Katrin Seddig: Gedanken zu Turnhallen. Essays.

Gedanken zu fünfundzwanzig Themen, ... oder vielleicht auch nur zu vierundzwanzig

Ein wirklich verheißungsvoller Titel – „Gedanken zu Turnhallen“. In einem Buch mit diesem Titel muss es witzig zugehen, aber nicht klamaukhaft, eine feine Mischung aus Ernst und Satire, vielleicht, denkt die angehende Leserin. Das jedoch mit der heimlichen Furcht, mit dieser positiven Erwartung alsbald ebenso böse auf die Nase zu fallen, wie vor vielen Jahren in der Turnhalle beim Geräteturnen. Hier sei verraten, ein solcher Absturz bleibt aus – doch die Tatsache, dass die Autorin (oder ihre Ich-Person) niemals Angst vor dem Stufenbarren hatte, dafür aber beim Bodenturnen schmählich versagte, zeigt, wie sehr sie sich unseren Erwartungen entzieht. Gedanken zu fünfundzwanzig Themen enthält das neue Buch von Katrin Seddig, oder vielleicht auch nur zu vierundzwanzig, denn es gibt zwei Kapitel mit „Gedanken zum Herbst“. Wer wie die Autorin den Frühling für schändlich überschätzt hält und den Herbst liebt, wird sofort begreifen, dass hier zwei Kapitel vonnöten waren.

Ansonsten gibt es Gedanken zu vielen, teilweise sehr unterschiedlichen Themen: Gedanken zu Haaren, zu Hasen, zu Bäumen, zu Brandenburg. Und, schön hintereinandergestellt, zum Schenken und zu Schnecken. Das Kapitel über Gedanken zum Schneckenschenken fehlt, wir können es uns selbst zusammenreimen, was großen Spaß macht.

Immer wieder unterläuft Katrin Seddig die Erwartungen jedenfalls dieser Leserin. Brandenburg und Oderbruch – hier muss doch Fontane zitiert werden, dem wir im extremen Westen der BRD sozialisierten Menschen unser Wissen um jene geheimnisvolle Region irgendwo da oben verdanken. Aber nix da, man kann Brandenburg und Oderbruch vorstellen, ganz ohne auf Fontane zurückgreifen zu müssen, jedenfalls, wenn man Katrin Seddig heißt. Einige Texte gehen zurück in die Vergangenheit und wir sehen, dass Ost und West gar nicht so weit auseinanderlagen, wie uns oft eingeredet wurde und wird: Es geht hier um die gar nicht so lange zurückliegende Zeit, als so wenig wie möglich weggeworfen wurde, es wurde gestopft und geflickt, und niemand kam auf die Idee, dass es auch anders sein könnte. Andere Überlegungen widmen sich dem Hier und Heute – die Gedanken zu Facebook-Vorschlägen zum Beispiel. Wobei vielleicht nur besonders befähigten Menschen so schöne Facebookseiten vorgeschlagen werden wie eine für Dinge, die man aus Beton machen kann (Ohrringe, die aussehen wie Goldbarren, Schneemänner, Fischteiche und Blumentöpfe). In anderen Texten geht es nicht so lustig zu, da geht es um Mobbing, um Frauen und Männer in der DDR (und wie es mit der vorbildlichen Gleichberechtigung wirklich aussah), um Hasen, die ungern mit Kaninchen verwechselt werden, sich mit diesem grimmen Schicksal aber abfinden müssen. Und um Haare, die einfach nicht so liegen wollen, wie frau das gern hätte. Bei all den Gedanken und Überlegungen finden sich immer wieder wunderbare Sätze, die in eine Sammlung von Aphorismen aufgenommen werden könnten, und sollten. Kostprobe gefällig? „Eltern im IC. Sie wären, ohne Kinder, vielleicht noch zu ertragen.“
 


Katrin Seddig: 
“Gedanken zu Turnhallen” Essays
Literatur Quickie Verlag, 2026, 
Hardcover, 184 Seiten,
 ISBN 978-3-949512-55-1, 
€ 22,--

 

Eine Empfehlung von Gabriele Haefs

Gabriele Haefs Studium studierte Volkskunde, Sprachwiss. 
Drei Jahre Verlagslektorin, heute freiberuflich tätig als Übersetzerin und Autorin. Schwerpunkte/Interessen: skandinavische/keltische Literatur, Volkskunde, Märchen, Musik.

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