchhandlung geschlossen. Von 2019 bis 2024 arbeitete sie im Stuttgarter Schriftstellerhaus (Minijob) im Bereich social media und Website. Seit 2025 ist sie endgültig im Ruhestand. Bei den BücherFrauen engagiert sie sich in verschiedenen AG’s, 2018 wurde sie zur BücherFrau des Jahres gewählt.
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