Lualhati Bautistas: „Die 70er”

Die Revolution im Wohnzimmer
Lualhati Bautistas „Die 70er” ist ein politisches Familienporträt

Die Revolution im Wohnzimmer

Lualhati Bautistas „Die 70er” ist ein politisches Familienporträt

Amanda Bartolome lebt mit ihrer Familie in einer abgeschirmten Subdivision in Manila. Die Mauern stehen für Ordnung, Wohlstand und ein unpolitisches Leben. Doch diese Sicherheit hält nicht stand. Fünf Söhne, ein Ehemann, Schwiegertöchter, Nachrichten von draußen und schließlich die Polizei holen die Realität des Kriegsrechts unter Ferdinand Marcos ins Haus. Was als bürgerliches Familienleben beginnt, wird zum Resonanzraum einer Gesellschaft unter Druck.

Familie als politisches Schlachtfeld 
In Bautistas Roman wird die Geschichte der 1970er-Jahre konsequent aus der Perspektive einer Mutter erzählt. Ihre Söhne geraten auf unterschiedliche Weise in den Strudel der Zeit: als Aktivisten, Guerilleros, Journalisten oder Soldaten. Der politische Konflikt zerreißt nicht nur das Land, sondern auch familiäre Rollen und Loyalitäten. Besonders eindrucksvoll ist, wie Bautista das Private mit dem Politischen verschränkt: Sex, Ehe, Mutterschaft, der Vietnamkrieg, die Wirtschaftskrise und staatliche Gewalt stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Revolution findet nicht nur auf der Straße, sondern auch im Schlafzimmer und am Esstisch statt.

Eine weibliche Selbstfindung unter Kriegsrecht
Amanda ist materiell abgesichert, doch innerlich gefangen. In eindringlichen inneren Monologen tastet sie sich an die Fragen heran, die ihr Leben bislang überdeckt haben. Warum gilt selbst hier „It’s a man’s world”? Welche Gewalt steckt in scheinbar normalen Beziehungen? Und welche Freiheit bleibt, wenn äußere Freiheiten verschwinden? Bautista macht aus Amanda keine Heldin im klassischen Sinne, sondern eine widersprüchliche, denkende Frau, deren Bewusstsein sich langsam, aber unumkehrbar verändert. Gerade diese Selbstreflexion verleiht dem Roman seine große Kraft.

Klare Prosa, bleibende Aktualität 
Die deutsche Übersetzung von Annette Hug, die 2025 im Orlanda Verlag erscheint, bewahrt den klaren, direkten Ton des Originals. Die Umgangssprache Manilas, englische Einsprengsel und politische Schärfe bleiben erhalten und ziehen die Leser*innen dicht an Amandas Gedankenwelt heran. Dass der Roman 1983 erschien, ist spürbar – und zugleich erschreckend irrelevant. Fragen nach Autoritarismus, Militarisierung und weiblicher Selbstbestimmung wirken heute kaum weniger dringlich. „Die 70er“ ist somit nicht nur ein historischer Roman, sondern auch eine anhaltende Zumutung für bequemes Denken.

Zur Autorin und zur Übersetzerin
Lualhati Bautista (1945–2023) zählte zu den bedeutendsten Stimmen der philippinischen Gegenwartsliteratur. Über sechs Jahrzehnte hinweg schrieb sie Romane und Drehbücher, von denen viele verfilmt oder für das Theater adaptiert wurden. Während des Kriegsrechts ging sie bewusst das Risiko von Zensur und Repression ein und thematisierte Verhaftungen, Folter und außergerichtliche Hinrichtungen. Ihr in Tagalog verfasster, zugänglicher Stil machte ihre Bücher einem breiten Publikum zugänglich. „Dekada ’70“ gilt als feministischer Klassiker, der bis heute nachwirkt.

Annette Hug, geboren 1970 in Zürich, ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Historikerin. Sie studierte Geschichte in Zürich sowie Women and Development Studies an der University of the Philippines. Für ihre eigenen Romane wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Mit ihrer Übersetzung von „Die 70er” macht sie Bautistas Werk erstmals einem deutschsprachigen Publikum zugänglich und ordnet es sensibel in seinen historischen und politischen Kontext ein.
 


Lualhati Bautistas:
„Die 70er”  

Übersetzt von Annette Hug
Orlanda, 2025
200 Seiten
20,2 x 20,8 cm
ISBN 978-3949545771 
€ 22.-
 

Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés

Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025

Transparenzhinweis: Die Empfehlung erfolgt aus Eigeninteresse und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.