Jolán Földes: "Die Straße der fischenden Katze"
Ein märchenhafter Titel, aber die fischende Katze hat im Buch kaum eine Funktion – es geht um die nach ihr benannte Straße und deren BewohnerInnen, und deren Leben ist alles andere als märchenhaft.
Hierhin zieht kurz nach dem Ersten Weltkrieg die Familie Barabás, die ihre ungarische Heimat verlassen hat. Und das nicht aus politischen Gründen, wie viele ihrer neuen Bekannten in Paris. Sie waren auf der Suche nach einem besseren Leben – höhere Löhne für den Vater, einen Kürschner, bessere Ausbildungsmöglichkeiten für die drei Kinder. Leider waren das alles nur Gerüchte, und so schlagen sie sich mühsam durch. Die Hoffnung der Mutter, als ausgebildete Hebamme eine Anstellung zu finden, wenn der Lohn des Mannes nicht ausreicht, zerschlagen sich, die ungarische Ausbildung wird in Frankreich nicht anerkannt. Also greift sie auf einen der ältesten Frauenberufe überhaupt zurück – sie nimmt die Wäsche anderer Leute an, bekommt rote, aufgequollene Hände, wird später sehr krank, sorgt aber dafür, dass die Familie zusammenhält.
Eigentliche Hauptperson ist Anni, die Tochter, anfangs ein kleines, oft vorwitziges Mädchen, später die Vertraute so ungefähr aller, zweimal heiß und überaus unglücklich verliebt. Überhaupt verlieben sich in diesem Buch dauernd alle in die Falschen, die Liebe wird nicht erwidert, und zu dem Unglück, im fremden Land zu sein, kommt das Unglück, nicht geliebt zu werden und zu erleben, dass der Gegenstand der Liebe sich anderweitig und ebenso hoffnungslos verliebt.
Das alles festigt den Zusammenhalt zwischen den Menschen der Nachbarschaft, sie kommen aus vielen Ländern, haben ihre Heimat aus den unterschiedlichsten Gründen verlassen, und immer, wenn sich irgendwo die politische Lage ändert, treffen neue Migranten (und wenige Migrantinnen) ein, aus Russland, Spanien, Litauen und schließlich aus Deutschland – und die fallen gleich unliebsam auf, weil sie auf einer Insel in der Seine eine FKK-Kolonie gründen. Zwischendurch versuchen Anni und ihr Vater ihr Glück in Argentinien; wieder wurde ihnen erzählt, dass dort Arbeitsmöglichkeiten und hohe Löhne warten. Aber dieser Versuch endet im Fiasko, und statt die Familie nachzuholen, kehren die beiden vollkommen abgebrannt nach Paris zurück. Und Paris, das stellen sie – und nicht nur sie – immer mehr fest, ist ihnen inzwischen zur Heimat geworden, und das Land, in das sie eigentlich zurückkehren wollten, wenn sie es in der Fremde nur zu etwas gebracht hätten, ist ihnen fremd.
Die Ungarin Jolán Földes (1901 – 1963) schrieb diesen Roman 1936 und landete damit einen internationalen Bestseller. Wunderbar, diese Autorin nun (wieder)entdecken zu können. Die Übersetzung ist 1937 entstanden, in einem kurzen Nachwort erklärt der Verlag, dass manchmal die Wortwahl den heutigen Gepflogenheiten angepasst wurde – was bisweilen etwas anachronistisch klingt: Wenn z.B. in den 20er Jahren in einem ungarischen Lokal „Romamusikanten“ auftreten. Schade, dass nicht auch offenkundige Fehler korrigiert wurden, wenn z.B, die Rede davon ist, dass Anni und ihr Vater in „Brasilien“ gewesen seien, obwohl ihr Leben in Buenos Aires ausführlich geschildert wird. Und die bizarre Leidenschaft des Übersetzers für das generische Maskulinum hätte auch hier und da gemildert werden können. Dennoch, ein überaus spannender und trotz der vielen traurigen Geschehnisse auch ein witziger Roman.
Jolán Földes:
Die Straße der fischenden Katze,
übersetzt von Stefan I. Klein
AvivA, 2025,
Hardcover, 302 Seiten,
ISBN 978-3-949302-31-2,
EUR: 24,--,
Eine Empfehlung von Gabriele Haefs
Gabriele Haefs Studium studierte Volkskunde, Sprachwiss.
Drei Jahre Verlagslektorin, heute freiberuflich tätig als Übersetzerin und Autorin. Schwerpunkte/Interessen: skandinavische/keltische Literatur, Volkskunde, Märchen, Musik.
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