Zwischen Sand und Sprache – weibliche Verwandtschaft als Widerstand
Oliwia Hälterlein: „Wir Töchter"
In ihrem Roman „Wir Töchter“ erzählt Oliwia Hälterlein keine lineare Familiengeschichte, sondern legt Schichten frei: Herkunft, Migration, Sprachverlust und weibliche Weitergabe. Drei Frauen – Großmutter, Mutter, Tochter – bilden ein Geflecht über zwei Jahrhunderte hinweg, das weniger durch Ereignisse als durch Körper, Brüche und Verschiebungen zusammengehalten wird.
Im Zentrum steht eine polnisch-deutsche Familienlinie, beginnend mit Marianna, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Land lebt, fortgeführt von Róza, die im sozialistischen Polen zwischen Dorf, Stadt und politischem Umbruch ihre eigene Bewegungsfreiheit sucht, und schließlich Waleria, die im Westen Deutschlands aufwächst und die Sprache ihrer Herkunft allmählich verliert. Der Roman fragt dabei weniger nach „Heimat“, sondern vielmehr danach, was bleibt, wenn Sprache, Ort und Mutterschaft nicht mehr stabil verfügbar sind.
Der Klappentext formuliert es programmatisch: Frauen erscheinen als Magd, Mutter und Tochter – alles gleichzeitig und überfordernd viel. Diese Überlagerung ist jedoch kein poetischer Selbstzweck, sondern eine präzise Beschreibung struktureller Zumutungen. Der Text zeigt weibliche Existenz als etwas, das sich permanent selbst organisiert, während es von außen selten als vollständig wahrgenommen wird.
Bemerkenswert ist, wie konsequent der Roman körperlich erzählt. Migration ist hier keine abstrakte Kategorie, sondern eine Erfahrung von Materialität: Schuhe auf Asphalt, fremde Wörter im Mund, das Verschwinden vertrauter Grammatik. Auch Gewalt und Begehren werden nicht als isolierte Motive behandelt, sondern als Teil eines Systems, das weibliche Biografien formt – oft ohne dass diese je als „eigenständig” wahrgenommen werden.
In dieser Hinsicht arbeitet Hälterlein mit einer klaren feministischen Perspektive, die jedoch nicht als theoretisches Programm, sondern als erzählerische Struktur umgesetzt wird. Im Zentrum stehen Frauenbeziehungen, jedoch nicht romantisiert, sondern als komplexe, manchmal widersprüchliche Form von Überleben und Weitergabe. Die Großmutterfigur wird dabei, wie auch in vergleichbaren Gegenwartsromanen von Saša Stanišić oder Sasha Marianna Salzmann, zum stillen Zentrum genealogischer Spannung.
Der Roman erlaubt sich sprachliche Brüche: Polnisch-Einsprengsel bleiben stehen, einzelne Passagen wechseln in rhythmisch verdichtete, beinah poetische Formen. Genau hier entsteht jedoch auch eine kleine Reibung. Wer kein Polnisch versteht, bleibt gelegentlich außen vor – ein Effekt, der einerseits produktiv sein kann, andererseits aber auch Distanz erzeugt. Ein ausführlicheres Glossar hätte diese Schwelle etwas abfedern können, ohne die literarische Konsequenz zu schwächen.
Interessant ist, dass sich die Erzählweise in eine jüngere literarische Bewegung einordnet, die durch Autorinnen wie Joanna Bator oder Sasha Marianna Salzmann bekannt wurde: fragmentierte Familiengeschichten, die nicht auf Auflösung, sondern auf Verdichtung setzen. Auch die Episodenstruktur von „Wir Töchter“ folgt diesem Prinzip: Erinnerung entsteht nicht als durchgehender Fluss, sondern als Montage.
Die formale und thematische Konsequenz des Romans wird besonders deutlich in seiner dichten, existenziellen und stark körperlich geprägten Erzählweise, die sich einer klaren Zuschreibung entzieht und gerade dadurch wirkt. Entscheidend ist, dass keine abgeschlossene Identität entworfen wird, sondern das Unfertige, Prozesshafte im Vordergrund steht. Schon der Titel verweist weniger auf eine feste Rolle als vielmehr auf eine fragile, sich ständig verändernde Position im Übergang.
Am Ende steht weniger eine Antwort als eine Verschiebung der Frage: Was bedeutet es, Teil einer weiblichen Linie zu sein, die sowohl trägt als auch unterbricht? „Wir Töchter“ liefert keine beruhigende Lösung, sondern eine literarische Form, die genau diese Unsicherheit aushält.
Oliwia Hälterlein
Wir Töchter
Roman
357 Seiten, Gebunden
ISBN 9783406843372
25,00 EUR
Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés
Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025
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