„Erzählen, was ist“ – Ein Buch, das unter die Haut geht
Katrin Eigendorf: "Erzählen, was ist"
Kriege, Krisen, gesellschaftliche Verwerfungen – vieles davon scheint weit entfernt und rückt doch täglich näher. Mit ihrem Buch „Erzählen, was ist“ legt die langjährige ZDF-Korrespondentin Katrin Eigendorf einen sehr persönlichen Bericht aus genau diesen Bruchzonen der Gegenwart vor. Der Untertitel bringt den Anspruch auf den Punkt: Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege.
Es ist kein nüchternes Sachbuch, keine Chronik militärischer Entwicklungen. Vielmehr ist es eine eindringliche Reflexion darüber, was es heißt, hinzusehen – und zu bleiben, wenn andere längst gegangen sind.
Unterwegs an den Rändern der Welt
Eigendorf berichtet aus Regionen, „wo die Welt ins Wanken gerät“. Sie spricht mit Taliban-Vertretern in Afghanistan, begleitet ukrainische Soldaten an der Front und trifft Frauen, die unter dem Regime heimlich unterrichten, weil Bildung für sie Widerstand bedeutet.
Dabei rückt sie nicht Strategien oder Schlagzeilen in den Mittelpunkt, sondern Menschen. Ihre Geschichten erzählen von Angst und Verlust, von Hoffnung und Mut – und von einer Würde, die selbst unter extremen Bedingungen nicht verschwindet. Gerade diese Perspektive verleiht dem Buch seine Wucht.
Nähe statt Distanz
Was „Erzählen, was ist“ besonders macht, ist die Haltung der Autorin. Eigendorf schreibt aus unmittelbarer Erfahrung. Sie schildert Situationen, in denen Entscheidungen unter Druck fallen, in denen Gefahr spürbar ist – und in denen journalistische Distanz nicht immer leichtzuhalten ist. Im Gespräch mit dem SWR betont sie, dass es ihr darum gehe, Wirklichkeit nicht zu glätten. Journalismus bedeute für sie, genau hinzusehen, auszuhalten und verständlich zu machen, was komplex und oft widersprüchlich ist. Gerade in Zeiten permanenter Nachrichtenströme sei es entscheidend, Zusammenhänge einzuordnen und Stimmen hörbar zu machen, die sonst übergangen werden.
Die Frage nach Verantwortung
Ein zentrales Thema des Buches ist die Rolle des Journalismus selbst. Wie nah darf man Menschen kommen, ohne ihre Not auszunutzen? Wie bewahrt man Empathie, ohne parteiisch zu werden? Und wie bleibt man glaubwürdig in einer Welt, in der Bilder und Informationen in Sekundenschnelle zirkulieren?
Eigendorf verschweigt die eigenen Zweifel nicht. Sie beschreibt das Spannungsfeld zwischen Mitgefühl und professioneller Distanz – und macht deutlich, dass Berichterstattung immer auch Verantwortung bedeutet: gegenüber den Protagonisten, gegenüber dem Publikum, gegenüber der Wahrheit.
Orientierung in unruhigen Zeiten
Leserinnen und Leser beschreiben das Buch als bewegend, klar und ehrlich. Eigendorf gelingt es, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge verständlich darzustellen, ohne sie zu vereinfachen. Ihre Sprache bleibt präzise, ihre Haltung transparent. „Erzählen, was ist“ ist damit mehr als eine Sammlung von Reportagen. Es ist ein Buch über die Kraft von Geschichten – und darüber, wie sehr sie unsere Wahrnehmung prägen. In einer Zeit, in der die Welt unübersichtlicher erscheint denn je, lädt es dazu ein, genauer hinzusehen.
Eine Lektüre, die aufrüttelt – und lange nachwirkt.
Katrin Eigendorf,
Erzählen, was ist
Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege
S. Fischer Verlag, 2026
256 Seiten
20,8 x 13,4 cm
ISBN 978-3-10-397699-1
€ 25,00
Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés
Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025
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