Zwischen Sange, Südtansania, und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit und DDR-Diktatur
Tupoka Ogette: „Trotzdem Zuhause" Memoir
„So beginnt meine Geschichte. Als Tochter einer weißen Frau und eines Schwarzen Mannes. Zwischen Sange, Südtansania, und Gera, Thüringen. Zwischen kolonialer Vergangenheit und DDR-Diktatur."
Mit dieser Setzung eröffnet Tupoka Ogette ihr Memoir „Trotzdem zuhause“ und entwirft von Beginn an kein klassisches Lebensbild, sondern ein Spannungsfeld. Das Buch ist weniger chronologisch erzählt als analytisch aufgebaut. Es kreist um Herkunft, Zuschreibung und die Frage, wie Zugehörigkeit unter Bedingungen von Rassismus gedacht werden kann.
Im Zentrum steht das Aufwachsen als schwarzes Kind zunächst in der DDR und später im vereinigten Deutschland. Ogette beschreibt eine von Brüchen geprägte Kindheit: die frühe Trennung vom tansanischen Vater, ein politisch geprägtes Elternhaus und die permanente Erfahrung, als „anders“ markiert zu werden. Rassismus erscheint dabei nicht als Ausnahme, sondern als Strukturmoment des Alltags – in der Schule, im öffentlichen Raum, in beiläufigen Kommentaren. Die DDR wird in dieser Perspektive nicht als Gegenentwurf zur Bundesrepublik erzählt, sondern als eigener Kontext, in dem rassistische Zuschreibungen ebenso wirksam sind.
Der Übergang in die BRD führt dabei nicht zu einem Bruch, sondern zu einer Verschiebung der Erscheinungsformen. Während sich rassistische Praktiken in der DDR häufiger direkt und unverhohlen äußern, zeigen sie sich im vereinigten Deutschland subtiler: als Mikroaggressionen, sexualisierende Fremdzuschreibungen oder die andauernde Infragestellung von Zugehörigkeit. Das Buch arbeitet somit die Kontinuität rassistischer Strukturen über Systemgrenzen hinweg konsequent heraus, ohne historische Unterschiede zu nivellieren.
Charakteristisch für Ogettes Erzählweise ist die Verbindung von persönlicher Erfahrung und struktureller Analyse. Erinnerung wird dabei nicht als reine Rückschau verstanden, sondern als ordnender Zugriff auf gesellschaftliche Verhältnisse. In einem Gespräch beschreibt Ogette das Schreiben als „Resonanzraum“, in dem individuelle Erlebnisse und kollektive Erfahrungen ineinandergreifen. Zugehörigkeit erscheint dabei nicht als stabiler Zustand, sondern als fortlaufender Aushandlungsprozess.
Auffällig ist zudem die bewusste Zurückhaltung bei der Darstellung von Gewalt. Traumatische Erfahrungen werden zwar benannt, jedoch nicht ausgestellt oder dramaturgisch zugespitzt. Diese Entscheidung erzeugt eine kontrollierte, distanzierte Erzählhaltung, welche die analytische Klarheit des Textes stärkt, jedoch den emotionalen Zugang erschwert. Der Text bewegt sich somit konsequent zwischen Dokumentation und Selbstschutz.
„Trotzdem zuhause“ ist weniger eine klassische Autobiografie als vielmehr eine sozialanalytische Selbstverortung. DDR und BRD erscheinen darin nicht als gegensätzliche Systeme, sondern als unterschiedliche Ausprägungen einer gemeinsamen Strukturfrage: Wer wird als zugehörig betrachtet – und unter welchen Bedingungen? Obettes Antwort bleibt offen, ihre Stoßrichtung ist jedoch klar: Zugehörigkeit ist kein Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess.
Somit ist das Memoir weniger als persönliche Lebensgeschichte im engeren Sinne zu lesen, sondern vielmehr als Beitrag zu einer gesellschaftlichen Gegenwartsdiagnose. Es zeigt, wie Rassismus funktioniert, wie er sich verändert und warum er nicht verschwindet, nur weil sich politische Systeme wandeln. Zugleich stellt es eine zentrale, unbequeme Frage in den Raum: Wer gilt eigentlich als „zuhause“ – und unter welchen Bedingungen?
Tupoka Ogette
Trotzdem zuhause, Memoir
Penguin Verlag
256 Seiten, Hardcover, mit Schutzumschlag,
€ 23,00
Eine Empfehlung von Yvonne de Andrés
Yvonne de Andrés verbindet kuratorische Expertise mit kulturpolitischem Engagement. Als Kuratorin und Kulturmanagerin arbeitet sie für renommierte Verlage, Stiftungen und Organisationen. Besonders engagiert ist sie in der Gleichstellungspolitik: Sie war Mitglied im Vorstand des Deutschen Frauenrats und vertritt dort die Bücherfrauen. Aktuell kuratiert sie das Sachbuchprogramm der Doxumentale und ist für die Cordts Art Foundation tätig – an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und gesellschaftlichem Diskurs.
Bücherfrau des Jahres 2025
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