Caroline Arni: „Wir, nicht wir"

Die vergessene Geschichte der Saint-Simonistinnen als Vorläuferinnen der weiblichen Selbstbestimmung

 

Die Frauen, die vor 200 Jahren die Welt neu denken wollten


In „Wir, nicht wir“ erzählt Caroline Arni von den Saint-Simonistinnen, die Gleichberechtigung forderten – und eine völlig neue Gesellschaft entwerfen wollten. 

Es gibt historische Bewegungen, deren Radikalität erst sichtbar wird, wenn man sie aus dem Schatten späterer Erzählungen hervorholt. Dazu gehört der Frühsozialismus des 19. Jahrhunderts – und besonders jene Frauen, die in seinem Umfeld eine eigenständige feministische Theorie entwickelten. Caroline Arniss Buch „Wir nicht wir“ legt eine vergessene Geschichte frei: die der Saint-Simonistinnen. Diese Frauen fanden in den 1830er-Jahren in Paris eine Sprache für weibliche Selbstbestimmung, bevor der moderne Feminismus überhaupt einen Namen hatte.

Im Zentrum steht ein Satz, der wie ein politischer Urknall wirkt: „Ich bin.“ Mit diesem Bekenntnis traten Frauen hervor, die zuvor vor allem als Töchter, Ehefrauen und Mütter definiert worden waren. In der von ihnen gegründeten Zeitschrift „La Femme libre“, die 1832 als erste feministische Zeitschrift Frankreichs erschien, machten sie ihre eigene Stimme öffentlich. Sie unterschrieben nicht mehr stellvertretend durch Väter, Ehemänner oder politische Führer. Sie erklärten sich selbst zum Subjekt der Geschichte.

Bemerkenswert ist, dass diese Bewegung nicht allein aus einer bürgerlichen Bildungselite entstand. Näherinnen, Hutmacherinnen und Arbeiterinnen beteiligten sich an einem politischen Aufbruch, der soziale und geschlechtliche Unterdrückung nicht voneinander trennte. Frauen wie Marie Reine Guindorf und Claire Démar sind heute weitgehend vergessen, obwohl ihre Forderungen in mancher Hinsicht radikaler waren als jene späterer feministischer Bewegungen.

Die Saint-Simonistinnen beschrieben die Unterordnung der Frauen nicht lediglich als private Benachteiligung, sondern als gesellschaftliches Ausbeutungsverhältnis. Sie betrachteten die Ehe als Institution wirtschaftlicher und sexueller Abhängigkeit und lehnten die Mutterschaft als natürliche Bestimmung ab. Stattdessen sahen sie darin eine gesellschaftliche Leistung, durch die Frauen enteignet und unsichtbar gemacht wurden. Ihre zentrale Idee lautete: Wer die Frauen befreit, befreit die gesamte Menschheit.

Gerade darin lag die politische Sprengkraft ihres Denkens. Sie entwickelten eine Form des Feminismus, die nicht nur Zugang zu Bildung, Arbeit oder politischen Rechten forderte, sondern die Grundlagen der Gesellschaft infrage stellte. Für sie war die weibliche Erfahrung – insbesondere die Erfahrung von Müttern und die Sorgearbeit – kein privater Bereich, sondern ein Ausgangspunkt politischer Erkenntnis.

Arni zeigt jedoch auch die Widersprüche dieser frühen Bewegung auf. Die Saint-Simonistinnen verbanden ihre Vorstellungen von Gleichheit mit Begriffen wie Natur, Mutterschaft und teilweise auch Religion. Was späteren Feministinnen problematisch erschien, war für diese Frauen die Quelle ihrer Radikalität: Sie wollten nicht in eine von Männern geprägte Welt aufgenommen werden. Sie wollten eine andere Welt schaffen, in der weibliche Erfahrungen gesellschaftliche Bedeutung erlangen.

Diese Vision geriet jedoch zunehmend an den Rand der Geschichte. Die entstehende Arbeiterbewegung übernahm viele soziale Forderungen, verschob die Frauenfrage jedoch häufig auf einen späteren Zeitpunkt. Die Befreiung der Arbeiterklasse wurde zur Hauptaufgabe erklärt, während die Befreiung der Frauen als nachgeordnet galt. Ein Muster, das sich in vielen linken Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts wiederholen sollte.

Gerade deshalb ist Arnis Buch mehr als nur eine historische Rekonstruktion. Es ist eine Intervention in die Frage, wie Feminismus erzählt wird. Die Geschichte der Frauenbewegung beginnt nicht erst mit dem Wahlrecht, nicht erst mit der bürgerlichen Frauenbewegung und auch nicht erst mit den feministischen Theorien des 20. Jahrhunderts. Sie beginnt auch mit Arbeiterinnen, die ihre eigene Stimme fanden und den Anspruch erhoben, nicht Objekte gesellschaftlicher Reformen zu sein, sondern deren Gestalterinnen.

Die Stärke von „Wir nicht wir“ liegt darin, diese Frauen weder zu Heldinnen zu verklären noch ihre Widersprüche zu glätten. Arni nimmt ihre Ideen ernst: die Verbindung von Gleichheit und Fürsorge, von weiblicher Erfahrung und gesellschaftlicher Revolution sowie von individueller Freiheit und kollektiver Veränderung.

Die Saint-Simonistinnen erinnern daran, dass der Feminismus immer mehr war als der Kampf um gleiche Chance innerhalb bestehender Verhältnisse. In seiner radikalsten Form war er ein Projekt gesellschaftlicher Neuordnung. Frauen wie Guindorf und Démar fragten nicht nur: „Warum dürfen wir nicht dasselbe wie Männer?“ Sie stellten eine grundlegendere Frage: „Warum soll die Welt überhaupt so organisiert sein?” 

Ihre Namen sind aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Ihre Frage ist jedoch geblieben.


Caroline Arni
Wir, nicht wir 
(Link zum Buch)
Frühsozialistischer Feminismus
160 Seiten, Broschiert. 6 s/w-Abbildungen
ISBN 978-3-8031-5201-5
20,–€
 

Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés

Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025

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