“Übersetzte Welten” macht Mehrsprachigkeit als emanzipatorischen Prozess literarisch sichtbar.
Marie-Christine Boucher: "Übersetzte Welten"
Marie-Christine Bouchers “Übersetzte Welten” leistet einen wichtigen Beitrag zur Literaturwissenschaft, indem sie Mehrsprachigkeit und kulturelle Übersetzungsprozesse in zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur mit Migrationsbezug neu theorisiert. Besonders innovativ sind ihre Begriffe der „Übersetzungsorte“, „-zonen“ und „-objekte“, mit denen sie literarische Räume und Mittel interkultureller Vermittlung präziser fassbar macht. Der Fokus auf Selbstübersetzung und die Rolle fiktionaler Übersetzer*innen erweitert die Debatte um literarische Mehrsprachigkeit und Identitätstranslation.
Ihre vorgeschlagene translatorische Lektüre bricht mit verlustorientierten Verständnissen von Übersetzung und Mehrsprachigkeit, indem sie diese als produktive und emanzipatorische Praxis begreift – ein Ansatz, der insbesondere die Aneignung der deutschen Sprache durch migrantische Autor*innen als kreative Machtbeziehung zeigt. Die Fallstudien (u.a. Werke von Veremej, Poladjan, Haratischwili und Grjasnowa) illustrieren, wie Mehrsprachigkeit oft implizit und unsichtbar in vermeintlich monolingualen Texten wirksam bleibt, und wie Sprachwechsel Macht- und Identitätskonflikte literarisch verhandeln.
Kritisch bleibt die Studie allerdings an einigen Stellen zu abstrakt und theorieverliebt; die Verbindung von theoretischem Rahmen und textnaher Analyse wirkt gelegentlich distanziert, wodurch wichtige literatursoziologische und rezeptionsästhetische Dimensionen unterbeleuchtet bleiben. Ebenso fehlen empirische Zugänge, die die Praxis und Wirkung der translatorischen Lektüre im literarischen Feld prüfen.
Insgesamt erweitert “Übersetzte Welten” die Diskussion um Mehrsprachigkeit und kulturelle Übersetzung um differenzierte Konzepte und einen emanzipatorischen Zugang, der transkulturelle Identitäten dynamisch und ambivalent begreift. Die Studie legt damit eine theoretisch fundierte, methodisch anspruchsvolle Grundlage für zukünftige interdisziplinäre Forschungen, die stärker Produktions- und Rezeptionsbedingungen sowie Gender- und soziokulturelle Aspekte integrieren sollten.
Marie-Christine Boucher, Übersetzte Welten
Kulturelle Übersetzungsprozesse in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur
transcript-Verlag
Broschiert, 228 Seiten
ISBN: 978-3-8376-7745-4
EURO 47,00
Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés
Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025
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