Hrsg. K. Lee Chichester und Brigitte Sölch: Kunsthistorikerinnen im 20. Jahrhundert - 
Band 1


Vergessene Pionierinnen der Kunstgeschichte neu entdeckt
 

Ein Grundlagenwerk zur Wiederentdeckung weiblicher Forschung

Die Geschichte der Kunstgeschichte wurde lange vor allem über ihre männlichen Protagonisten erzählt. Das Buch Kunsthistorikerinnen 1910–1980: Theorien, Methoden, Kritiken schließt nun eine bemerkenswerte Forschungslücke. Der von Lee Chichester und Brigitte Sölch herausgegebene Band macht die wissenschaftlichen Leistungen von Kunsthistorikerinnen sichtbar, deren Arbeiten über Jahrzehnte kaum beachtet oder aus dem Kanon verdrängt wurden.

Bereits die ausführliche Einleitung zeigt, unter welchen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen Frauen ihre wissenschaftliche Laufbahn entwickeln mussten. Sie beschreibt die Hürden, mit denen Kunsthistorikerinnen im 20. Jahrhundert konfrontiert waren, und fragt zugleich, weshalb ihre Beiträge bis heute weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis der Disziplin verschwunden sind.

Mehr als eine Sammlung von Biografien
Das Besondere dieses Bandes liegt darin, dass er nicht nur Lebensläufe dokumentiert. Jede der vorgestellten Wissenschaftlerinnen wird durch einen einordnenden Beitrag vorgestellt, der ihre Forschungsschwerpunkte, ihre wissenschaftlichen Methoden und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Kunstgeschichte beleuchtet. Ergänzt werden die Texte durch ausgewählte Bibliografien sowie Originalauszüge aus den jeweiligen Veröffentlichungen. Dadurch entsteht ein unmittelbarer Zugang zu den Denkweisen und Fragestellungen der damaligen Forscherinnen.

Beeindruckend ist die thematische Vielfalt. Die Beiträge reichen von Gartenkunst über ägyptische Plastik und Fotografie bis hin zur indischen Kunst. Zugleich wird deutlich, wie innovativ viele der vorgestellten Wissenschaftlerinnen arbeiteten und welche methodischen Ansätze sie bereits entwickelten – oftmals lange bevor diese in der Kunstgeschichte breite Anerkennung fanden.

Ein neuer Blick auf die Disziplin
Die eigentliche Stärke des Buches liegt in seiner Perspektive. Es ergänzt die Kunstgeschichte nicht lediglich um einige bislang übersehene Namen, sondern fordert dazu auf, die Entwicklung der Disziplin insgesamt neu zu betrachten. Die Autorinnen und Autoren ordnen die Arbeiten der Kunsthistorikerinnen in ihren historischen, politischen und gesellschaftlichen Kontext ein und zeigen, welchen Einfluss Nationalsozialismus, Exil oder fehlende akademische Anerkennung auf ihre wissenschaftlichen Karrieren hatten.

Damit wird deutlich, dass das Vergessen dieser Forscherinnen kein Zufall war, sondern Teil einer wissenschaftlichen Überlieferung, die nun kritisch hinterfragt wird. Das Buch leistet damit weit mehr als historische Aufarbeitung: Es erweitert den Blick auf die Geschichte der Kunstgeschichte selbst.

Mein Fazit
Kunsthistorikerinnen 1910–1980: Theorien, Methoden, Kritiken ist ein fundiertes und sorgfältig konzipiertes Grundlagenwerk. Sein besonderer Wert liegt darin, wissenschaftliche Texte und Persönlichkeiten wieder zugänglich zu machen, die die Entwicklung der Kunstgeschichte maßgeblich mitgeprägt haben, bislang jedoch kaum wahrgenommen wurden. Der Band verbindet historische Forschung mit einer kritischen Neubewertung des kunsthistorischen Kanons und eröffnet damit neue Perspektiven für Forschung, Lehre und interessierte Leserinnen und Leser.
 


Kunsthistorikerinnen 1910 - 1980
Theorien, Methoden, Kritiken
Kunsthistorikerinnen im 20. Jahrhundert
Band 1

Hrsg. K. Lee Chichester und Brigitte Sölch
Reimer Verlag
438 S. m. 27 Farb- u. 81 sw-Abb., Broschur 
ISBN 978-3-496-01636-6 
29,95 €
 

Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés

Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025

Transparenzhinweis: Die Empfehlung erfolgt aus Eigeninteresse und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.