Line Baugstø: „Evil Grandma"

Es gibt viele Frauen wie Mona: Mitte 60, graue Haare, leicht übergewichtig, geschieden, von allen übersehen.

Die Anfangsszene ist typisch für Monas Leben: Ein Kollege aus dem Büro geht in Ruhestand: große Feier, Abschiedsgeschenke, schöne Reden. Während Mona überlegt, ob es wohl für sie, wenn sie in wenigen Jahren so weit ist, auch so einen Abschied geben wird, räumt sie leere Gläser zusammen. Darauf eine junge Kollegin: „Schön, dass du aufräumst, wir wollen nämlich noch woanders hin.“ Niemand fragt, ob Mona mitkommen möchte – und damit ist schon alles gesagt. 

Es gibt viele Frauen wie Mona: Mitte 60, graue Haare, leicht übergewichtig, geschieden, von allen übersehen. Außer eben dann, wenn sie sich nützlich machen sollen. Mona erlebt das nicht nur im Büro, sondern auch in der Familie. Sohn Thomas, mit dem sie sich immer gut verstanden hat, ist nun mit Alma zusammen, einer zickigen kleinen Schönheit, die von einer glanzvollen Karriere als Influencerin träumt. 

Als Alma schwanger wird, wird natürlich Almas Mutter sofort über ihre bevorstehende Großmutterwürde informiert – Mona erst viele Wochen später. Aber wenn Thomas und Alma etwas brauchen (und sie brauchen dauernd etwas, das aber nie von Almas Mutter), dann ist Mona gefragt. Mona ist die Sorte Frau, die lange, lange alles in sich hineinfrisst und sich nichts anmerken lässt. 

Bis dann eine vermeintliche Bagatelle das Fass zum Überlaufen bringt und sie einen umwerfenden Wutanfall liefert, worauf nun wiederum alle sauer auf Mona sind, und so könnte es ewig weitergehen. Doch Mona findet mit Hilfe der Tochter ihrer besten Freundin, einen Auslauf für ihren Frust: Sie richtet den Instagram-Account ‘EvilGrandma’ ein und stellt fest, sie ist bei Weitem nicht die einzige ältere Frau, die sich ausgenutzt und übersehen fühlt. Allerdings kommt Alma dahinter, wer sich hinter ‘EvilGrandma’ verbirgt, und sinnt ihrerseits auf Rache an der bösen Schwiegermutter. 

Das Dasein als ‘EvilGrandma’ füllt jedoch Monas Leben in diesem wunderbaren Roman nicht aus. Auf Anraten ihrer besten Freundin trifft sie sich mit Jon, einem geschiedenen Mann in ihrem Alter, der sich gern bekochen lässt, aber im Gegenzug durchaus keinen Sex bieten mag. Jons kuriose Vorstellungen davon, wie mann im fortgeschrittenen Alter eine neue Beziehung eingeht, sind ein überaus komischer Seitenstrang der Handlung. Zu allem Überfluss weiß Jon auch noch einen Skandal über den Mann der besten Freundin zu berichten, und so strömt die Handlung mit immer neuen Überraschungen dem Höhepunkt entgegen, der nun auch wieder überrascht. 
Egal, ob die Leserin sich noch mehr Rache oder doch lieber Versöhnung wünscht, von diesem Ende wird jede überrascht sein.
 

Line Baugstø: 
 „Evil Grandma"
Roman, aus dem Norwegischen von Nora Pröfrock
Rowohlt Verlag, 2025, 
Hardcover, 255 Seiten, 
ISBN 978-3-8052-0123-0, 
€ 23.-
 

Eine Empfehlung von Gabriele Haefs

Gabriele Haefs Studium studierte Volkskunde, Sprachwiss. 
Drei Jahre Verlagslektorin, heute freiberuflich tätig als Übersetzerin und Autorin. Schwerpunkte/Interessen: skandinavische/keltische Literatur, Volkskunde, Märchen, Musik.

Foto: privat

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