Helen, Miriam, Maggie und die anderen sind nicht bloß „Überlebende“. Ein Roman auch über das „Wir" …
Otoniya Okot Bitek: „We, the Kindling"
Nicht Opfer, nicht Heldinnen – sondern Menschen
Die feministische Dimension des Romans liegt nicht darin, dass Bitek Frauen einfach zu besonders tapferen Überlebenden stilisiert. Gerade das wäre eine weitere Zumutung: Frauen müssten dann aus ihrem Leid noch eine inspirierende Geschichte machen.
Stattdessen zeigt der Roman, wie Geschlecht den Krieg strukturiert. Die Mädchen werden nicht zufällig verschleppt. Ihre Körper, ihre Arbeitskraft und ihre Fähigkeit, Kinder zu bekommen, werden Teil der militärischen Logik. Ihnen wird erklärt, sie seien dazu bestimmt, die Mütter einer neuen Generation zu werden. Mutterschaft wird zur Waffe, Weiblichkeit zur politischen Ressource.
Gleichzeitig zwingt die LRA die Mädchen in eine grausame Zwischenposition: Sie sind Opfer und Täterinnen zugleich. Sie müssen andere Kinder bewachen, bestrafen und töten, um selbst am Leben zu bleiben. Gerade diese moralische Verwicklung macht Bitek nicht rückgängig. Sie erlaubt ihren Figuren, widersprüchlich zu sein.
Das ist feministische Literatur im besten Sinne: nicht, weil Frauen automatisch moralisch überlegen wären, sondern weil sie ihnen die volle Komplexität ihrer Erfahrungen zugesteht.
Auch nach der Rückkehr bleibt ihr Geschlecht entscheidend. Die Frauen müssen Kinder versorgen, Ehen führen, mit Armut umgehen, lernen, ihren Platz in einer Gesellschaft wiederzufinden. Einige kämpfen sogar darum, elementare Bildung nachzuholen. Was im Krieg unterbrochen wurde, lässt sich nicht einfach wieder aufnehmen.
Wenn Miriam sagt, dass sie nun, als erwachsene Frau, endlich lernen könne, lesen und schreiben zu können, liegt in diesem Satz mehr Hoffnung als in jeder großen Erlösungsgeste. Bildung erscheint hier nicht als abstraktes Ideal, sondern als zurückgewonnene Verfügung über das eigene Leben.
Eine Geschichte aus vielen Stimmen
Bitek erzählt nicht linear. Ihre sechs Erzählerinnen sprechen einzeln und gemeinsam, erinnern sich, widersprechen sich nicht unbedingt, sondern überlagern einander. Manchmal heißt es „ich“, manchmal „wir“. Manchmal scheint eine Stimme aus der Menge herauszutreten; dann verschwindet sie wieder im Chor.
Diese Form ist mehr als ein ästhetischer Kunstgriff.
Krieg produziert Statistiken. Zehntausende Entführte. Millionen Vertriebene. Jahre der Gewalt. Zahlen machen Größenordnungen sichtbar – und Menschen unsichtbar. Bitek arbeitet gegen diese Abstraktion. Doch sie tut es nicht, indem sie eine einzige „repräsentative“ Heldin erschafft. Sie vervielfacht die Stimmen.
Das „Wir“ wird damit zu einer politischen Form.
Es bedeutet: Diese Erfahrung gehört einer Person – und gleichzeitig nicht nur ihr.
Das erinnert entfernt an die polyphonen Zeugnisarbeiten von Svetlana Alexijewitsch. Doch Bitek entwickelt eine eigene literarische Form, in der Zeugnis, Erinnerung, Fabel und Roman ineinandergreifen. Die Wiederholungen sind dabei kein Mangel. Wenn immer wieder gesagt wird: „Ich wurde entführt“, entsteht keine Redundanz, sondern eine Litanei. Eine einzelne Geschichte wird zur Geschichte vieler.
Und dann ist da die Landschaft. Die Eröffnung des Romans spricht von einer Karte, die in keinem Atlas zu finden sei. Damit ist das geografische Wissen gemeint, das sich nicht in Grenzen, Straßen und Ortsnamen erschöpft. Es ist eine Landschaft, die von Körpern, Verlusten, Fluchtwegen und Erinnerungen geprägt ist. Bitek schreibt gewissermaßen eine Gegenkarte. Keine Karte, die von außen auf Uganda blickt, sondern eine, die von den Menschen erzählt wird, die dort gelebt, gelitten und überlebt haben.
We, the Kindling ist kein leichtes Buch. Es ist auch kein Buch, das man lesen sollte, um sich anschließend für besonders informiert oder empathisch zu halten. Sein Wert liegt gerade darin, dass es solche bequemen Positionen verweigert. Man sollte es lesen, weil es den Blick auf Krieg verändert. Weil es zeigt, dass eine Entführung nicht mit der Rückkehr endet. Weil es sichtbar macht, wie Gewalt in Familien, Behörden, Körpern und Erinnerungen weiterlebt. Weil es die Frage stellt, wem eine Gesellschaft eigentlich erlaubt, Opfer zu sein – und wem sie die Schuld für das eigene Überleben aufbürdet.
Vor allem aber sollte man diesen Roman lesen, weil Bitek ihre Figuren nicht auf das reduzieren lässt, was ihnen widerfahren ist. Helen, Miriam, Maggie und die anderen sind nicht bloß „Überlebende“. Sie sind Frauen, Mütter, Freundinnen, Töchter, Lernende, Erzählerinnen. Sie erinnern sich. Sie vergessen. Sie streiten. Sie tragen Verantwortung. Sie machen Fehler. Sie wollen reisen. Sie wollen lernen. Sie wollen leben.
Der Titel des Romans bekommt dadurch seine ganze Bitterkeit: We, the Kindling – wir, das Brennmaterial. Die Mädchen und Frauen wurden benutzt, um ein Feuer zu entfachen, das andere gelegt hatten. Aber Bitek erzählt nicht davon, wie sie im Feuer verschwanden.
Sie erzählt davon, dass sie noch da sind.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Zumutung dieses außergewöhnlichen Romans: Nicht das Leiden der Frauen soll am Ende in Erinnerung bleiben, sondern ihre Gegenwart. Ihr „Wir“.
Otoniya Okot Bitek
We, the Kindling
Amerikanisch
Penguin Random House, 2025
224 Seiten, bestellbar über Amazon Canada
$ 32,95
Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés
Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die BücherFrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
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