Doris Hermanns: Sand im patriarchalen Getriebe

Vom Tomatenwurf zur Textproduktion: Wie eine Protestgeste die feministische Buchkultur in Bewegung setzte

Der legendäre Tomatenwurf markierte den Moment, in dem viele Frauen erkannten, dass ihre Erfahrungen, Themen und Perspektiven auch in progressiven Bewegungen nicht wahrgenommen wurden: Ihre Erfahrungen, Themen und Perspektiven wurden selbst in fortschrittlichen politischen Bewegungen ignoriert. Daraus entstand der Impuls, eigene Räume zu schaffen – nicht nur politisch, sondern auch kulturell und medial. In den folgenden Jahren entstanden Frauenzentren, autonome Gruppen – und feministische Verlage. Diese waren nicht nur ein Instrument der Selbstermächtigung, sondern auch der Sichtbarmachung: Autorinnen, deren Stimmen im männlich dominierten Literaturbetrieb überhört wurden, fanden nun in Frauenverlagen, -buchhandlungen und -zeitschriften die Plattform, die ihnen zuvor verwehrt worden war.

Helke Sanders’ Satz „Wir wollten nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollten einen ganz anderen Kuchen“ wurde zum programmatischen Leitsatz. Es ging nicht um die Integration von Frauen in bestehende literarische und verlegerische Strukturen, sondern um den Aufbau einer völlig neuen, feministischen Kulturproduktion – mit eigenen Kriterien, Themen, Formen und Vertriebswegen.
Die Folgen dieser Bewegung waren weitreichend. In den siebziger Jahren entstanden allein in Deutschland über fünfzig Frauenverlage - darunter wegweisende Initiativen wie die Frauenoffensive, Orlanda oder später der AvivA-Verlag. Parallel dazu entwickelte sich eine alternative Literaturkritik, etwa durch die Virginia Frauenbuchkritik, und eigene Literaturpreise, die gezielt Autorinnen sichtbar machten. Frauenbuchläden wurden zu sozialen und kulturellen Treffpunkten, in denen nicht nur Bücher verkauft wurden, sondern auch Lesungen, Diskussionen und feministische Vernetzung stattfanden. Besonders gefördert wurde autobiographisches und essayistisches Schreiben, das im männlich dominierten Literaturbetrieb oft als „unliterarisch“ abgetan wurde. Gleichzeitig machten feministische Verlage internationale Autorinnen bekannt und ermöglichten deren Rezeption im deutschsprachigen Raum. Nicht zuletzt entfachte die Bewegung eine bis heute andauernde Debatte über die Zusammensetzung des literarischen Kanons und die mangelnde Sichtbarkeit von Autorinnen an Universitäten, in Feuilletons und auf Literaturmessen. 

Diese Entwicklung war nie rein kulturell, sondern von Anfang an zutiefst politisch. Bücher wurden zu Instrumenten der Bewusstseinsbildung, feministisches Publizieren zu einer Form des Widerstands. In allen Bereichen der Buchproduktion – vom Schreiben über das Lektorat bis hin zur Veröffentlichung und Verbreitung – spiegelte sich das Streben nach Unabhängigkeit und einer eigenen Sprache wider. Doris Hermanns hat diesen Prozess mit großer Sorgfalt und Liebe zum Detail dokumentiert.

Der Tomatenwurf war keine Randnotiz der Geschichte, sondern der Auslöser für eine neue feministische Öffentlichkeit – in der Literatur, im Verlagswesen, in der Kultur. Ohne ihn hätte es die Frauenbuchbewegung in Deutschland in dieser Form wohl nicht gegeben. Und bis heute wirkt dieser Impuls nach – in feministischen Verlagen, in Netzwerken wie den BücherFrauen und in jedem Buch, das eine andere Wirklichkeit sichtbar macht.


Doris Hermanns: Sand im patriarchalen Getriebe – Zur Geschichte der Frauen-Buch-Bewegung

AvivA Verlag, Berlin, 2025

Kartoniert. 272 Seiten

ISBN 978-3-949302-28-2  
22 €

Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés

Yvonne de Andrés arbeitet als Kuratorin und Kulturmanagerin für Verlage, Stiftungen und Organisationen. Sie ist Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und dort zuständig für das Thema Intersektionalität.

Transparenzhinweis: Die Empfehlung erfolgt aus Eigeninteresse und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.