Zwischen Trauerarbeit und historischen Krisen
Emma Kausc Handlungsstörung | Roman
Zwischen Erinnerung, Verlust und Erzählversuch
In diesem autofiktionalen Roman steht die 33-jährige Emma im Mittelpunkt, die in London lebt und auf mehreren Ebenen nach Orientierung sucht: Sie versucht, ihre tschechische Herkunft zu begreifen, den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten und das Verschwinden ihrer Partnerin zu verstehen. Diese Suche verläuft jedoch nicht geradlinig. Erinnerungen, Begegnungen und Erzählfäden brechen immer wieder ab, sodass Emma sich jedes Mal neu ausrichten muss.
Der Roman verbindet persönliche Trauerarbeit mit größeren historischen und gesellschaftlichen Krisenszenarien. Während Emma in den Überresten ihrer eigenen Geschichte gräbt, rücken auch globale Bedrohungen wie steigende Wasserspiegel, Waldbrände und ein allgemeines Gefühl der Instabilität in den Vordergrund. Dadurch entsteht ein Spannungsfeld zwischen individueller Erfahrung und kollektiver Verunsicherung.
Stilistisch setzt die Autorin auf eine fragmentierte Erzählweise. Die Sprünge zwischen Erinnerungen, Reflexionen und aktuellen Ereignissen spiegeln Emmas innere Zerrissenheit wider und machen deutlich, dass es in diesem Werk weniger um eine klassische Handlung als um die Schwierigkeit des Erinnerns und Erzählens geht. Allerdings wirken nicht alle Passagen gleichermaßen überzeugend. Manche Dialoge wirken sehr symbolisch aufgeladen und die Fülle an Metaphern lässt gelegentlich die eigentliche emotionale Bewegung der Figur in den Hintergrund treten.
Besonders interessant ist der Versuch, den Prozess des Erinnerns selbst zum Thema zu machen. Emma sucht nicht nur nach Antworten, sondern auch nach einer Form, um ihr brüchiges Leben überhaupt erzählen zu können. Dieser Ansatz verleiht dem Roman Eigenständigkeit, verlangt den Leser:innen aber auch Geduld ab.
Insgesamt ist das Buch ein ambitionierter Debütroman mit einigen eindrucksvollen Bildern und einer konsequent durchgehaltenen formalen Idee. Gleichzeitig wirkt der Text stellenweise überfrachtet und hätte von einer stärkeren Konzentration profitiert. Wer experimentelle Erzählformen und literarische Selbstbefragungen schätzt, wird darin dennoch eine bemerkenswerte Stimme entdecken.
Emma Kausc
Handlungsstörung | Roman
Aus dem Tschechischen von Martina Lisa
Zeitkind Verlag,
276 Seiten, Gebunden,
ISBN 9783907724088
26,00 EUR
Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés
Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025
Transparenzhinweis: Die Empfehlung erfolgt aus Eigeninteresse und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.
