Ernüchterung nach dem Mythos
Lidia Jorge, Die Stunde der Nelken
Mit „Os Memoráveis“ legt Lídia Jorge einen Roman vor, der sich nicht der Verklärung hingibt, sondern die berühmte Nelkenrevolution vom 25. April 1974 einer nüchternen, beinah schmerzhaften Revision unterzieht. Was als Rückblick auf einen „seltenen Moment der Geschichte” beginnt, entwickelt sich rasch zu einer literarischen Untersuchung über Erinnerung, Desillusionierung und den Zerfall politischer Mythen.
Im Zentrum steht Ana Maria Machado, eine in Washington lebende portugiesische Journalistin, die den Auftrag erhält, für ein internationales Publikum eine Dokumentation über die Revolution zu produzieren. Die Ausgangslage wirkt vertraut: eine Rückkehr zur Geschichte, vermittelt durch Interviews mit Zeitzeugen, angestoßen durch journalistische Neugier. Doch Jorge unterläuft diese Erwartung konsequent. Anstelle eines heroischen Narrativs entsteht eine vielstimmige Collage aus widersprüchlichen Erinnerungen, persönlichen Enttäuschungen und brüchigen Selbstbildern.
Die Struktur des Romans – lose verbunden durch Gespräche und Rückblicke – verweigert lineare Geschichtsschreibung. Die Revolution erscheint nicht als abgeschlossener Triumph, sondern als ein Moment, dessen Bedeutung sich im Laufe der Jahrzehnte verflüchtigt hat. Gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es zeigt, wie schnell historische Größe verblasst und wie wenig von den einstigen Idealen im Alltag der Gegenwart übrigbleibt.
Auch sprachlich überzeugt Jorge durch Präzision und feine Ironie. Sie entfaltet keine polemische Abrechnung, sondern als leise, oft bittere Sozialkomödie. Die Figuren – ehemalige Revolutionäre, Beobachter, Mitläufer – erscheinen in ihrer ganzen Ambivalenz: weder Helden noch Verräter, sondern Menschen, die an der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gescheitert sind.
Besonders eindrücklich ist dabei der Generationenkonflikt. Während die ältere Generation noch an die Bedeutung des Umsturzes glaubt oder zumindest daran festhalten möchte, begegnet die jüngere ihm mit Gleichgültigkeit oder Skepsis. Diese Spannung verleiht dem Roman Aktualität weit über den portugiesischen Kontext hinaus.
Die Auszeichnung von „Os Memoráveis“ mit dem Prémio de Novela e Romance Urbano Tavares Rodrigues kommt kaum überraschend. Jorge ist ein Werk gelungen, das historisches Erinnern und literarische Reflexion auf hohem Niveau verbindet. In der Tradition großer portugiesischer Erzähler wie José Saramago oder António Lobo Antunes behauptet sie sich als eine der wichtigsten kritischen Stimmen ihres Landes.
Diese deutsche Ausgabe, übersetzt von Marianne Gareis und mit einem Nachwort von Michi Strausfeld versehen, macht den Roman nun einem breiteren Publikum zugänglich. Sie lädt dazu ein, nicht nur die portugiesische Geschichte neu zu betrachten, sondern auch grundsätzlich zu fragen: Was bleibt von den großen Momenten der Geschichte, wenn die Zeit über sie hinweggegangen ist?
Jorges Antwort ist klar – und ernüchternd: weniger, als man glauben möchte.
Lídia Jorge
Die Stunde der Nelken (OS MEMORÁVEIS)
Secession Verlag
Aus dem Portrugiesischen übersetzt von Marianne Gareis
450 Seiten, Gebunden ohne Schutzumschlag
ISBN 978-3-96639-143-6
32.00 €
Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés
Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025
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