Marie Luise Kaschnitz: „Gott und die Welt"

Marie Luise Kaschnitz im Spannungsfeld ihrer Frankfurter Texte

Die in der aktuellen Ausgabe versammelten Texte von Marie Luise Kaschnitz aus den Jahren 1966/67 spiegeln eine literarische und gesellschaftliche Umbruchszeit wider. Sie reagieren auf die beginnende Politisierung der Bundesrepublik, die sich nur wenig später in der Studentenbewegung von 1968 zuspitzen sollte. Kaschnitz beobachtet diese Entwicklungen jedoch nicht als Kommentatorin von außen, sondern als präzise und zurückhaltende Chronistin des Alltags, der Städte und der inneren Verschiebungen einer Gesellschaft im Wandel.

In den Texten, die später überwiegend in „Tage, Tage, Jahre” (1968) veröffentlicht wurden, zeigt sich eine Autorin, die das Politische nicht im Gestus der Parteinahme, sondern in der genauen Wahrnehmung sozialer und atmosphärischer Veränderungen verortet. Frankfurt wird dabei zum zentralen Bezugspunkt: als Ort der Nachkriegsmoderne, der intellektuellen Netzwerke und zugleich der latenten historischen Brüche. Kaschnitz beschreibt keine ideologischen Fronten, sondern Zustände: Unsicherheiten, Verschiebungen und Übergänge. Ihre Sprache bleibt dabei klar, oft lakonisch, gelegentlich von stiller Ironie durchzogen.

Diese Haltung setzt sich in den ergänzend herangezogenen Texten aus „Orte” (1973) fort. Sie öffnen Erinnerungsräume bis in die Kriegsjahre hinein. Auch hier verweigert sich Kaschnitz jeder retrospektiven Verklärung. Stattdessen entsteht eine Poetik des genauen Sehens: Frankfurt als zerstörte und zugleich neu entstehende Stadt, als Raum der Ambivalenz zwischen Verlust und Wiederaufbau. Die Texte wirken weniger wie geschlossene Essays als vielmehr wie Verdichtungen von Erfahrung, in denen Geschichte und Gegenwart ineinander übergehen.

Vor diesem Hintergrund entwickelt Ina Hartwig in ihrem Essay „Meine Wege zu Marie Luise Kaschnitz” eine dezidiert persönliche Lesart der Autorin. Als ausgewiesene Kaschnitz-Kennerin und Frankfurter Kulturdezernentin nähert sie sich deren Werk nicht aus der distanzierten Perspektive der Literaturwissenschaft, sondern aus einer biografisch und topografisch geprägten Nähe: Sie beschreibt ihr Leben in Frankfurt, die Stadt als Erinnerungsraum und das Wiederentdecken einer Autorin, deren Schreiben eng mit diesem Ort verbunden ist. Der Essay ist der Neuausgabe vorangestellt und eröffnet einen besonders persönlichen Zugang zu Kaschnitz’ Werk.

Hartwigs Text ist somit zugleich Spurensuche und Selbstverortung. Der Gang zur Wiesenau, dem ehemaligen Wohnort Kaschnitz’, wird zum symbolischen Akt einer literarischen Annäherung. Aus der physischen Nähe entsteht eine intellektuelle: Kaschnitz erscheint als Figur, die Weltläufigkeit und lokale Verankerung verbindet und deren Schreiben von moralischer Klarheit sowie großer Zurückhaltung geprägt ist. Hartwig betont insbesondere die Unsentimentalität ihres Blicks auf die Geschichte und ihre Fähigkeit, selbst in zerstörten oder belasteten Kontexten eine Form von Wahrhaftigkeit zu bewahren.

Dabei wird Kaschnitz auch als Teil eines intellektuellen Netzwerks sichtbar, zu dem Persönlichkeiten wie Theodor W. Adorno, Paul Celan oder Ingeborg Bachmann gehörten. Hartwig hebt hervor, dass ihre Bedeutung weniger in programmatischer Klarheit als in ihrer empathischen Durchlässigkeit lag – der Fähigkeit, unterschiedlichen Erfahrungen und Stimmen Raum zu geben, ohne sie zu vereinnahmen.

Diese Perspektive wird durch das Nachwort der von Rainer Weiss herausgegebenen Edition „Gott und die Welt“ ergänzt. Weiss ordnet die Texte darin ausdrücklich in ihren historischen und politischen Kontext ein und hebt ihren Bezug zur Stadt Frankfurt sowie zu den gesellschaftlichen Umbrüchen der späten 1960er-Jahre hervor. Besonders betont er Kaschnitz' Reflexion über eine sich verändernde Welt, in der persönliche Erfahrung und politische Realität eng miteinander verschränkt sind.

Zugleich macht das Nachwort die editorische Konzeption transparent: Der Titel „Gott und die Welt” geht auf einen Einfall Kaschnitz' selbst zurück, wurde jedoch durch die alternative Formulierung „Kraut und Rüben” ironisch relativiert – ein Hinweis auf ihre nüchterne, selbstironische Arbeitsweise. Die Auswahl basiert überwiegend auf „Tage, Tage, Jahre“, ergänzt durch zentrale Passagen aus „Orte“, deren Erinnerungsstruktur die zeitliche Distanz des Schreibens bewusst offenhält. 

Weiss betont außerdem die editorische Entscheidung, die Orthografie weitgehend zu bewahren und lediglich das „ß“ zu modernisieren, um den Text für heutige Leserinnen und Leser zugänglicher zu machen. Ziel der Ausgabe ist nicht nur die philologische Dokumentation, sondern auch die erneute Sichtbarmachung einer Autorin, deren Werk sich als überraschend gegenwärtig erweist.

In der Zusammenschau entsteht so ein vielschichtiges Bild: Kaschnitz’ Texte der 1960er-Jahre zeigen sich als präzise Beobachtungen einer sich politisch und gesellschaftlich neu formierenden Bundesrepublik, Hartwigs Essay präsentiert sich als persönliche und reflektierende Annäherung und Weiss’ Nachwort leistet historische Kontextualisierung und Vermittlung. Gemeinsam zeigen sie, wie sehr Kaschnitz’ Werk noch heute als Denkraum über Stadt, Erinnerung und Zeitgenossenschaft gelesen werden kann.
 


Marie Luise Kaschnitz
Gott und die Welt
Aufzeichnungen aus der Wiesenau
200 Seiten, Gebunden  
ISBN 9783949671234

22,00 EUR 

Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés

Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025

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