Susanna Hast: „Beweiskörper“

Trauma und Erinnerung: Die Zeit hat keine Richtung
 

Zu Beginn des Sommers las ich ein Buch, in dem es um sexuelle Gewalt ging. „Roman“ steht darauf, aber es berichtet eine Ich-Erzählerin, die sich keine Mühe gibt, sich von der Autorin zu unterscheiden. „Beweiskörper“ heißt das Werk von Susanna Hast. Es hat mich umgehauen. 

Trotz der autobiografischen Nähe wird an keiner Stelle ein bestimmter Sachverhalt einfach nur behauptet. Die Taten sind lange her. Sie ereigneten sich an der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend. Lange hatte die Erzählerin keine Worte für das, was ihr passiert ist. In ihrem Buch tastet Susanna Hast sich voran, sie sucht nach Formulierungen, sie misstraut ihrer Erinnerung. Sie hat das Geschehen verdrängt, doch ihr Körper weiß noch, was stattgefunden hat. Und genau da setzt sie an, bei dem was noch immer da ist: Die Orte und ihr Körper.

Jeder Satz verbirgt unter sich etwas
Susanna Hast nennt keine Details, sie beschreibt nicht in Einzelheiten, was ihr passiert ist. Es geht ihr um das, was sie gefühlt hat, was in ihr los war, was heute - Jahrzehnte später - in ihr los ist. Sie sucht nach wissenschaftlichen Erklärungen, zieht Filme und Literatur heran, um zu vergleichen, zu illustrieren und zu verstehen. Sie umkreist das Geschehen von allen Seiten, immer wieder setzt sie neu an, die Kapitel sind kurz und dicht. Diese kleinen Einheiten geben Gelegenheit zum Verdauen.

Das Ungesagte sichtbar machen 
Susanna Hast findet keine Tatsachen, keine Gewissheiten über Abläufe oder Motive von Tätern, aber sie macht sich ihre Geschichte zu eigen und findet zu einem selbstbewussten Umgang damit.  
Nach dem Lesen hielt ich das Buch noch lange in der Hand und strich über den kühlen Einband. Das lag auch an der Sprache. Tanja Küddelsmann hat das Buch aus dem Finnischen übersetzt. Der poetische, suchende Ton bleibt noch lange im Kopf. 
 


Susanna Hast 
„Beweiskörper“
Aus dem Finnischen von Tanja Küddelsmann
Gebunden, 248 Seiten
Edition Nautilus 2025 (Link)
ISBN: 978-3-96054-468-5
24 €

Eine Empfehlung von Henriette Dyckerhoff

Jahrgang 1977, arbeitet als freie Kreative für verschiedene Einrichtungen des Literaturbetriebs. Sie schreibt, lektoriert, unterrichtet kreatives Schreiben und organisiert Veranstaltungen rund um das Thema Literatur. 
 

Transparenzhinweis: Die Empfehlung erfolgt aus Eigeninteresse und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.